Aktuell zur EM: Berufsrisiko

Der Kopfball und die Demenz

Wer jährlich mehr als 1000 Kopfbälle spielt, könnte traumatische Hirnverletzungen erleiden.
Wer jährlich mehr als 1000 Kopfbälle spielt, könnte traumatische Hirnverletzungen erleiden. Bild PD

Wenn Fussballer Kopfbälle spielen, wirken bis zu 400 Kilogramm auf Schädel und Gehirn. Noch gibt es keine Gewissheit darüber, ob wiederholtes Kopfballspiel eine Demenz auslösen kann. Sportmediziner und Gewerkschafter mahnen zu erhöhter Aufmerksamkeit, warnen aber vor blindem Aktivismus.

Von Martin Mühlegg

Der Torwart kickt aus, der Ball fliegt in die andere Platzhälfte. Dort köpft ein Verteidiger den Ball in die umgekehrte Richtung und leitet damit einen Gegenangriff ein. Es ist eine Spielsituation, die oft zu sehen ist auf den Fussballplätzen dieser Welt. Ein Ball mit einem Druck von einer Atmosphäre und einer Geschwindigkeit von 90 Kilometern pro Stunde erzeugt beim Aufprall auf den Kopf ein Gewicht von 300 bis 400 Kilogramm. Bei der beschriebenen Szene dürften es etwa 200 Kilogramm gewesen sein.

Hilderaldo Luis Bellini führte 1958 die Nationalmannschaft Brasiliens als Kapitän zur Weltmeisterschaft. Als er 2014 starb, ging man davon aus, dass er an Alzheimer erkrankt war. Eine nachträglich durchgeführte Untersuchung der Universität Sao Paulo ergab eine andere Diagnose: Bellini war an einer chronisch traumatischen Enzephalopathie (CTE) gestorben. Diese durch wiederholte Erschütterungen des Gehirns verursachte Demenzform war bisher vor allem bei Boxern, American Football-Spielern und Catchern festgestellt worden. 

Freude am Ball macht vor Demenz nicht halt.
Freude am Ball macht vor Demenz nicht halt. Bild Véronique Hoegger

Eine Demenz war auch beim 2002 verstorbenen englischen Fussballer Jeff Astle diagnostiziert worden. Ein Gerichtsmediziner definierte damals wiederholte Traumata (Erschütterungen) als Ursache der Demenz. Astle hatte von 1964 bis 1974 bei den West Bromwich Albions gespielt. Die Bälle waren damals schwerer und weniger elastisch als sie es heute sind. Nach der Autopsie versprach der englische Fussballverband FA die Durchführung einer Langzeitstudie.

Bis heute wurde in England jedoch keine solche Studie veröffentlicht. Falls sich der Verdacht bestätigte, dass Fussballer einem hohen Demenzrisiko ausgesetzt sind, hätte dies für die ganze Branche weitreichende Folgen. Die Regeln müssten geändert werden, und Erkrankte und deren Angehörige würden die Verbände und Klubs auf Schadenersatz verklagen.

Astles Tochter Dawn ist davon überzeugt, dass sich die FA aus der schwierigen Situation herauswinden will. «Im März 2014 sagte man uns, dass die Studie nie beendet worden sei», sagte sie in einem Interview mit der «Zeit». «Bereits vor zwölf Jahren gab es genügend Beweise. Indem die FA das Thema jetzt einfach unter den Teppich kehrt, tut sie nicht nur meinem Dad und uns Unrecht an, sondern dem gesamten Sport.» Dawn Astle und ihre Familie glauben, dass der Fall ihres Vaters nur die Spitze eines Eisbergs ist.

Sind auch die ehemaligen Fussballer Rudi Assauer, Gerd Müller und Helmut Schön wegen wiederholten Kopfballspiels an einer Demenz erkrankt?

 Verschiedene Wissenschaftler haben sich dem Thema angenommen. Gross angelegte Langzeitstudien gibt es nicht. Radiologen hatten vor zwei Jahren bei kopfballstarken Spielern Nervenfaserrisse im Gehirn gefunden. Diese wurden mit schlechteren Leistungen in Gedächtnistests assoziiert.

Der Befund des US-amerikanischen Neurologen Michael Lipton lautet: Wer jährlich mehr als 1000 Kopfbälle spielt, könnte traumatische Hirnverletzungen erleiden.

Eine 2012 in Deutschland und den USA durchgeführte Studie zeigte auf, dass Fussballer Veränderungen im Gehirn haben, die in leichter Form denen von Patienten mit Gehirnerschütterung ähneln.

Speziell in den USA, wo etliche ehemalige American Football- und Eishockey-Profis an den Spätfolgen wiederholter Gehirnerschütterungen leiden, ist der Aktivismus gross.

Viele Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr American Football und Eishockey spielen. Auch der Kopfball (im Fussball) steht auf der schwarzen Liste. Der Anwalt Steve Bermann hat in den USA eine Klage gegen den Weltverband Fifa und die nationalen Verbände eingereicht. Er wirft den Organisationen vor, sie würden nichts unternehmen, um Spieler, im Speziellen Kinder und Frauen, zu schützen.

Von solchem Aktivismus hält der Zürcher Sportmediziner Gery Büsser wenig:

«Noch beisst eine Studie die andere. Erst im Jahr 2000 hat man sich dem Thema angenommen, und wir haben bis heute keine schlüssigen Ergebnisse. Der generalisierte Link, dass wiederholte Kopfbälle zu einer Demenz führen, ist nicht korrekt. Auch Menschen, die keinen Sport betreiben, zeigen ähnliche Veränderungen im Gehirn. Ein normaler Kopfball ohne gegnerische Einwirkung ist aus meiner Sicht nicht gefährlich. Wenn man die Regeln ändern und etwas verbieten will, sollte man wissenschaftliche Argumente haben, die auf besseren Beinen stehen.»

Trotz der unklaren wissenschaftlichen Lage widmen Sportmediziner dem Thema Kopfball und Demenz hohe Aufmerksamkeit. Gleiches gilt für die Spielergewerkschaften. Ulf Baranowski, Geschäftsführer der deutschen Fussballergewerkschaft VdV:

«Wir beschäftigen uns bereits seit längerer Zeit mit dem Thema. Es wird seit vielen Jahren geforscht, leider gibt es bisher aber noch keine eindeutigen Ergebnisse. Wichtig ist, dass die Forschung intensiviert wird, damit wir die Spieler besser schützen können. Wichtig sind auch Schnelltests, die am Spielfeldrand durchgeführt werden können. So könnte eine Gehirnerschütterung umgehend erkannt und der Spieler sofort ausgewechselt werden.»
Bereits haben einzelne Fussballverbände reagiert. In Skandinavien trainieren Kinder unter zwölf keine Kopfbälle mehr. In den USA spielen Kinder mit leichteren Bällen. (Einen interessanten Artikel zur Lage in den USA finden Sie hier.)

Eine gute Prävention ist die korrekte Kopfballtechnik. Wenn der Spieler «hinter dem Ball» steht und seine Nackenmuskeln angespannt hat, wird das Gehirn nicht oder nur wenig erschüttert. Eine viel negativere Wirkung haben Bälle oder Gegenspieler, die den Kopf unvorbereitet treffen.

Hier könnten sich die Fussballverbände von den Eishockeyverbänden inspirieren lassen. Als Teamarzt der ZSC Lions schreibt Gerry Büsser auch Spieler mit leichter Gehirnerschütterung für mindestens sieben Tage krank. Zudem werden Regelverstösse wie zum Beispiel der Check von hinten oder an den Kopf konsequenter und härter bestraft.

Regeländerungen, die zum Beispiel das Köpfen von langen Bällen oder gefährliche Kopfballduelle verhindern könnten, sind im Fussball nicht in Sicht. Dazu bräuchte es schlüssigere Forschungsergebnisse.

erschienen: 13.06.2016

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