Diagnose

Dement oder depressiv?

Das Gehirn von älteren depressiven Menschen scheint für Aussenstehende langsamer zu arbeiten.
Das Gehirn von älteren depressiven Menschen scheint für Aussenstehende langsamer zu arbeiten. Bild rawpixel

Im Alter äussern sich Depressionen oft mit Symptomen, die für eine Demenz typisch sind. Wie sich die beiden Krankheitsbilder voneinander unterscheiden lassen.

Von Felicitas Witte

Fühlt sich ein älterer Mensch antriebslos, kann sich nicht gut konzentrieren und hat immer wieder Schmerzen, kann eine Depression dahinter stecken. Denn im Alter äussert sich die Krankheit nicht immer mit klassischen Beschwerden wie Niedergeschlagenheit und Freudlosigkeit, sondern öfter mit kognitiven Problemen – also Störungen der Hirnfunktion.

Die Betroffenen können sich schlecht konzentrieren, vergessen öfter einmal etwas, und ihr Gehirn scheint für Aussenstehende langsamer zu arbeiten. Sie haben zum Beispiel Schwierigkeiten, ein Abendessen für die Familie zu planen oder Entscheidungen zu treffen.

Manche wirken apathisch oder im Gegenteil unruhig.

All diese Symptome kommen auch bei Demenzerkrankungen vor. «Die Unterscheidung ist selbst für Spezialisten schwierig», erklärt Ansgar Felbecker, Präsident der Swiss Memory Clinics und Leitender Arzt in der Neurologie im Kantonsspital St. Gallen

Was die Diagnose noch schwieriger macht: Die Krankheiten können gleichzeitig auftreten, und sie hängen miteinander zusammen. Depressive Menschen haben ein höheres Risiko, eine Demenz zu bekommen, und umgekehrt.

Letzteres lasse sich leicht erklären, sagt Felbecker: «Am Anfang einer Demenz realisieren die Betroffenen oft selbst, dass mit ihrem Hirn etwas nicht stimmt. Dass das traurig und hoffnungslos machen kann und womöglich in einer Depression endet, kann sich wohl jeder vorstellen.»

Menschen, die eine depressive Phase durchlebten, haben ein doppelt so hohes Risiko, an einer Demenz zu erkranken.

Mit jeder depressiven Episode erhöht sich die Wahrscheinlichkeit. Leidet der Betroffene dann zum Beispiel wieder einmal unter Antriebslosigkeit und Konzentrationsstörungen, könnten dies Symptome einer erneuten depressiven Phase sein oder aber erste Zeichen einer Demenz.

Gespräche und spezifische Tests

Forscher haben verschiedene Hypothesen aufgestellt, warum die beiden Krankheiten zusammenhängen. Diskutiert werden insbesondere eine Fehlregulation des Stresshormon-Gleichgewichts mit erhöhten Cortisolspiegeln, eine latente Entzündung im Körper, ein Ungleichgewicht von Botenstoffen im Hirn oder Durchblutungsstörungen durch Gefässverengungen.

Mit entsprechender Veranlagung könnte deshalb jemand an einer Demenz erkranken, ein anderer an einer Depression und der Dritte sogar an beiden Krankheiten.

Die Diagnose einer Depression stellt ein Arzt dann, wenn der Patient zwei Wochen lang oder länger unter mindestens zwei von drei sogenannten Hauptsymptomen leidet – das sind gedrückte Stimmung, Interessenverlust/Freudlosigkeit sowie Antriebsmangel/erhöhte Ermüdbarkeit – und gleichzeitig unter mindestens zwei Nebensymptomen.

Dazu gehören zum Beispiel Konzentrationsstörungen, das Gefühl, an allem schuld zu sein oder nicht mehr aus der Situation herauszukommen (siehe Kasten rechts).

Für die Diagnose einer Demenz braucht es Gespräche, neuropsychologische Tests, Laboruntersuchungen und Aufnahmen des Hirns.

«Hilfreich sind vor allem Gespräch und Tests», sagt Robert Perneczky, Leiter des Alzheimer-Therapie- und Forschungszentrums an der Ludwig-Maximilians- Universität in München. Patienten mit Depressionen tendieren eher dazu, ihre Beschwerden zu übertreiben, während diejenigen mit Demenz lieber bagatellisieren: «Ach, jeder vergisst doch einmal etwas.»

Depressive klagen mehr über ihre Symptome, Demenzkranke wollen sie kaschieren.

Zu den klassischen Demenz-Tests gehören Erinnerungstests. Der Untersucher sagt zum Beispiel drei Wörter, und nach einer Weile soll der Patient diese wiederholen. Sowohl Menschen mit Depressionen als auch diejenigen mit Demenz können sich Wörter schlecht merken. Die Depressiven erinnern sich aber, wenn der Arzt ihnen eine Liste mit Wörtern vorlegt, in der die Begriffe enthalten sind.

«Das Lernen an sich funktioniert, wenn man depressiv ist, es fehlt nur der Antrieb, den es zum Erinnern braucht», erklärt Perneczky. Einem Alzheimer- Patienten gelingt es hingegen auch mit einer Hilfsliste nicht, sich zu erinnern.

Ansgar Felbeck.
Ansgar Felbeck. Bild PD

Ein weiterer Hinweis kann sein, ob die Ärzte in den Tests bestimmte «Muster» erkennen. Ein Mensch mit Demenz hat zum Beispiel Probleme in Gedächtnistests, aber in Konzentrations- und Sprachtest schneidet er noch gut ab. «Das ist logisch, denn die Krankheit breitet sich im Gehirn nach einem bestimmten Muster aus, und dies spiegelt sich in den Tests wider», erklärt Ansgar Felbecker.

Anders im Falle einer Depression: Hier sind viele oder sogar alle Tests auffällig. Das könne es zwar auch bei einer Demenz geben, sagt der Fachmann. «Aber im Gegensatz dazu kommen depressive Menschen trotz sehr schlechten Tests im Alltag recht gut klar.» Habe ein Patient schlechte Tests, fahre aber allein mit Tram oder Bus zur Untersuchung, spreche das für eine Depression.

Psychotherapie hilft Senioren

Manchmal gelingt es selbst ausgewiesenen Spezialisten nicht, die Diagnose zu stellen. «Wir behandeln dann erst einmal die depressiven Symptome und schauen, ob es etwas bringt», sagt Robert Perneczky. Eine Psychotherapie kann Senioren mit Depressionen ebenso gut helfen wie jüngeren Menschen. Ob sie genauso von Antidepressiva profitieren, ist allerdings unklar.

Im Falle einer schweren Depression scheint die Kombination aus Psychotherapie und Antidepressivum wirksamer zu sein als eine der Massnahmen allein. Eine Demenzerkrankung lässt sich indes nach wie vor nicht heilen.

«Mich ärgert es, wenn Journalisten immer wieder euphorisch von neuen bahnbrechenden Therapien berichten», sagt Perneczky. «Viel wichtiger wäre, darüber zu schreiben, wie man sein Risiko für eine Demenz senken kann.»

Nämlich indem man sich ausgewogen ernährt, Bluthochdruck, erhöhte Fettwerte und Diabetes gut therapiert, Übergewicht vermeidet, nicht raucht, sich regelmässig bewegt und ein aktives geistiges und soziales Leben führt. Letzteres verringert dann gleich auch das Risiko für eine Depression, ist aber mit den derzeit herrschenden Einschränkungen schwierig.

Doch gerade jetzt sollte man soziale Isolation vermeiden und sich regelmässig sehen, rät Ansgar Felbecker. «Das geht ja nicht nur online, sondern mit ausreichendem Abstand auch persönlich.»


Depressionen

Das sind die wichtigsten Hinweise:

Hauptsymptome

  • Gedrückte Stimmung
  • Kein Interesse und keine Freude mehr an Aktivitäten, die einem früher noch Spass machten
  • Kraft und Energie fehlen, man ist schnell müde

Nebensymptome

  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Gefühl, an allem schuld oder wertlos zu sein
  • Mangelndes Selbstwertgefühl
  • Negative Gedanken über die Zukunft
  • Gedanken, sich selbst etwas anzutun, oder Selbsttötungsversuch
  • Appetitlosigkeit
  • Schlafstörungen

Leichte Depression: 2 Haupt- und 2 Nebensymptome (mindestens 2 Wochen)
 
Mittelschwere Depression: 2 Haupt- und 3 bis 4 Nebensymptome(mindestens 2 Wochen)
 
Schwere Depression: 3 Haupt- und mindestens 4 Nebensymptome (mindestens 2 Wochen)
 
Zusätzliche Symptome

  • Unsicherheit beim Treffen von Entscheidungen
  • Keine Freude bei erfreulichen Ereignissen
  • Selbstzweifel
  • Ständiges Grübeln
  • Man wacht morgens Stunden vor dem Weckerklingeln auf
  • Quälende innere Unruhe
  • Gefühl, körperlich gehemmt zu sein
  • Gefühl, langsam zu denken
  • Generelle Angst
  • Ungewollter Gewichtsverlust
  • Keine Lust auf Sex

Quelle: ICD-Klassifikation

erschienen: 27.01.2021

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