Medizinisches Cannabis

Grünes Gold oder Schall und Rauch?

Cannabidiol (CBD) könnte eine positive Rolle bei zahlreichen weit verbreiteten Krankheit spielen. Es steigert die Lebensqualität der Betroffenen und ist zudem gut verträglich, auch wenn es über lange Zeit konsumiert wird.
Cannabidiol (CBD) könnte eine positive Rolle bei zahlreichen weit verbreiteten Krankheit spielen. Es steigert die Lebensqualität der Betroffenen und ist zudem gut verträglich, auch wenn es über lange Zeit konsumiert wird. Bild PD

Der Iniquisitionspapst Innozenz VIII betrachtete Cannabis als «des Teufels», die Rastafari sehen darin einen Schlüssel zu einem höheren Bewusststein. Die Wissenschaft ist geteilter Meinung über seinen therapeutischen Wert, obwohl zahlreiche Patienten Cannabis nutzen, um ihre Symptome zu lindern. Was hat es mit der Pflanze auf sich?

Von Alexandra Breaud

Forscherinnen, Patienten, Vertreter von Behörden und Pharmafirmen – fast 300 Personen aus der Schweiz, Israel, Tschechien, Uruguay oder Frankreich trafen sich kürzlich im Berner Inselspital an der Tagung der Schweizer Arbeitsgruppe Cannabinoide in der Medizin (SACM).

Die Mitglieder der 2009 gegründeten Arbeitsgruppe sind Pharmazeuten, Mediziner, eine Pflegefachfrau, ein Jurist, ein Psychologe und ein Agronom.

Cannabis polarisiert, sowohl in der Bevölkerung als auch in Wissenschaft und Politik. Die Diskussionen sind leidenschaftlich und kontrovers. Die Pflanze habe unzählige positive Eigenschaften: Sie wirke angstlösend, entzündungshemmend, hydratisierend, antioxidativ und gar krebshemmend.

«Ich leide seit drei Jahren an Krebs. Cannabis hilft mir enorm gegen die Nebenwirkungen der Therapie. Aber mein behandelnder Arzt ist sehr skeptisch.»

Patientin
Auch wenn viel über die Substanz geredet wird, bleiben die Gesundheitsfachpersonen misstrauisch.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Cannabis in medizinischen Präparaten verwendet. Seit den 1950er Jahren verschärfte sich die Gesetzgebung und der Konsum von Cannabis wurde verboten. In der Medizin verschwand Cannabis mit dem Aufkommen von Aspirin und Barbituraten aus den Arzneibüchern.

Gemäss den Zahlen des Bundesamts für Gesundheit BAG konsumiert fast ein Drittel der über 15-jährigen Bevölkerung Cannabis, womit es die am häufigsten konsumierte illegale Substanz ist.

Die Verschreibung von Cannabis zu medizinischen Zwecken ist in rund 20 Ländern erlaubt, auch in der Schweiz. «Unter Cannabisarzneimitteln versteht man die Gesamtheit der verwendeten Cannabisprodukte, inklusive Blüten, unabhängig von der rechtlichen Einstufung», schreibt das BAG.

In der Schweiz darf ein Arzt oder eine Ärztin cannabishaltige Arzneimittel verschreiben (oft sogenannte Magistralrezepturen). Die Rechtsprechung ist jedoch strikt: Der behandelnde Arzt muss beim BAG ein detailliertes Gesuch stellen, zusammen mit der schriftlichen Einwilligung des Patienten.

Die Bewilligung ist zeitlich limitiert und muss mindestens 3 Wochen vor Ablauf verlängert werden. Ein Grossteil betrifft Patientinnen und Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose (s. Interview ).

CBD und THC

Seit 2016 ist in der Schweiz der Handel und Erwerb von CBD-Produkten legal. Cannabidiol (CBD) ist einer der zahlreichen Inhaltsstoffe von Cannabis und unterliegt dem Lebensmittelgesetz. Dieses legale Cannabis enthält 10 bis 20 Prozent CBD.

Der Gehalt an psychoaktivem Tetrahydrocannabinol (THC) darf dabei nicht höher als ein Prozent sein. Das auf dem Schwarzmarkt erhältliche Cannabis enthält oft mehr als 20 Prozent THC. THC steigert den Appetit, wirkt gegen Übelkeit, fördert die Muskelentspannung und lindert Schmerzen.

CBD hingegen wirkt weder psychoaktiv noch macht es abhängig. Man kann CBD zwar rauchen, besser konsumiert man es aber in Form von Öl oder als Spray. Im Gegensatz zu THC hat CBD weniger Nebenwirkungen, wie z. B. Tachykardie oder Angstzustände. Zudem macht es nicht schläfrig, sondern soll sich positiv auf die Konzentrationsfähigkeit auswirken.

Wie THC hat auch CBD ein breites Wirkspektrum. So kann es chronische Schmerzen und Rückenbeschwerden lindern, hilft bei Schlafproblemen, besänftigt Ängste und Symptome von posttraumatischem Stress. Seine immunmodulierende Wirkung macht CBD interessant bei Autoimmunerkrankungen.

Auch wirkt es entzündungshemmend, was weitere Möglichkeiten erschliesst, zum Beispiel bei der Behandlung von Akne. Besonders vielversprechend ist diese Wirkung jedoch im Bereich der Krebserkrankungen, denen in 15 bis 20 Prozent der Fälle chronische Entzündungen vorausgehen.

Letztere können zudem die Entstehung von Diabetes begünstigen. Andere Forschungsarbeiten zeigen einen positiven Effekt bei Epilepsie oder Morbus Crohn. Bis anhin nur wenig erforscht ist seine hämodynamische Wirkung, die Patienten mit Herz-Kreislauferkrankungen zugute kommen könnte.

CBD scheint zudem das Tumorwachstum zu hemmen und die Neuronen zu schützen.

Die Substanz könnte also bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson und Alzheimer zum Einsatz kommen, bei welchen CBD die Symptome lindert.

Kurz gesagt: Cannabidiol könnte eine positive Rolle bei zahlreichen weitverbreiteten Krankheit spielen. Es steigert die Lebensqualität der Betroffenen und ist zudem gut verträglich, auch wenn es über lange Zeit konsumiert wird.

Nebenwirkungen kommen selten vor, am ehesten kommt es zu Müdigkeit und Problemen mit der Verdauung.

Ist Cannabis also ein Wunderheilmittel?

Medizin und Wissenschaft können sich auf etwas einigen: Mehrere Studien legen ein medizinisches Potenzial von Cannabis nahe, doch oft handelt es sich nur um kleine Stichproben oder um Studien mit Versuchstieren.

«Häufig ist auch die Methodologie problematisch», erklärt die St. Galler Pflegefachfrau Bea Goldmann. Zwar gibt es zahlreiche persönliche Erfahrungsberichte, aber praktisch keine grossangelegten Studien. Auch das BAG vertritt diese Haltung:

«Die Wirkung dieser Substanzen ist noch nicht genügend wissenschaftlich erwiesen. Zahlreiche Anwendungen wurden in Form von Erfahrungsberichten beschrieben, aber bis jetzt gibt es keine klinische Studie, die ihre Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit beweisen würde. Ein solcher Nachweis wäre die Voraussetzung dafür, dass Swissmedic ein Medikament auf Cannabisbasis zulässt und es von den Krankenkassen übernommen wird.»

Anfang 2018 kam ein systematisches Review der Forschung über die medizinische Nutzung von Cannabis zum Schluss, dass die Nebenwirkungen doch häufiger als die erwünschten Wirkungen sind und es keine nachweisbare Verbindung zwischen der Lebensqualität und dem Konsum von Cannabis gibt (Le Médecin de famille canadien, vol. 64., Februar 2018).

Die Haltung der Behörden ist nicht wirklich eindeutig: Die meisten Staaten verlangen verlässliche Daten, während der rechtliche Rahmen in der Mehrzahl der Länder gar keine grossangelegten Studien zulässt. Oft werden ethische Bedenken angeführt, denn Cannabis gilt nach wie vor in erster Linie als Betäubungsmittel.

Die Verfechter des medizinischen Einsatzes von Cannabis sowie Patientenorganisationen – die sehr aktiv bessere Daten verlangen – beklagen zudem einen weiteren Widerspruch:

Die Medizin verwendet Zahlreiche süchtig machende und schädliche Substanzen, mit dem Unterschied, dass über sie keine derart hitzigen Debatten geführt werden.

Dennoch gibt es Bewegung. BAG-Direktor Pascal Strupler erklärte an der SACM-Tagung, dass es in der Schweiz einen Trend hin zu einer Erleichterung des Zugangs zu medizinischem Cannabis gebe und die Bundesbehörden gewillt seien, wissenschaftliche Pilotstudien zu ermöglichen. Dennoch brauche es noch Geduld.

Grundsätzlich wäre eine Deregulierung oder gar Legalisierung von Cannabis für die Behörden verführerisch, denn eine Steuer auf Cannabis und seine Derivate wäre eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle, wie das Beispiel von Colorado zeigt, wo Cannabis legal ist.

2018 stiegen die Einnahmen aus dem Verkauf von Cannabis auf über 1 Milliarde Dollar, was dem US- Bundesstaat Colorado 200 Millionen Dollar in die Kassen spülte.

In Kanada führte die Legalisierung des Verkaufs und Konsums von Cannabis im Herbst 2018 zu einem Höhenflug der Wertpapiere. Auf Seiten der Industrie begannen sich Nahrungsmittelriesen sowie Tabak- und Kosmetikproduzenten sehr für Cannabis zu interessieren.

Sowohl der Neurologe Claude Vaney, ein Pionier der Forschung zu medizinischem Cannabis und Gründungsmitglied der SACM, wie auch der Arzt und Suchtspezialist Daniele Zullino von den Genfer Universitätsspitälern HUG betonen, dass es unmöglich sei, vorherzusagen, wie die Patienten auf Cannabis reagieren.

Auch gebe es keine Standarddosierung, alles hänge vom Patienten und seiner Erkrankung ab. Da die einzelnen Patienten sehr unterschiedlich auf Cannabis reagieren, wählen die Gesundheitsfachpersonen den individuellen Weg, oft aber erst dann, wenn keine Alternative funktioniert hat.

Schützen, kontrollieren, informieren

Mit über 80 Cannabinoiden und weiteren aktiven Substanzen hat die Hanf-Pflanze der Wissenschaft wohl noch nicht alle ihre Geheimnisse preisgegeben.

Die Vereinfachung des Zugangs zu medizinischem Cannabis einerseits und die Durchführung von Pilotstudien andererseits würden sicherlich zu Fortschritten führen, ebenso wie Veränderungen in der Regulierung der Substanz. Dies umso mehr, wenn multinationale Firmen in dieser Richtung aktiv werden.

Vor einigen Jahren hatte ein Behördenvertreter an einer früheren SACM-Tagung noch erklärt, man dürfe den Zugang zu medizinischen Cannabis dürfe nicht erleichtern, da dies schlicht und einfach zu einer Legalisierung von Cannabis führen würde.

Muss man sich nun auf diese Möglichkeit einstellen? Viele Akteure aus dem Bereich der Prävention und der Behandlung von Suchterkrankungen machen sich Sorgen, falls der Zugang zu einfach und damit – vor allem für Jugendliche – ein Anreiz zum Konsum geschaffen würde. 

Vor diesem Hintergrund haben die Präventionsfachleute die Führung übernommen. Gemeinsam mit der Interessengemeinschaft IG Hanf hat die GREA ein Regulierungsmodell für Schweizer Verhältnisse erarbeitet, das sowohl gesundheitliche als auch wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt.

Ihr Vorschlag beinhaltet eine Beschränkung der Werbung, eine Besteuerung der Produkte nach dem Gefährdungsgrad des Stoffs oder auch eine nationale Kontrollbehörde.

Die uruguayische Ärztin und Forscherin Raquel Peyraube erklärte an der Tagung des SACM, dass eine Vertrauensbeziehung zwischen Gesundheitsfachperson und Patient beim medizinischen Gebrauch von Cannabis besonders notwendig sei und betonte die fundamentale Bedeutung der Patientenedukation.

Doch es gehe ebenfalls um die Information der gesamten Bevölkerung, egal ob das Produkt nun in der Freizeit oder zur Therapie konsumiert werde.

 

Schweizer Gesetzgebung zu CBD

Ein Lebensmittel wie jedes andere?

Der Verkauf und der Konsum von CBD fällt in der Schweiz nicht unter das Betäubungsmittelgesetz – im Gegensatz zu Produkten mit einem hohen THC-Gehalt. Cannabidiol untersteht auch nicht dem Heilmittelrecht, sondern gilt als Lebensmittel.

Das bedeutet, dass ein Produkt auf der Basis von CBD als Tabakersatzprodukt eingestuft wird und keine ärztliche Verschreibung dafür notwendig ist. Produkte auf der Basis von CBD werden in Apotheken, an Kiosken und auch bei Grossverteilern verkauft, dies in sehr unterschiedlicher Form (Tee, Bisquits, Schokolade…).

Da CBD-Produkte unter das gleiche Gesetz wie Lebensmittel fallen, kann der CBD-Gehalt beträchtlich variieren. Rechtlich gesehen muss der Anteil an CBD in einem Produkt nicht deklariert werden, ebenso wenig wie seine Qualität.

Dieser Beitrag erschien in der Zeitschrift «Krankenpflege» des SBK (Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner), Nr.3/2019. Herzlichen Dank an die Redaktion für die Gelegenheit der Zweitverwertung.

erschienen: 10.04.2019

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