Akut-Psychiatrie

«Irgendwann kommen die Arrangements an ihre Grenzen»

Psychische Begleitstörungen von Menschen mit Demenz können zu dramatischen Ereignissen führen.
Psychische Begleitstörungen von Menschen mit Demenz können zu dramatischen Ereignissen führen. Bild PD

Was dient dem Wohl eines Menschen mit Demenz, der in grosser Not sich und seine Mitmenschen gefährdet? Dem Oberarzt Florian Riese stellt sich diese Frage fast täglich. Am St. Galler Demenzkongress wird er seine über seine Forschungstätigkeit im Bereich «Lebensqualität bei Demenz» referieren.

Von Martin Mühlegg

Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (PUK), Abteilung Geriatrie: Die im Osten der Stadt Zürich gelegene Institution ist das unterste Auffangnetz, wenn Menschen mit Demenz und/oder ihre Betreuenden an ihre Grenzen kommen oder darüber hinaus belastet werden.

Oft befinden sich die Eintretenden in grosser Not, nicht wenige davon verhalten sich in ihrer Überforderung aggressiv, gefährden sich und ihre Mitmenschen. In solchen Fällen sind der Oberarzt Florian Riese und seine Mitarbeitenden stark gefordert. Innert Kürze müssen sie entschieden, was dem Wohl des Patienten dient und wie er seine abhanden gekommene Lebensqualität zurückerlangen kann.

Die PUK in Zürich.
Die PUK in Zürich. Bild PD

Unterstützung beim Treffen solcher Entscheidungen erhält Florian Riese von seiner Tätigkeit als Forscher. Im Auftrag des Universitären Forschungsschwerpunkts «Dynamik Gesunden Alterns» der Universität Zürich beschäftigt er sich mit dem Bereich «Lebensqualität bei Demenz».

Am St. Galler Demenzkongress wird er die Ergebnisse der «Zürcher Studie zur Lebens- und Sterbequalität von Pflegeheimbewohnenden» vorstellen. An diesen Studien beteiligen sich neben Forschern der PUK unter anderem die Sonnweid und die Pflegezentren der Stadt Zürich.

alzheimer.ch: Welche Patienten kommen zu Ihnen?

Florian Riese: Einerseits sind es Patienten, die stark verhaltensauffällig und körperlich in sehr guter Verfassung sind. Zu dieser Gruppe gehören beispielsweise jung erkrankte Menschen mit frontotemporaler Demenz mit viel Bewegungsdrang. Ihre Betreuung ist eine Herausforderung. Andererseits haben wir ältere Patienten, die körperlich gebrechlich und verhaltensauffällig sind.

Welche Situationen machen einen Eintritt in die Psychiatrische Klinik nötig?

Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Es gibt Versorgungs-Arrangements, die über eine gewisse Zeit stabil sind. Irgendwann kommen diese Arrangements an ihre Grenzen. Manchmal funktionieren sie noch eine Weile, obwohl sie über ihre Grenzen strapaziert werden.

Irgendwann sind alle extrem stark belastet und erschöpft, und das Arrangement bricht auseinander. Dies kann zu Hause, in einem Heim oder in einem Spital geschehen. Heute wird bei uns ein Mann wegen einer fürsorglichen Unterbringung eintreten. Seine Nachbarn haben Schreie aus der Wohnung gehört. Sie haben die Polizei gerufen. Seine Frau ist auch an einer Demenz erkrankt, sie haben sich beschimpft und geschlagen.

St. Galler Demenzkongress

«Freiheit leben – (gem)einsame Wünsche und Hoffnungen» – dieses Thema steht im Fokus des St.Galler Demenz-Kongresses 2018. Der Kongress bietet aktuelle Inhalte rund um das Thema Demenz mit Perspektiven aus Forschung und Praxis. Im Rahmen der Sessions haben die Teilnehmer die Möglichkeit, sich mit einem der Schwerpunkte näher vertraut zu machen. alzheimer.ch ist offizieller Medienpartner und wird in den kommenden Wochen mehrmals über den Kongress berichten.
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Wie handeln Sie, wenn dieser Mann anderen Patienten oder Mitarbeitern gefährlich wird?

Zu Angriffen kann es kommen, weil ein Patient nicht versteht, in welcher Situation er ist. Er will sich verteidigen. Wir können unsere Arbeit erst beginnen, wenn diese akute Gefährdung behoben ist. Abgesehen davon müssen wir ein gewisses Risiko eingehen, damit die Menschen sich selber sein können.

Wir wollen ja das Bestmögliche für diese Personen und eine Optimierung vornehmen. Es ist keine Optimierung, wenn wir jemanden mit Medikamenten oder Gurten festbinden und als unbewegliche Person wieder entlassen. In diesem Fall hätten wir unsere Arbeit schlecht oder gar nicht gemacht. So funktionieren wir nicht.

Sie müssen in vielen Situationen abwägen, was das Richtige ist...

Der erste Leitgedanke ist das Wohl des Patienten. Dies ist in einer solchen Situation nicht einfach herauszufinden. Meist können wir die betroffene Person nicht befragen. Wenn man gesunde Menschen oder die Angehörigen unserer Patienten befragt, drücken sie sich klar aus.

Die Vorstellung, dass man einmal aggressiv wird gegenüber anderen Personen, finden alle furchtbar. Niemand will inkontinent werden, niemand will eine Demenz haben, niemand will persönlichkeitsverändert sein. Niemand will unkontrolliert aggressiv sein. Es ist im Kerninteresse der Patienten, dass sie nicht Dinge tun, die mit ihrem früheren Sein nicht zusammenhängen.

Wie stehen Sie zur medikamentösen Fixierung und Bewegungshemmung?

Aus meiner Sicht sehen das viele Menschen als ein grösseres Problem, als es eigentlich ist. In vielen Köpfen ist noch immer dieses Vorurteil von der Psychiatrie: Sie macht Menschen mit Medikamenten bewegungsunfähig.

Aggression heisst wörtlich übersetzt: Sich auf jemandem oder etwas zu bewegen.

Es ist vor allem ein Annähern in kommunikativer Absicht. Die Person drückt durch die Annäherung etwas aus, und damit müssen wir umgehen.

Ist die Psychiatrie besser als ihr Ruf?

Es gibt noch immer Misstrauen. Unsere Aufgabe ist sehr schwierig: Die Menschen kommen auf dem Höhepunkt von grossen Krisen zu uns, die meisten von ihnen gegen ihren Willen. Es ist auch für die Angehörigen schwierig. Am Wochenende haben sie Kaffee getrunken mit dem Vater. Jetzt ist er von der Polizei hergebracht worden, weil er jemanden geschlagen haben soll.

Florian Riese
Florian Riese Bild PD

Sie müssen in schwierigen Situationen das tun, was oft an der Psychiatrie kritisiert wird.

Es ist eine schwierige Gratwanderung. Wir pflegen Menschen mit Demenz, und dies geschieht auch gegen einen gewissen Widerstand. Unsere inkontinenten Patienten verstehen oft nicht, was bei der Intimpflege mit ihnen passiert. Sie deuten es als Angriff, schieben die Pflegenden weg oder versuchen, sie zu schlagen.

Es kommt auch vor, dass ein Patient im Aufenthaltsraum für andere Patienten bedrohlich wird. Wenn ein Patient dies wiederholt macht, müssen wir auch mit Medikamenten arbeiten. Wir sind ja für die Sicherheit von allen Patienten verantwortlich.

Müssen solche Patienten sediert werden?

Wenn die Gefährdung sehr akut ist, spielt auch die Sedierung eine Rolle. Aber es gibt eine ganze Reihe von Medikamenten, die gegen Aggression wirken und nicht beruhigend sind im engeren Sinn. Diese Medikamente müssen über eine gewisse Zeit eindosiert werden, um ihre Wirkung zu entfalten.

Bei dem Mann, der heute bei uns eintritt, müssen wir mit Medikamenten dafür sorgen, dass er weniger aggressiv wird. Nachher werden wir abklären, was wir für ihn erreichen können. Zuerst kommt die Akutbehandlung, die Ruhe hereinbringen wird. Nachher schauen wir, welche Hintergründe seine Aggression hat und was wir dagegen machen können.

Gibt es heute bessere Medikamente als vor zehn Jahren?

Früher hat es neue Medikamente gegeben, und in Zukunft wird es auch neue Medikamente geben. Es ist Einiges mit anderen Wirkmechanismen in Entwicklung, und davon erhoffe ich mir etwas.

Für mich sind die nicht-medikamentösen Verfahren wichtiger.

Es gibt Musik-Therapie, Handmassagen und vieles mehr. Aromatherapie kann gegen Bewegungsunruhe helfen. Noch wichtiger ist der zwischenmenschliche Kontakt als solcher. Es müssen Menschen da sein, die unsere Patienten begleiten und sich verständnisvoll um sie kümmern.

Wie lange wird der Mann, der heute eintritt, bei Ihnen bleiben? Wie stehen seine Chancen auf Besserung?

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt 30 Tage. Wenn ich nicht daran glauben würde, dass wir für alle Menschen einen Fortschritt erreichen können, würde ich diese Arbeit nicht machen. Fast ausnahmslos gelingt es uns. Es gibt aber auch Patienten, die gesundheitlich abbauen und die wir palliativ betreuen und pflegen. Aber auch hier versuchen wir das Bestmögliche, auch hier können wir unsere Arbeit gut machen. Entsprechende Rückmeldungen bekommen wir auch von Angehörigen.

Die Akut-Psychiatrie ist das unterste Auffangnetz für Menschen mit Demenz. Trotzdem liegen in Ihrem Büro viele Broschüren mit Grundlageninformationen auf. Betroffene und Ihre Angehörigen sollten doch spätestens mit der Diagnose informiert und aufgeklärt werden...

Es gibt die sinnvolle Idee, dass bei der Demenz-Diagnosestellung der Aufklärungsprozess in Gang kommt. Der Verlauf und die möglichen Folgen der Demenz-Erkrankung werden besprochen. Das Informations- und Gesprächsbedürfnis ist damit nicht vollständig gedeckt.

Ich glaube, wir alle müssen auf allen Ebenen ständig mitarbeiten, damit die Bedürfnisse der Angehörigen nach Information, Reflektion und Austausch aufgefangen werden können. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht allein an eine Memory-Klinik oder die Alzheimer-Vereinigung delegiert werden kann.

Zu Ihnen kommen vor allem Menschen mit schwerer Demenz. Gibt es in diesem Bereich ein Informationsdefizit?

Wir entwickeln jetzt einen eigenen Leitfaden für Angehörige von Menschen mit fortgeschrittener Demenz, weil es darüber nur wenig Informationen gibt. Im Leitfaden geht es um Themen wie Sterben, Spiritualität, Ernährung und so weiter. Die gesellschaftliche Diskussion über Demenz beschränkt sich meist auf den Anfang der Erkrankung. Unmittelbar nach der Diagnose will man noch nicht über Wundpflege oder Sterbebegleitung sprechen, sondern über den Vorsorgeauftrag oder die Fahrtüchtigkeit.

erschienen: 19.08.2018

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