Fehlentwicklung

Isolation fördert die Krankheitskarriere

Die Autorin stellt die provokante Frage: «Sind Psychopharmaka ein Mittel gegen Personalnotstand?»
Die Autorin stellt die provokante Frage: «Sind Psychopharmaka ein Mittel gegen Personalnotstand?» Bild Véronique Hoegger

Immer grössere Mengen Psychopharmaka werden an betagte Menschen abgegeben. Stecken dahinter nur Wirtschaftsinteressen oder ist ein unsachgerechter, fahrlässiger Umgang mit diesen Medikamenten mitverantwortlich für diese Steigerung? Geben die Zahlen Hinweise auf Fehlentwicklungen im Pflege- und Gesundheitssektor?

Von Melanie M. Klimmer

Laut der Wissenschaftsjournalistin und Buchautorin Cornelia Stolze stiegen die Tagesdosen für Psychopharmaka In Deutschland innert neun Jahren um 780 Prozent.1 

«Im institutionellen Rahmen, beispielsweise in Alten- und Pflegeheimen, erhalten über 70 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner ein Psychopharmakon, meist ein Neuroleptikum», sagt der Chefarzt der gerontopsychiatrischen Abteilung am LWL-Klinikum in Gütersloh, Dr. Bernd Meißnest gegenüber der Autorin.

Dabei seien die Auswirkungen dieser Präparate bei älteren Menschen «unberechenbar» und die gewünschte therapeutische Wirkung würde oft gar nicht erzielt. Komme hinzu, dass die Betroffenen oft «nicht hinreichend in der Lage sind, Wirkungen und Nebenwirkungen von Neuroleptika zu schildern, so dass die beobachtete Wahrnehmung Dritter für die Gabe und Dosierung entscheidend ist», schreibt der Facharzt in einer seiner 11 Thesen für einen Expertendialog der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. (DGSP) 2009.

Neuroleptika, die der Behandlung von Psychosen vorbehalten und für den Einsatz in der Demenzbehandlung nicht zugelassen sind, würden häufig gar nicht vom Facharzt verordnet, so der Experte, sondern «oftmals auf Drängen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Institution durch den Hausarzt verschrieben».

Im Rahmen der ärztlichen Therapiefreiheit können Neuroleptika auch zur Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz eingesetzt werden.

Dafür sorge ein juristisches Hintertürchen, der «individuelle Therapieversuch», so die Wissenschaftsjournalistin und Autorin von «Verdacht Demenz» Cornelia Stolze. «Wer nicht engagierte Dritte, wie Angehörige, Pflegekräfte oder Ärzte hat, kommt bis zum Lebensende da nicht mehr heraus.»

Herausforderndes Verhalten, im Fachjargon gerne als «Stören von Abläufen» bezeichnet, sei häufig Ausdruck von Verzweiflung, Angst und Unsicherheit, sagt Professor. Dr. Albert Diefenbacher, Chefarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Berliner Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge.

Dagegen könne man mit einfachen pflegerischen Interventionen, einer entsprechenden Grundhaltung und guter Beobachtungsgabe Verhaltensauffälligkeiten positiv beeinflussen, so der Mediziner weiter.

Neuroleptika – ein Rezept gegen erhöhten Betreuungsaufwand, ökonomischen Druck und Personalnotstand?

Viele vorgehaltene, charakteristische Alzheimer-Symptome, so Stolze, können in Wirklichkeit die Folge von behandelbaren Grunderkrankungen, wie Leberfunktionsstörungen oder einer Schilddrüsenunterfunktion sein oder geben Hinweis auf eine Mangelsituation: Mangelernährung, Dehydrierung, schlecht behandelter Diabetes, soziale Vereinsamung. Heute kenne man rund 50 Erkrankungen, die demenzähnliche Symptome hervorrufen können, so Stolze.

«Die Betroffenen sind auf die Fürsprache Dritter angewiesen, die mit den Ärzten oder Pflegekräften verhandeln», schreibt Dr. Bernd Meißnest in einer Stellungnahme. Für die praktische Arbeit sei es daher entscheidend, dass unmittelbar dort, wo die betreffende Person lebe, die Mitarbeiter des Alten- und Pflegeheimes oder der ambulante Pflegedienste den «roten Faden» in der Hand behielten.

«Hier haben die Mitarbeiter der Pflege die die grösste Einflussmöglichkeit auf ärztliche Entscheidungen», so Meißnest. Die umfassende und fürsprechende Darstellung komplexer Symptome im Sinne der Betroffenen und die Zusammenarbeit mit entsprechenden Fachärzten sollte demnach vorrangig bleiben. Dafür brauche es aber kontinuierliche Weiterbildung und Beratung, so Meißnest weiter.

Die Entwicklung neurodegenerativer Erkrankungen kann jedoch nicht nur auf physische Ursachen zurückgeführt werden. Demenz habe auch eine soziale Komponente. Darauf verweist Bernhard Mann, Professor für Gesundheits- und Sozialmanagement an der Fachhochschule des Mittelstandes Bielefeld und für Versorgungsforschung an der Berlin School of Public Health der Charité.

«Wenn der alte Mensch sozial verletzt wird, indem er an den Rand der Gesellschaft gedrängt und isoliert wird, fördert das auch seine Krankheitskarriere.»

Bernhard Mann
Entscheidend sei, wie mit einem umgegangen werde: «Wird auf meine Potenziale oder auf meine Fehlleistungen geachtet?» Würden Letztere mehr gewichtet, erhalte man sehr schnell ein Demenzbild, sagt Mann im Interview.

Bernhard Mann
Bernhard Mann Bild PD

«Gesundheit ist eine komplexe Interaktion. Habe ich keine Entscheidungsfreiheit mehr über die Erfüllung meiner Grundbedürfnisse, zum Beispiel in einem institutionellen Rahmen, so verliere ich auch meine Ich-Identität.» – Ist Demenz also auch eine Folge von Fremdbestimmung?

Cornelia Stolze: «Gut geführte Altenheime streichen bei der Aufnahme neuer Bewohner erst einmal alle Medikamente, die nicht essentiell benötigt werden – natürlich in Absprache mit einem Arzt. Das Erstaunliche: Vielen der Senioren geht es plötzlich besser. Sie sind geistig reger und finden Stück für Stück zu alten Kräften zurück.»

Doch verzichte eine Einrichtung auf Medikamente, führe dass immer wieder dazu, dass eine Behandlungsbedürftigkeit der Betroffenen vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen bezweifelt würde, weiss Chefarzt Dr. Meißnest.

Dabei sei beispielsweise der suggerierte Behandlungserfolg von Neuroleptika nicht einmal gegeben. Unerwünschtes Weglaufen und andere, den betrieblichen Ablauf störende Verhaltensweisen würden dadurch nicht aufgehoben, im Gegenteil, es steige das Mortalitätsrisiko, betont Meißnest.

Die verfügte Warnung der US-Arzneimittelzulassungsbehörde (FDA) für eine Reihe atypischer Neuroleptika-Präparate ist nicht unbegründet.2 Diese werden noch immer im Rahmen der Behandlungspflege, integriert in einen umfassenden Pflegeprozess sowie ärztlich verordnet an diejenige Menschen verabreicht, die ihnen, den Pflegefachkräften, einen grossen Vertrauensvorschuss gewährt haben.



Der 780-prozentige Anstieg der Tagesdosen für gängige Psychopharmaka (2000 bis 2009) bezieht sich auf die deutsche Bevölkerung. Das entspricht laut Recherchen der Wissenschaftsjournalistin Cornelia Stolze 47 Millionen Tagesdosen im Jahr 2009.

Hier finden Sie die Warnungen der amerikanischen Verbraucherschutzorganisation Public Citizen, insbesondere auch für diejenigen Medikamente, die Demenz verursachen.

Dieser Beitrag ist eine leicht modifizierte und aktualisierte Fassung der Veröffentlichung «Psychopharmaka als Mittel gegen Personalnotstand und erhöhten Betreuungsaufwand. Tagesdosen um 780 Prozent gestiegen», in CAREkonkret – Die Wochenzeitung für Entscheider in der Pflege, Jg. 16, Ausg. 43, 25.10.2013, S. 4.

erschienen: 28.03.2017

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