Forschung

Mit DIAN aus der Sackgasse?

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Die Alzheimer-Forschung hat in den vergangenen Jahren viele Rückschläge erlitten. Nun sollen jüngere Menschen mit Vorfahren, die an einer genetisch bedingten Form von Alzheimer erkrankt sind, neue Erkenntnisse zutage bringen.

Von Martin Mühlegg

Die Vorstellung, an einer Demenz zu erkranken, ist für viele Menschen unerträglich. Wer die Kontrolle über sich selbst verliere, nicht mehr kommunizieren und in seinem gewohnten Umfeld leben könne, seine nächsten Angehörigen nicht erkenne, sei kein «richtiger» Mensch mehr, heisst es in breiten Teilen der Bevölkerung. Es ist kaum vorstellbar, welche Ängste Menschen ausstehen, deren Eltern und Grosseltern an einer dominant vererbbaren Alzheimer-Krankheit litten. Diese seltenen Formen von Alzheimer werden durch Genmutationen verursacht.

Wer auf diese Weise erblich vorbelastet ist, erkrankt mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit im selben Alter wie seine Eltern oder Grosseltern an Alzheimer.

Genau diese Menschen können nun mithelfen, die Entstehung und allenfalls Verhinderung von Alzheimer gründlicher zu erforschen. «In der Vergangenheit hat sich niemand um diese Form der Krankheit gekümmert, weil sie nur sehr selten vorkommt», sagt Mathias Jucker. Der Schweizer Neurobiologe ist Professor am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen und Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen und gilt als einer der führenden Alzheimerforscher. Er koordiniert mit seinem Team das DIAN-Projekt (Dominantly Inherited Alzheimer Network), das Kollegen aus den USA ins Leben gerufen haben.

Regelmässige Untersuchungen 

DIAN soll mithelfen, die Alzheimerforschung, die in den vergangenen Jahren immer wieder Rückschläge erlitten hat, aus der Sackgasse zu befreien. Jucker und seine Kollegen an weltweit 14 DIAN-Standorten suchen nach Personen, deren Eltern oder Grosseltern diesen Gendefekt hatten und an Alzheimer erkrankten. Diese Personen können an den DIAN-Studien teilnehmen. Sie werden regelmässig und gründlich untersucht, unter anderem mittels Tomografie, Blut- und Mental-Tests. Die Untersuchungen dauern jeweils drei Tage. An der Studie teilnehmen können Personen aus betroffenen Familien, die mindestens 18 Jahre alt sind, Deutsch oder Englisch sprechen und eine nahe Bezugsperson haben, die Fragen zur Leistungsfähigkeit des Teilnehmers beantworten kann.

Früher behandeln 

Ziel der Studie ist es, körperliche und geistige Veränderungen, die die Voraussage einer zukünftigen Alzheimer-Erkrankung erlauben, zu erforschen. «10 bis 20 Jahre vor den ersten Symptomen kommt es im Hirn bereits zu Veränderungen», sagt Jucker. «Als Forscher will ich natürlich ganz genau wissen, was vorher passiert ist.» Jucker spricht damit auch die Aggregation von Beta-Amyloid-Eiweiss im Hirn an, was zumindest bei diesen Familien durch die Genveränderung als Krankheitsursache gilt. Bei den sporadischen Alzheimer-Fällen kommt es auch zur Aggregation von Beta-Amyloid-Eiweiss, die Ursache dafür bleibt aber weiterhin unklar.

Dank der DIAN-Untersuchungen habe sich bereits gezeigt, dass Therapien am besten vor dem Auftreten der Symptome erfolgen sollten, wenn das Hirn noch nicht geschädigt ist. In einem nächsten Schritt sollen nun den Betroffenen viel früher Medikamente verabreicht werden. Es bestehe die Hoffnung, dass bereits vorhandene Medikamente, die nach Ausbruch der Krankheit keine Wirkung mehr haben, auf diese Wiese wirksam sind, sagt Jucker.

erschienen: 12.04.2016

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