Digitale Demenz

Fragen Sie Ihren Arzt oder Informatiker

Wie viel Zeit bereits Kinder mit digitalen Endgeräten verbringen, ist beunruhigend. Noch gibt es keine ernsthafte Technikfolgenabschätzung.
Wie viel Zeit bereits Kinder mit digitalen Endgeräten verbringen, ist beunruhigend. Noch gibt es keine ernsthafte Technikfolgenabschätzung. Bild Unsplash

Das Handy ist für viele zur natürlichen Verlängerung des Arms geworden. Alltag ohne Internet? Kaum auszudenken! Doch die «Risiken und Nebenwirkungen» der Digitalisierung sind nicht ohne, warnt der Neurologe Manfred Spitzer.

Von Viktoria Hug

alzheimer.ch: Prof. Spitzer, wie lange waren Sie heute schon am Smartphone und am Computer?

Manfred Spitzer: Ein paar Minuten am Smartphone. Es sagt mir jede Woche, dass ich täglich etwa 20 Minuten mit ihm verbringe. Mein Rechner ist mein Arbeitsplatz. Am Tag verbringe ich sicher mehrere Stunden arbeitend davor. Zur Unterhaltung verwende ich ihn nicht.

Welche Geräte und Applikationen nutzen Sie denn besonders oft und gerne?

Ich verwende «Word» mit Abstand am meisten, denn Texte schreiben oder editieren oder am Rechner lesen (um nicht alles auszudrucken) gehört zu meinem Job.

Neurologe und Psychiater Prof. Manfred Spitzer ist Ärztlicher Direktor an der Uniklinik Ulm.
Neurologe und Psychiater Prof. Manfred Spitzer ist Ärztlicher Direktor an der Uniklinik Ulm. Bild Thomas Dashuber

Welche Geräte und Apps würden Sie nie nutzen?

Spiele.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie in einen Raum kommen, wo alle in ihre Smartphones starren?

«Schade, dass Menschen so wenig miteinander reden.»

Sie beschäftigen sich mit Risiken und Nebenwirkungen der Digitalisierung. Was sind körperliche und psychische Nebenwirkungen? Gibt es altersspezifische Unterschiede?

Smartphones, die mit Abstand am häufigsten verwendeten digitalen Endgeräte, verursachen nachweislich Kurzsichtigkeit, Angst, Depression, Aufmerksamkeitsstörungen, Schlafstörungen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Haltungsschäden, Diabetes, Bluthochdruck, Sucht (Internetsucht, Spielsucht, Smartphone-Sucht, aber auch mehr Alkohol- und Tabak-Konsum), und ein erhöhtes Risikoverhalten; Smartphones haben bei jüngeren Verkehrsteilnehmern den Alkohol als Unfallursache Nummer 1 abgelöst.

Zu den Auswirkungen auf die Gesundheit kommen negative Auswirkungen auf das Sozialverhalten und die Bildung junger Menschen hinzu. Sogar die Grundfesten unserer demokratischen Gesellschaft sind bedroht: Wahlen lassen sich ebenso beeinflussen wie die Emotionen und Meinungen von Menschen.

Sich schneller, weiter und tiefer als Wahrheit verbreitende Falschnachrichten und die globale Radikalisierung von Meinungen sind nicht intendierter, aber dennoch nachweisbarer. Sie sind Teil des Geschäftsmodells von Firmen, die digitale Dienstleistungen kostenlos bereitstellen, weil ihr Geschäftsmodell auf Werbung basiert.

Bislang erfolgte für digitale Informationstechnik keine ernsthafte Technikfolgenabschätzung.

Stattdessen werden wir von Lobbyisten in einem noch nie dagewesenen Ausmass mit Hype überzogen, der ernsthaftes Nachdenken nahezu unmöglich macht. Von einer dringend notwendigen, kritischen gesellschaftlichen Diskussion gar nicht zu reden.

Es ist unverantwortlich, die Gesundheit und die Bildung von jungen, noch nicht für sich selbst verantwortlichen Menschen, sowie die Grundfesten unserer demokratischen Gesellschaft den Profitinteressen der reichsten Firmen der Welt unkritisch zu überlassen.

Sie warnen davor, dass Kinder und Jugendliche durch die Nutzung digitaler Geräte in ihrer Entwicklung geschädigt werden. Welche Vorschläge haben Sie für die Zukunft? Denn aufhalten lässt sich die digitale Durchdringung unserer Gesellschaft vermutlich nicht …

Elektronische Medien schaden Kindern umso mehr, je kleiner sie sind. So beeinträchtigen Bildschirmmedien die Sprachentwicklung, also ein laufender Fernseher beispielsweise – sogar wenn er nur im Nebenraum steht.

Smartphones lenken ab, auch von Kindern, wenn die Eltern sie in deren Anwesenheit nutzen. Das führt schon bei Einjährigen zu unruhigeren Nächten.

Ab einem Alter von drei bis vier Jahren führen Bildschirmmedien zu mehr Aufmerksamkeitsstörungen, später zu mehr emotionalen Störungen und Störungen des Willens bzw. der Selbstkontrolle. All das ist nachgewiesen, unter anderem auch in einer grossen, von deutschen Kinderärzten durchgeführten Studie.

Inwiefern schädigt die Digitalisierung auch den Charakter? Beispiel: Ego-Trips, sich zur Schau stellen auf den Social Media, Schadenfreude durch Fail-Videos?

Nun, Sie nennen ja bereits selbst einige der negativen Auswirkungen. Hinzu kommen Narzissmus, Unzufriedenheit, Ängste und chronische Depressionen.

Digitalisierung kann auch positive Seiten haben – zum Beispiel die Telemedizin

Videosprechstunde

Wie wird man digitaler Doktor?

Durch das «physical distancing» während der Pandemie treffen wir uns vermehrt virtuell. Helfen digitale Technologien (z.B. Videotelefonie) gegen Einsamkeit?

Medialer Kontakt kann tatsächlich realen Sozialkontakt zumindest zum Teil ersetzen, vor allem dann, wenn man sich gut kennt. Ich selbst halte das gute alte Telefon dafür am besten geeignet. Es braucht weniger Strom als das Chatten mit Bild, und wenn man den Menschen am Ende der Leitung kennt, braucht man kein Bild – es entsteht sowieso im Kopf.

Sie werden auf dem Demenzkongress in St. Gallen das Input-Referat halten*. Dort geht es um Potenziale der Digitalisierung in Pflege & Betreuung. Sie sprechen aber über Risiken und Nebenwirkungen. Wie passt das zusammen?

Wie alles was wirkt, so hat auch digitale Informationstechnik Risiken und Nebenwirkungen im Hinblick auf unsere körperliche und seelische Gesundheit, unsere Bildung und unsere Gesellschaft, wie gut publizierte wissenschaftliche Untersuchungen an Millionen von Menschen zeigen.

Was halten Sie von digitalen Produkten für Menschen mit Demenz? Zum Beispiel OpenSense (virtuelles Achtsamkeitstraining), die Tovertafel (Projektor/Animationsspiel) oder ElliQ (virtueller Assistent)?

Das lässt sich nur anhand entsprechender Studien beantworten, die ich nicht kenne. Wenn man wissen will, ob etwas (beispielsweise ein Medikament) eine Wirkung hat, dann muss man einen Wirksamkeitsnachweis führen. Ich nehme an, dass es zu den genannten Verfahren keinen Wirksamkeitsnachweis gibt. Dann wäre das alles nur Marktgeschrei und Geldmacherei.

Halten Sie virtuelles Koordinations- & Kognitionstraining für Menschen mit Demenz für sinnvoll?

Nur wenn nachgewiesen wäre, dass es besser wirkt als reales Koordinations- und Kognitionstraining.

Was erhoffen Sie sich vom Demenzkongress?

Aufklärung! Je mehr man über sich und sein Gehirn weiss, desto besser kommt man klar – auch und erst recht im Alter!

Manfred Spitzer über Risiken und Nebenwirkungen der Digitalisierung


Quelle Youtube

* Der 8. St.Galler Demenzkongress wurde abgesagt und auf den 16.11.2022 verschoben.

erschienen: 15.11.2021