Interview

«Nutze dein Gehirn, oder du wirst es verlieren»

Die gute Nachricht: Nur ein geringer Prozentsatz aller Menschen bekommt im Alter eine Demenz. Doch bei vielen lässt die Hirnleistung mehr oder weniger nach. Was man dagegen tun kann, sagt Lutz Jäncke, Neuropsychologe an der Universität Zürich.

Von Felicitas Witte

alzheimer.ch: Herr Jäncke, werden wir alle dement im Alter?

Lutz Jäncke: Nein, eine Demenz ist nicht die logische und unausweichliche Folge des Alterns! Das erkläre ich Ihnen mit folgenden Zahlen: Von den 65- bis 70-Jährigen leidet etwa einer von 100 unter einer Demenz, bei den 75- bis 80-Jährigen acht von 100, und bei den Leuten über 90 sind es 35 von 100. Wäre eine Demenz eine ganz normale Alterserscheinung, müssten viel mehr Leute daran erkranken.

Die meisten Menschen werden im Alter nicht unter einer Demenz leiden. Alter ist ein Faktor, der das Risiko für eine Demenz erhöht, daneben gibt es noch diverse andere: Zum Beispiel Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes oder Demenz in der Familie. 

Aber wenn meine Tante ständig etwas vergisst – ist das dann kein Frühzeichen für eine Demenz? 

Das müsste man natürlich mit entsprechenden neuropsychologischen und neurophysiologischen Tests untersuchen. Bei vielen Menschen arbeitet das Hirn im Alter nicht mehr so gut wie bei Jüngeren. Das ist aber zu einem gewissen Grade normal: Auch das Herz pumpt ja bei einigen nicht mehr so kräftig oder die Nieren arbeiten nicht mehr so gut oder die Gelenke zwicken.

Lutz Jäncke
Lutz Jäncke Bild Uni Zürich

Bei dem einen zeigen sich halt Alterserscheinungen mehr am Körper, beim anderen im Gehirn. Dass die Hirnleistung abnimmt, liegt vermutlich am Umbau der Nervenzellen und veränderte Konzentrationen von Botenstoffen im Alter. So ganz haben wir das aber noch nicht verstanden. 

Kann man diesen Prozess aufhalten?

Bis zu einem gewissen Grad ja. Man kann sozusagen seine «geistigen Reserven» steigern, indem man bis ins hohe Alter geistig und körperlich fit bleibt und soziale Kontakte pflegt. Was Sie machen, ist egal: Spazierengehen, Schachspielen, Tango Argentino tanzen, an die Senioren-Uni gehen – Hauptsache, Sie haben Freude daran.

Wenn man nur vor dem Fernseher sitzt und keine Leute mehr trifft, also wenn man seine Hirnfunktionen nicht gebraucht, lassen diese schneller nach und das Hirn arbeitet nicht mehr so gut. Das ist so ähnlich wie mit Muskeln am Körper. Bewegt man sich nicht, werden die Muskeln schlapp. Ich sage meinen Patienten immer: «Use it or lose it», also «gebrauch Dein Gehirn oder Du wirst es schneller verlieren».

Kann das auch vor einer Demenz schützen?

Wir kennen die Ursache einer Demenz noch nicht. Deshalb wissen wir auch noch nicht genau, wie wir sie verhindern oder den Ausbruch der Krankheit hinauszögern können.

Wir wissen aber, dass Menschen, die bis ins hohe Alter geistig, körperlich und sozial fit bleiben, seltener unter einer Demenz leiden. Offenbar existiert also eine Interaktion zwischen einer biologischen Demenzveranlagung und der Intensität des Hirngebrauchs.

Das heisst, auch wenn man erblich bedingt ein erhöhtes Risiko für eine Demenz hat, kann man den Ausbruch mit einem aktiven Lebensstil hinauszögern. Das hat auch die berühmte Nonnenstudie belegt. 

Nonnen? Können Sie uns das näher erläutern?

Das war eine Studie in den USA mit 600 Ordensschwestern zwischen 76 und 107 Jahren, sie wurde 1986 begonnen. Die Damen wurden jahrelang begleitet und die Forscher haben viele psychologische Tests mit ihnen durchgeführt und nach dem Tod ihre Gehirne untersucht. Natürlich waren die Nonnen einverstanden.

Überraschenderweise konnten auch die Nonnen, bei denen man im Hirn die typischen Alzheimer-Veränderungen gefunden hatte, geistig anspruchsvolle Aufgaben lösen.

Vor allem die Nonnen, die schon in ihrer Jugend und im frühen Erwachsenenalter geistig sehr aktiv waren, schnitten in den Tests im hohen Alter sehr gut ab, obwohl ihre Gehirne schon die typischen Anzeichen von Alzheimer-Demenz zeigten.

alzheimer.ch: Können auch Medikamente den geistigen Verfall aufhalten?

Die Hersteller von durchblutungssteigernden Mitteln, Gingko biloba, Vitaminen oder anderen Nahrungs-Ergänzungsmitteln propagieren ja immer wieder, dass man damit länger geistig fit bleibt. Aber das ist in Studien nicht eindeutig belegt. Viel besser als Pillen sind geistige, soziale und körperliche Aktivitäten bis ins hohe Alter.

Vielen Dank für das Gespräch!

©2016 Felicitas Witte

erschienen: 13.06.2016

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