Corona-Impfung

Zurück in die Freiheit?

Anders als in den USA sind die Impfquoten in Europa noch zu niedrig für Lockerungen.
Anders als in den USA sind die Impfquoten in Europa noch zu niedrig für Lockerungen. Bild Unsplash

Geimpfte scheinen das Corona-Virus seltener weiterzugeben als Ungeimpfte. Trotzdem ist es zu früh, ihnen ein normaleres Leben zu ermöglichen.

Von Felicitas Witte

Vor kurzem kursierte eine Nachricht in deutschen Medien, die Hoffnung machte auf mehr Freiheiten. Geimpfte könnten das Virus spätestens ab dem 15. Tag nach der zweiten Impfung wohl nicht mehr übertragen, so wurde das Robert-Koch-Institut (RKI) zitiert.

Hintergrund war ein kurzer Bericht des RKI, den das Amt im Auftrag der Regierung erstellt hatte. Das Fazit: Geimpfte spielen bei der Übertragung der Erkrankung wahrscheinlich keine wesentliche Rolle mehr. Doch bevor man jetzt vorschnell Freiheiten zurückgibt, muss man die Formulierungen im RKI-Bericht und die wissenschaftlichen Hintergründe kritisch lesen.

Die Impfung soll zum einen verhindern, dass der Geimpfte erkrankt, und zum anderen, dass er andere ansteckt.

Die Impfstoffe von Pfizer/Biontech und Moderna schützen zu 95 beziehungsweise 94 Prozent. Würden in einer Gegend mit vielen Covid-19-Fällen 20 von 1000 Ungeimpften erkranken, wäre es mit Impfung nur einer von 1000. Der vollständige Impfschutz ist eine (Pfizer) respektive zwei Wochen (Moderna) nach der zweiten Impfung erreicht. Es ist aber noch unklar, wie lange er hält.

Die Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson&Johnson – beide gibt es hierzulande noch nicht – wirken etwas schwächer, aber mit 80 beziehungsweise 60 Prozent auch noch sehr gut.

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In den Impfstudien waren auch ältere Menschen gut geschützt.

«Das hat mich überrascht und beruhigt», sagt Christoph Berger, Infektiologe und Chef der Schweizer Impfkommission Ekif. Das Immunsystem älterer Menschen arbeitet weniger effektiv, und Impfungen schützen sie oftmals nicht so gut wie Jüngere. Doch für die Corona-Impfung spielt das Alter offenbar keine so grosse Rolle.

Mehr Sorgen machen die Virus-Varianten, die sich besonders rasch ausbreiten.

In Europa und auch in der Schweiz dominiert zurzeit die britische Variante B.1.1.7. Es sind zwar anderthalb mal so viele Antikörper notwendig, um B.1.1.7-Testviren unschädlich zu machen, aber die Impfungen wirken auch gegen sie noch ziemlich gut. In Studien aus Grossbritannien und Israel wurden Wirksamkeitsraten von mehr als 80 Prozent nachgewiesen, als dort schon diese Variante vorherrschte.

Vor der südafrikanische Variante B.1.351 und der brasilianischen P.1 schützen die Impfungen dagegen deutlich schlechter.

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«Es könnte daran liegen, dass die mutierten Viren den Antikörpern nicht mehr genügend Angriffsfläche bieten und sie quasi ins Leere greifen», sagt Cornelia Staehelin, Oberärztin im Impfzentrum im Inselspital Bern. So brauchte es gegen brasilianische und südafrikanische Testviren mehr als sechsmal so viele Antikörper.

Die RKI-Experten vergleichen die Impfung mit dem Antigen-Schnelltest, was womöglich als Grundlage für politische Entscheidungen gelten soll. Vereinfacht gesagt: Wer vollständig geimpft wurde, könnte auf Reisen oder im Restaurant wie jemand behandelt werden, der ein negatives Testergebnis hat.

Wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, als Geimpfter andere anzustecken, wird in dem RKI-Bericht aber nicht klar erklärt.

Bisher gibt es erst wenige Hinweise aus Studien, und die meisten stammen aus Preprints, wurden also noch nicht von Experten begutachtet. Forscher aus Israel verglichen die Virenmenge im Nasen-Rachen-Raum von 2897 Geimpften, die sich angesteckt hatten, mit der Virenmenge von vergleichbar vielen Nichtgeimpften, die auch positiv waren. Die Geimpften hatten nur ein Viertel der Virenmenge, und die Viren verschwanden auch schneller.

«Je weniger Viren und je kürzer sie da sind, desto geringer ist die Gefahr, andere anzustecken», erklärt Hartmut Hengel, Chef-Virologe in der Universitätsklinik Freiburg i.Br. «Die Virenmenge ist der Haupttreiber der Übertragung.»

In einer Studie von der Mayo Clinic in den USA mit 39'156 Teilnehmern ohne Symptome, die wegen eines operativen Eingriffes einen PCR-Test machen lassen mussten, hatten Geimpfte seltener einen positiven PCR-Test – ein indirekter Hinweis, dass im Nasen-Rachenraum weniger Viren waren. «Deshalb übertragen Geimpfte das Virus seltener unbemerkt auf andere», sagt Hengel.

Vermutlich die einzige Studie, die bisher den Effekt der Impfung auf andere Personen untersucht hat, kommt aus Schottland. Eingeschlossen waren 144'525 Gesundheitsmitarbeiter und 194'362 Menschen, die mit ihnen zusammenlebten. Die Mitbewohner von Geimpften hatten ein um 30 Prozent geringeres Risiko, sich anzustecken.

Infiziert also ein Ungeimpfter zehn Personen, steckt ein Geimpfter sieben an. Da sich die Mitbewohner aber auch woanders infiziert haben könnten, senkt die Impfung das Risiko vermutlich um rund 60 Prozent. Es würden also «nur» vier statt sieben angesteckt werden.

Die Centers of Disease Control in den USA erlauben Geimpften schon diverse Freiheiten.

Zum Beispiel brauchen sie nicht mehr in Quarantäne, wenn sie Kontakt zu einem Infizierten hatten, sie dürfen ohne Tests und Quarantäne reisen, andere Geimpfte ohne Maske zu Hause treffen und auch Ungeimpfte, wenn diese keine Risikofaktoren haben.

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8 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind schon vollständig geimpft. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 6,2 Prozent, in den USA 22,2 Prozent und in Israel bereits 57,2 Prozent.

«In den USA sind schon viel mehr Menschen geimpft und es zirkulieren weniger Viren, so dass ich die Massnahmen für angebracht halte», sagt Infektiologin Staehelin. «In Europa sind wir aber noch nicht so weit.»

Die Impfquoten sind viel zu gering, es zirkulieren noch zu viele Viren, und die Infektionszahlen sind hoch.

Das Bundesamt für Gesundheit erlaubt Geimpften zurzeit nur, sich privat mit anderen Geimpften ohne Maske und Abstand zu treffen. Auch wenn das Wut auslöst und man sich mehr Freiheiten wünscht: Der Schutz der Nichtgeimpften sollte aus Solidaritätsgründen Priorität haben.

erschienen: 14.04.2021