Stress-Studie

Covid schlägt aufs Gemüt

Vor Corona hatte jeder dreissigste Befragte schwere depressive Beschwerden, im Lockdown jeder zehnte.
Vor Corona hatte jeder dreissigste Befragte schwere depressive Beschwerden, im Lockdown jeder zehnte. Bild Shutterstock

Die Corona-Pandemie macht Menschen depressiver. Wie man in der Krise lernt, psychisch widerstandsfähiger zu werden.

Von Felicitas Witte

War es zu Beginn der Krise bloss eine Vermutung, gibt es jetzt immer mehr Belege: Die Corona-Krise kann depressiv machen. «Ob es einen selbst trifft, hängt aber von vielen Faktoren ab», sagt Dominique de Quervain, Arzt und Neurowissenschafter an der Universität Basel. «Und manche davon kann man durchaus beeinflussen.»

De Quervain leitet die Corona-Stress-Studie, die die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf das psychische Befinden untersucht. An der ersten Online-Umfrage Anfang April nahmen rund 10’500 Menschen aus der Schweiz teil.

Vor der Krise hatte jeder dreissigste Befragte schwere depressive Beschwerden, im Lockdown war es jeder zehnte. In der zweiten Umfrage Ende Mai mit 10’300 Personen litten trotz den Lockerungen sogar noch etwas mehr Menschen unter schweren depressiven Beschwerden.

Die Forscher fanden diverse Erklärungen, warum die Betroffenen depressiver wurden: Weil sie alleine lebten, Job oder Schule stressten oder sie düstere Gedanken an die Zukunft hegten, weil sie sich nicht mehr mit anderen Menschen treffen durften, sich um die Kinder kümmern mussten, es Streit zu Hause gab oder ihre Ess- oder Schlafgewohnheiten änderten.

Auch jene, die ständig Corona-Nachrichten lasen, wurden eher depressiv.

Andererseits gab es Umstände, die vor trüben Gedanken schützten. Nämlich wenn sich jemand freute, jetzt mehr Zeit für Entspannung oder die Familie zu haben und weniger berufliche und private Verpflichtungen, er sich mehr seinem Hobby oder neuen Projekten widmete und sich körperlich bewegte.

Menschen, die schon einmal psychisch krank waren, hatten ein höheres Risiko, depressiver zu werden. Männer über 55 Jahren dagegen ein geringeres. Das habe ihn überrascht, sagt De Quervain. «Schliesslich sind es ältere Männer, die öfter schwer an Covid-19 erkranken.»

Als die Pest wütete, verhielten sich die Menschen ähnlich wie jetzt

Epidemien

Stresstest für die Gesellschaft

Die Studie beweist indes nicht wirklich, dass mehr Menschen durch die Pandemie an Depressionen erkranken, denn die Teilnehmer beantworteten lediglich einen Fragebogen. Die Diagnose einer Depression kann nur ein Arzt stellen, und zwar im Gespräch mit dem Patienten und anhand klarer Kriterien.

Ob Depressionen zunehmen, werden erst Auswertungen von Diagnose-Statistiken zeigen. Eine andere Schwäche der Online-Umfrage besteht darin, dass sie nicht repräsentativ für die gesamte Bevölkerung ist. Die Teilnehmer haben die Fragen von sich aus im Internet beantwortet und wurden nicht per Zufallsauswahl angefragt.

Es könnte sein, dass genau jene teilgenommen haben, die sich schon depressiv fühlten, was das Ausmass depressiver Beschwerden überschätzen würde. Doch selbst wenn dem so ist: Die Ergebnisse passen zu dem, was Forscher in anderen Ländern herausgefunden haben, vor allem in China, wo alles begann: Die Pandemie schlägt aufs Gemüt.

Entscheidend ist die Resilienz

Das sei zwar besorgniserregend, weil man noch nicht wisse, wie es den Betroffenen in Zukunft gehe, und ob alle die notwendige Behandlung bekämen, sagt Kristina Adorjan, stellvertretende Direktorin der Psychiatrie in der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Niemand solle jetzt aber in Panik verfallen, dass er demnächst automatisch depressiv werde, sagt sie. «Depressionen entstehen nicht einfach nur durch Corona. Aber es ist ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen kann.»

Warum genau ein Mensch eine Depression bekommt, haben die Experten noch nicht genau verstanden. Klar ist: Depressionen entstehen durch verschiedene Einflüsse. Eine Rolle spielt die Vererbung.

Es gibt aber kein einzelnes «Depressions-Gen», das die Krankheit auslöst, sondern Veränderungen in verschiedenen Genen lassen einen empfindlicher werden für Stress von aussen.

Etwa zu hohe Anforderungen im Job, Verlusterlebnisse als Kind, Geldprobleme, Trennung vom Partner oder soziale Isolation wie in der Corona-Krise. Ob die Depression dann aber wirklich ausbricht, hängt von der eigenen psychischen Widerstandsfähigkeit ab, Resilienz genannt.

Das erklärt, warum in der Schweizer Stress-Studie fast jeder zweite der Befragten im Lockdown genauso viel oder wenig depressiv war wie vor der Krise. Die Corona-Krise unterscheide sich aber in einem wichtigen Punkt von anderen Lebenssituationen, sagt Adorjan.

«Es kommen auf einmal mehrere Stressoren zusammen. Einsamkeit, Ängste, Unsicherheit, Konflikte zu Hause oder im Job – da braucht man schon eine robuste Psyche, um damit klarzukommen.» Man kann aber seine Resilienz stärken, und das auch noch mitten in der Krise.

Gut belegt ist, dass kognitive Verhaltenstherapie wirkt.

Hier lernt der Betroffene, mit Stress besser umzugehen und etwa eine «Realitätsprüfung» der Ängste durchzuführen. «Manche haben Panik, sich überall und ständig anzustecken, obwohl das Risiko dafür geringer ist, wenn man konsequent Abstand hält und Maske trägt», sagt Kristina Adorjan.

Die Psychiater haben einige praktische Tipps: Seltener Nachrichten lesen und dann aus vertrauenswürdiger Quelle, sich etwas Schönes vornehmen wie ein gutes Buch lesen und regelmässig Sport treiben. Versuchen, der Situation etwas Positives abgewinnen. Jetzt ist endlich Zeit, ausführlich Weihnachtskarten zu schreiben oder online Italienisch zu lernen.

Helfen kann zudem realistischer Optimismus.

Wir können an den Entscheidungen der Politiker nichts ändern, und es hilft nichts, sich darüber zu ärgern. Besser ist, sich zu sagen, dass die Zeit schon irgendwie vorbeigehen werde. Die Einschränkungen bergen auch die Chance, mehr mit Freunden oder der Familie offen über seine Gefühle zu reden – das geht auch online und kann Beziehungen festigen, die einem psychische Stabilität geben.

Ist man jedoch nicht nur schlecht drauf, sondern fühlt sich richtig niedergeschlagen, schläft schlecht, ist ängstlich und unruhig, könnte das ein Zeichen für eine beginnende Depression sein.

«Ich rate dringend, sich dann nicht in der Einsamkeit zu verkriechen, sondern zum Arzt zu gehen», sagt Fulvia Rota, Psychiaterin in Zürich und Präsidentin der Schweizer Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP). «Eine Depression lässt sich behandeln, wenn man frühzeitig kommt.»

75 Minuten Fernbehandlung

Man habe sich dafür eingesetzt, dass das Angebot der psychiatrischen Praxen während des Lockdowns erhalten bleibe, via Telefon oder Video und in Notfällen auch vor Ort. «Es hat mehr als zwei Wochen gedauert, bis das Bundesamt für Gesundheit einverstanden war, dass 75 Minuten Telefon oder Video genauso wie die Präsenz-Therapie von der Kasse bezahlt werden», erzählt Rota.

Später seien die Telefonate wieder auf 20 Minuten limitiert worden. Eine sinnvolle Therapie erfordere aber mindestens 60 Minuten, sagt sie. «Wir haben dem BAG und Bundesrat Berset mehrfach geschrieben. Jetzt haben wir die Zusage bekommen, dass wieder 75 Minuten bezahlt werden. Ich habe Sorge, dass viele Menschen nicht die Therapie bekommen haben, die sie gebraucht hätten.» Welche Auswirkungen die Pandemie langfristig auf die Psyche hat, ist noch nicht absehbar.

Aus früheren Pandemien weiss man: Betroffene litten nach einer Quarantäne Monate unter Angst und Wut.

Viele zeigten Vermeidungsverhalten und hielten sich noch Wochen danach von Personen fern, die husteten oder niesten. Jeder Fünfte ging nicht in überfüllte oder öffentliche Räume. Manche wuschen monatelang penibel ihre Hände und mieden Menschenmengen.

erschienen: 17.01.2021