Corona-App

Virus-Warnung vom Smartphone

Die App registriert, wenn man über längere Zeit engen Kontakt zu einem Träger des Virus hatte.
Die App registriert, wenn man über längere Zeit engen Kontakt zu einem Träger des Virus hatte. Bild PD

Corona-Apps sollen helfen, die Infektion einzudämmen. Noch ist aber völlig unklar, ob die App wirklich nützt – von ethischen Fragen mal ganz abgesehen.

Von Felicitas Witte

Die Corona-App ist das neue Hoffnungsprojekt der Gesundheitspolitiker. Sie soll uns aus der Krise führen. In diesen Tagen sollen Corona-Apps in Deutschland und der Schweiz starten. Bisher versuchen die Gesundheitsämter, Infektionsketten zurückzuverfolgen und so die Ausbreitung zu bremsen. Hat sich jemand mit dem Coronavirus infiziert, sucht das Amt nach engen Kontaktpersonen.

Also zum Beispiel nach denjenigen, die innerhalb der vergangenen zwei Wochen mindestens 15 Minuten mit dem Infizierten gesprochen haben oder von ihm angehustet oder angeniest worden sind. Die Betroffenen werden zwei Wochen in Quarantäne geschickt, damit sie nicht noch weitere Menschen anstecken. Eine Software kann diese Suche beschleunigen. Tracing-App wird sie genannt, «Tracing» steht für Rückverfolgung.


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Doch abgesehen davon, dass noch einige technische, organisatorische und ethische Aspekte offen sind, ist nicht klar, ob die Corona-App wirklich nützt. «Die Politiker vermitteln in der letzten Zeit zu oft, mit der App könnten wir uns draussen wieder viel sorgloser bewegen», sagt Jeanette Hofmann, Professorin für Internetpolitik an der Freien Universität in Berlin. «Man muss sich aber klar sein: Die App kann nur bisherige Abläufe etwas beschleunigen und funktioniert nur dann, wenn genügend Menschen mitmachen.»

ETH-Professor Marcel Salathé.
ETH-Professor Marcel Salathé. Bild PD

Die App ist prinzipiell eine gute Idee. Sie könnte rasch Menschen alarmieren, die mit einem Infizierten Kontakt hatten, bevor dieser etwas davon merkte. «Sie kann andere Massnahmen nicht ersetzen», sagt Marcel Salathé, Professor für Digitale Epidemiologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne. «Aber wenn Studien im Nachhinein zeigen, dass sie zur Eindämmung beigetragen haben, war es die Arbeit wert.»

Der Charme der App liegt daran, dass sie die Nutzer über «bedrohliche» Kontakte mit Infizierten alarmiert, die man unmöglich wissen kann. Zum Beispiel, dass man vor drei Tagen in der Supermarktschlange einem wildfremden Menschen zu nahe war, der später positiv auf Sars-CoV2 getestet wird.

Wie wichtig so eine frühe Warnung für die Kontrolle der Pandemie wäre, zeigt eine Auswertung der ersten sechzehn Fälle aus Deutschland. In mindestens einem, vielleicht sogar in fünf der 16 analysierten Fälle, steckte ein Infizierter andere an, bevor er Symptome hatte. Das passt zu den Ergebnissen anderer Studien, in denen rund jede zweite Infektion weitergegeben wird, bevor Symptome auftreten.

Mehr als eine Viertelstunde

Die neue App funktioniert so: Die Telefone tauschen per Bluetooth ständig verschlüsselt anonymisierte Daten aus und registrieren, ob zwei Smartphones über längere Zeit eng zusammen waren, also etwa mehr als eine Viertelstunde und näher als zwei Meter. Wo die Telefone Kontakt hatten und von wem die Daten kommen, weiss das jeweilige andere Telefon nicht.

Ein Algorithmus in der App prüft, ob Zeit und Abstand für eine Infektion ausreichen.

Hat jemand einen Test gemacht, bekommt er einen Code von Gesundheitsamt oder Arzt, mit dem er sein Testergebnis abfragen kann. Ist der Test positiv, kann er – wenn er möchte – seine App auf «infiziert» stellen. Auf den Telefonen, die dem seinigen in den vergangenen zwei Wochen «bedrohlich» nahe waren, erscheinen daraufhin Warnmeldungen.

In Deutschland hätte die App womöglich schon früher kommen können, wenn es keinen Streit um die Datensicherheit gegeben hätte. Zuerst war geplant, die Daten pseudonymisiert zentral auf einem Server zu speichern. Der hätte Alarme losgeschickt.

Dann warnten aber Experten vor Überwachung und Missbrauch, so dass sich Deutschland wie auch die Schweiz und andere europäische Länder für eine dezentrale Variante entschied. Hier werden die Daten nur auf dem jeweiligen Telefon gespeichert und die App warnt selbständig andere Telefone, wenn ein Kontakt «bedrohlich» war.

Nur wenn mindestens 60 von 100 Personen die App installieren, könnte man damit die Pandemie kontrollieren.

Dies ergab eine Computersimulationsstudie von Forschern aus Oxford. Die Deutschen sind jedoch skeptisch. Gemäss einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des Bayerischen Rundfunks unter 10 015 Teilnehmern würde nur gut jeder zweite freiwillig so eine App nutzen.

Die meisten fürchten Datenmissbrauch, Überwachung, Verletzung ihrer Privatsphäre und eine zu grosse staatliche Kontrolle. Knapp jeder fünfte ist überzeugt, die App werde nicht zur Lösung beitragen. Die zentrale Lösung hätte einen grossen Nachteil gehabt: Die App hätte sehr viele Daten über die sozialen Netzwerke der Nutzer gesammelt.

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Nicht zu schnell!

«Keiner kann sich sicher sein, dass die Daten nach zwei Wochen wieder gelöscht werden», sagt Jeanette Hofmann. «Wer garantiert, dass die Daten nicht noch neuen Zwecken zugeführt werden, etwa für die Polizeiarbeit?»

Auch Georg Marckmann, Medizinethiker an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, hält das dezentrale Konzept für besser. «Weil der Bürger frei entscheiden kann, was er mit seinen Daten machen möchte. Der Nutzer sollte die grösstmögliche Kontrolle haben.»

Doch auch der dezentrale Ansatz hat seine Nachteile. Forscher und Gesundheitsämter können in diesem Fall nicht direkt Daten sammeln, von wem sich das Virus wie ausgebreitet hat. Die Informationen wären wichtig, um die Ausbreitung des Virus besser zu verfolgen und den Nutzen der App in Studien zu untersuchen.

Daten freiwillig ans Robert-Koch-Institut?

Begleitforschung sei unerlässlich, sagt Eva Grill, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie und Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. «Ich habe aber leider den Eindruck, die kommt zu kurz.»  Aus deutschen Regierungskreisen ist erst auf mehrfache Nachfrage zu erfahren, dass es mit der neuen App eine Begleitstudie gäbe. Ob man auf die beim zentralen Ansatz erstellten Dokumente zurückgreife und wer dort künftig eingebunden werde, wisse man noch nicht.

Angedacht sei, Appnutzer einzuladen, ihre Daten freiwillig dem Robert-Koch-Institut (RKI) zur Verfügung zu stellen. Hierzu könnten sie zum Beispiel während der Installation der App einwilligen. In der Schweiz sei keine epidemiologische Begleitstudie geplant, heisst es im Bundesamt für Gesundheit. Man erfasse die Rückmeldungen zur Funktionalität der App und lasse diese in die Weiterentwicklung einfliessen.

Eva Grill, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie.
Eva Grill, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie. Bild PD

Studien zum Nutzen der App seien kein Hexenwerk, sagt Grill. «Man muss sich nur klar überlegen, was man wissen will.» Zum Beispiel sollte die App nur dann warnen, wenn der Nutzer wirklich zu lange zu nah an einem Infizierten war. Ist die App zu «scharf» eingestellt, wird womöglich die Hälfte der Bevölkerung unnötig in Quarantäne geschickt. 

Anders herum darf die App nicht verpassen zu warnen, ob ein Kontakt riskant war. Eine App schade ja nicht, ist immer wieder zu hören. Interessant wäre aber zu wissen, was für psychische Auswirkungen es hat, wenn man ständig unnötige Alarme bekommt, weil die App voreilig warnt. Oder ob sich Menschen unter Druck gesetzt fühlen, die App laden zu müssen, obwohl sie das gar nicht wollen.

Mit den freiwillig abgegebenen Daten könnte man analysieren, ob Appnutzer insgesamt häufiger in Quarantäne geschickt werden als Nicht-Appnutzer oder ob die Infektion frühzeitiger erkannt wurde. Eine banale, aber zentrale Frage ist zudem: Wissen Menschen überhaupt, was sie mit der App machen sollen? «Kommen die Nutzer mit der App nicht klar, nützt auch die beste Technik nichts», sagt Grill.

So funktioniert die App beispielsweise nur mit neueren Betriebssystemen. Man muss darauf achten, dass man ständig Bluetooth eingeschaltet hat. Auch muss man wissen, was passiert, wenn ein Alarm aufpoppt.

«Keiner ist verpflichtet, sich dann beim Gesundheitsamt zu melden und er muss auch keinen Test machen lassen», sagt Kay Ruge, Jurist im Deutschen Landkreistag, welcher die Interessen der 294 deutschen Landkreise gegenüber der Regierung vertritt.

Ob jemand in Quarantäne muss, entscheidet wie bisher das Gesundheitsamt, abhängig von der individuellen Situation. Genau das sei jedoch das Problem der App, sagt Ruge, denn keiner wisse, wie die wirkliche Situation des Kontaktes war.

Möglicherweise stand ein Appnutzer «bedrohlich nah» vor einer infizierten Verkäuferin, doch zwischen beiden war eine Trennscheibe. Trotzdem wird der Appnutzer gewarnt und geht zum Gesundheitsamt.

Die ohnehin schon belasteten Ämter könnten von Anrufen überschwemmt werden, fürchtet Kay Ruge.

Es bleibe vermutlich in vielen Fällen unklar, ob ein Kontakt bei einem Alarm wirklich gefährlich gewesen sei. «Dem verängstigten Anrufer kann das Amt dann lediglich ins Blaue anordnen, er müsse einen Test machen und in Quarantäne gehen.»

Je näher die Sommerferien rücken, desto wichtiger wird ein weiterer ungeklärter Punkt: Ist die App kompatibel mit denen anderer Länder? «Es ist technisch einfacher geworden, aber ob das funktioniert, wissen wir noch nicht», sagt Epidemiologe Salathé. Jedes Land handhabe Covid-19 anders – mit oder ohne App. «In Deutschland werde ich vielleicht erst bei zwei Metern und 15 Minuten gewarnt, in einem anderen Land aber schon bei anderthalb und 10 Minuten.»

Hosen- oder Hemdtasche?

Niemand kann heute genau sagen, wie viel Meter Abstand und welcher Zeitraum ausreichen, um sich anzustecken. Abgesehen davon, könnte es eine Rolle spielen, ob man sein Telefon in der Hosentasche hinten trägt oder vorne in der Hemdtasche.

Europa ist in Bezug auf die Corona-App ein Flickenteppich. Frankreich, Norwegen und Polen verfolgen einen zentralen Ansatz; mit einer dezentralen Lösung wie in Deutschland und der Schweiz arbeiten die Apps in Österreich, Italien, Tschechien, Estland und Island. Norwegen, Österreich und Island haben ihre Apps schon gestartet, Frankreich will wie Deutschland und die Schweiz im Juni nachziehen.

Sie hätte gerne vorab gewusst, sagt Epidemiologin Grill, was die Nutzer von so einer App erwarten. «Denn man muss sich klar sein: Die App nutzt vor allem der gesamten Gesellschaft und weniger dem einzelnen.» Stellt sich nach Warnung und anschliessender Testung heraus, dass man sich infiziert hat, könnte man in Quarantäne gehen und andere nicht anstecken. Ausserdem würde das Telefon die engen Kontaktpersonen warnen.

Ergibt sich aber, dass man nicht infiziert ist, hat man sich vielleicht grundlos Sorgen gemacht. Für die App spräche, dass man damit die Pandemie möglicherweise besser eindämmen könnte und jeder Einzelne dann mehr Freiheiten hätte.

Wenn ausreichender Datenschutz und wissenschaftliche Auswertung der App gewährleistet seien, gäbe es gute ethische Gründe, sie zu nutzen, sagt Medizinethiker Marckmann, «schliesslich könnte sie vielleicht dazu beitragen, einen erneuten kompletten Lockdown zu verhindern.»

Es bleibt abzuwarten, wie engagiert die Menschen die App nutzen oder ob sie dabei womöglich viel wichtigere Massnahmen vergessen: Abstand halten, Hände desinfizieren und sich nicht ins Gesicht fassen.

erschienen: 16.06.2020

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