Was hilft gegen Covid-19?

Nicht zu schnell!

Krisen sind keine Rechtfertigung, wissenschaftliche Standards bei der Erforschung von Medikamenten zu senken.
Krisen sind keine Rechtfertigung, wissenschaftliche Standards bei der Erforschung von Medikamenten zu senken. Bild Shutterstock

In zahlreichen Studien suchen Forscher nach Medikamenten und einem Impfstoff gegen Covid-19. Weil es so schnell gehen muss, drohen Grundsätze der Entwicklung ignoriert zu werden.

Von Felicitas Witte

Die Welt ist enorm spendabel, wenn es um neue Medikamente gegen Covid-19 geht. Anfang Mai hatte die Europäische Union gemeinsam mit anderen Ländern zu einer Online-Spendenveranstaltung aufgerufen. 7,4 Milliarden Euro sind an dem Tag zusammen gekommen, bis heute sind es 9,8 Milliarden.

Das Geld sollen unter anderem die Weltgesundheitsorganisation und nicht-kommerzielle Stiftungen bekommen, aber auch Pharmafirmen können profitieren. Was halten Alzheimer-Forscher davon, dass so viel Geld in die Erforschung von Covid-19 investiert wird?

Wir haben Robert Perneczky gefragt, Alters-Psychiater an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Leiter des dortigen Alzheimer Therapie- und Forschungszentrums:

«9,8 Milliarden Euro klingt nach einer grossen Summe: Im Vergleich zu den riesigen Konjunkturpaketen ist es aber nur eine einzige Menge, die nicht für die rasche Entwicklung von Medikamenten gegen COVID-19 oder Impfstoffen gegen Sars-CoV-2 reichen wird. Ähnlich unzureichend sind die Investitionen in Medikamente gegen Alzheimer. Man sollte sich daher nicht wundern, dass Erfolge bisher ausbleiben.

Gegen Krebs sind in den vergangenen Jahren diverse wirksame Medikamente entwickelt worden. Diese Erfolge liegen aber zum grossen Teil an massiven Investitionen. Auch bei Alzheimer muss viel mehr in den Aufbau von großen Kohorten, die Erforschung der Krankheitsmechanismen und die Übertragung von Ergebnissen aus Zell- und Tierversuchen auf den Menschen investiert werden. Die Corona-Krise werden wir hoffentlich gut überstehen. Die Alzheimer-Krise wird uns dagegen noch lange begleiten

Wissenschaftliche Standards über den Haufen geworfen

«Ich begrüsse es natürlich, wenn Politiker Geld für die Forschung mobilisieren», sagt Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und Krebsmediziner in Berlin. «Die 9,8 Milliarden sind aber eine unverhältnismässig hohe Summe. Für die Erforschung anderer schwerer Krankheiten gibt es längst nicht so viele öffentliche Gelder

Keiner könne garantieren, dass die Firmen später für Impfstoff oder Medikament nicht doch horrende Preise fordern würden. Er sorge sich aber gerade mehr aus einem anderen Grund: «Weil es so schnell gehen soll, werden jetzt die wissenschaftlichen Standards über den Haufen geworfen. Viele der laufenden Studien sind so katastrophal geplant, dass eigentlich jetzt schon klar ist: Ein verlässliches Ergebnis kommt nicht heraus.» Krisen sind keine Rechtfertigung, wissenschaftliche Standards zu senken.

Die Anzahl der Studien zu Covid-19-Therapien steigt ähnlich rasant wie die Infektionszahlen zu Beginn der Pandemie.

Am 11. März waren es noch 84 Studien, heute sind es mehr als 1100. Für viel Medienwirbel sorgte kürzlich eine Ankündigung der Amerikanischen Zulassungsbehörde FDA: Das Medikament Remdesevir bekommt eine Ausnahmegenehmigung und Ärzte dürfen es schwer kranken Covid-Patienten im Krankenhaus verabreichen.

Damit ist das Mittel das dritte nach Chloroquin und Hydroxychloroquin, das diesen Ausnahmestatus hat. Auch in Deutschland können Patienten diese und ein paar andere Medikamente im Rahmen von so genannten Härtefallprogrammen oder anderen Ausnahmeregeln schon bekommen.

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Zugelassen ist bisher aber weder ein Medikament noch ein Impfstoff. Bernd Mühlbauer, Chef der Pharmakologie am Klinikum Bremen-Nord, regt sich gerade ziemlich auf, wenn er die fast täglichen Nachrichten über angeblich beeindruckende neue Covid-19-Therapien liest. «Womöglich wird Remdesivir im Schnellverfahren zugelassen. Ich bezweifele aber, dass es viel nützt.»

Völlig unübersichtliche Studien

In der neuesten Studie hatten 1063 Patienten entweder Remdesivir oder Placebo bekommen. Diejenigen mit Remdesivir brauchten im Schnitt elf Tage, bis es ihnen besser ging, mit Placebo dauerte es 15 Tage. Vor dem Tod schützte Ramdesivir aber nicht besser als Placebo.

In einer vorherigen Studie aus China mit 237 Patienten hatte Remdesevir die Zeit bis zur Erholung nicht verkürzt. Das kann aber daran liegen, dass die Studie vorzeitig abgebrochen wurde, weil nicht genügend Patienten eingeschlossen werden konnten. Die Europäische Zulassungsbehörde EMA ist inzwischen dabei, Remdesivir in einem beschleunigten Zulassungsverfahren – einem so genannten Rolling Review – zu prüfen. Sie schaut sich schon Unterlagen der Firma an, während diese parallel noch Daten sammelt.

Mit Chloroquin und Hydroxychloroquin, das Donald Trump vorschnell als «Wundermittel» bezeichnete, gibt es dagegen noch nicht mal grössere Studien mit Placebo-Vergleich. Dafür aber deutliche Hinweise auf Nebenwirkungen. «Weil alles so schnell gehen muss, bleibt die Sorgfalt in der Studienplanung auf der Strecke», sagt Pharmakologe Mühlbauer.

Zur Wirkung von Hydroxychloroquin bei Covid-19 gibt es keine Studien mit Placebo-Vergleich. Trotzdem wird das Malaria-Medikament vielerorts als Hoffnungsträger angepriesen.
Zur Wirkung von Hydroxychloroquin bei Covid-19 gibt es keine Studien mit Placebo-Vergleich. Trotzdem wird das Malaria-Medikament vielerorts als Hoffnungsträger angepriesen. Bild Shutterstock

Ein gutes Beispiel hierfür ist die Studie aus Marseille mit nur 36 Patienten. Nach sechs Tagen mit Hydroxychloroquin liessen sich weniger Viren im Nasen-Rachen-Raum nachweisen. Doch die Studie lässt keine vernünftige Aussage zu. Das grösste Problem: Sie entspricht nicht dem Standard, der für aussagekräftige Studien gelten sollte. Hier erhalten Patienten nach dem Zufallsprinzip entweder das neue Medikament oder ein Vergleichspräparat und weder Patient noch Arzt wissen, wer was bekommt.

Covid-19 heilt bei vielen Patienten von selbst aus – die Ergebnisse könnten also völlig zufällig zustande gekommen sein.

«Das Beispiel ist nur eines von vielen, die wir zurzeit in der völlig unübersichtlichen Studienlandschaft sehen», sagt Mühlbauer. «Leider können manche Journalisten die Ergebnisse nicht einordnen und machen eine tolle Geschichte daraus. Und nicht nur Donald Trump glaubt dann daran.»

Von zwei Studien versprechen sich die Experten aussagekräftigere Ergebnisse. Die eine heisst Solidarity, an der mehr als 45 Länder beteiligt sind, die andere Discovery mit Daten aus mehr als acht Staaten. Die Forscher vergleichen vier Ansätze: Remdesivir, Chloro- beziehungsweise Hydroxychloroquin und ein HIV-Medikament jeweils mit und ohne Interferon. Abgesehen davon werden als potentielle neue Covid-19-Medikamente noch diverse andere Wirkstoffe getestet. Manche davon setzen Ärzte jetzt schon gegen andere Krankheiten ein, etwa gegen HIV oder Grippe.

Beschleunigte Zulassung

Auch im Bereich der Impfstoff-Forschung wird die Studienzahl immer unübersichtlicher. Nur eine Handvoll der zurzeit mindestens 115 Studien werden schon mit Menschen getestet. «Einen Impfstoff zu entwickeln ist noch herausfordernder als Medikamente», sagt Hartmut Hengel, Chef-Virologe an der Uniklinik Freiburg. «Man kann vorher nicht absehen, wie das Immunsystem reagiert. Es könnte zu schweren Immunreaktionen kommen.»

Geimpft werden sollten später prinzipiell gesunde Menschen, deshalb müsse absolut sichergestellt sein, dass der Impfstoff möglichst wenige Nebenwirkungen habe. «Dafür muss man ihn mit Tausenden von Menschen testen», sagt Hengel.

«Ich frage mich, wie manche darauf kommen, dass es 2022 schon einen solchen Impfstoff geben könne.»

In der Regel dauert es viele Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte, bis ein neues Medikament oder ein Impfstoff einen Patienten erreicht. Die Pharmafirma verbringt zunächst einige Zeit damit, eine geeignete Substanz zu finden. In präklinischen Studien testen Forscher, ob der Stoff wirkt und ob er schädlich ist.

Im klinischen Studienabschnitt prüfen sie den Wirkstoff erst mit wenigen Gesunden, dann mit wenigen Kranken und zum Schluss mit vielen Patienten. Hält die Firma ihre Studien für erfolgreich, schickt sie ihre Ergebnisse an die Behörde, in Europa meist zentral an die europäische Arzneimittel-Agentur EMA in Amsterdam, in der Schweiz an die Swissmedic.

Damit Patienten in bestimmten Situationen – etwa im Falle einer schweren Krankheit, für die es noch keine Therapie gibt – rascher neue Medikamente bekommen können, wurden beschleunigte Zulassungsverfahren eingeführt. Diese sind aber mit bestimmten Auflagen verbunden, etwa dass der Hersteller Daten nachliefern muss. Eine im April gegründete Kollaboration aus profit- und non-profit-Organisationen – darunter die WHO und der internationale Pharmaverband – sieht vor, dass alle Menschen gleichen Zugang zu Covid-19-Impfstoffen und Medikamenten haben sollen.

Pharmakologe Mühlbauer ist skeptisch. «Wir wissen von anderen Pandemien, dass sie irgendwann von selbst verschwinden können», sagt er. Abgesehen davon verläuft Covid-19 nur bei wenigen Menschen so schlimm, dass sie Medikamente brauchen.

«Die Firmen müssen hohe Preise verlangen, sonst würden sich die Kosten für die Studien niemals rentieren.»

Und hier bleibt das Grundproblem: Die Qualität muss stimmen. «Wir wissen spätestens seit dem Contergan-Skandal, wie wichtig das ist», sagt Georg Marckmann, Medizinethiker an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Möglicherweise käme der Nutzen eines neuen Medikamentes den Patienten etwas später zu Gute, weil die Prüfungen länger dauerten. «Doch wenn man nicht sorgfältig genug testet, riskiert man einen viel grösseren Schaden

erschienen: 11.06.2020

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