Corona und Hygiene

«Handschuhe vermitteln falsche Sicherheit»

Die Chancen, sich über den Griff eines Einkaufswagens zu infizieren, sind klein. Trotzdem empfiehlt es sich, die Griffe zuerst zu desinfizieren.
Die Chancen, sich über den Griff eines Einkaufswagens zu infizieren, sind klein. Trotzdem empfiehlt es sich, die Griffe zuerst zu desinfizieren. Bild PD

Der beste Schutz vor Coronaviren ist nach wie vor: Penible Hygiene. Dies bewahrt übrigens auch vor Grippe und lästigen Erkältungsviren. Wir haben dazu Professor Andreas Widmer befragt.

Von Felicitas Witte

Inzwischen werden manche Menschen panisch, wenn ihnen im Supermarkt ein anderer Kunde zu nahe kommt. Womöglich ist er infiziert! Warum kommt der so nahe? Hastig biegen sie in einen anderen Gang oder schnauzen den anderen Kunden an: «Halten Sie gefälligst Abstand!»

Die Epidemie hat unseren Alltag radikal geändert. Bei jedem Griff zum plastikverpackten Gemüse fragt man sich: Kleben vielleicht Viren an der Folie? Oder an den Griffen am Einkaufswagen?

Neulich haben Wissenschaftler aus den Vereinigten Staaten herausgefunden, dass das neue Coronavirus Sars-CoV-2 auf Oberflächen Stunden, auf manchen sogar tagelang nachweisbar ist. Die Forschergruppe um Neeltje van Doremalen vom Nationalen Institut für Allergie und Infektiologie in Hamilton verglich die Stabilität von Sars-CoV-2 mit Sars-CoV-1.

Das ist das nächste verwandte Coronavirus. Es löste 2002/2003 die Sars-Pandemie mit knapp 800 Toten aus. Auf allen Oberflächen nahm die Konzentration der Viren mit der Zeit exponentiell, das heisst sehr schnell ab. Auf Kupferoberflächen waren nach vier Stunden keine lebensfähigen Sars-CoV-2-Viren nachweisbar, auf Karton nach 24 Stunden.

Plastik und rostfreier Stahl scheint Sars-CoV-2 besonders zu mögen: Hier wiesen die Wissenschaftler das Virus in einigen Versuchen auch nach drei Tagen noch nach – allerdings in sehr geringen Mengen. Insgesamt waren die beiden Viren ähnlich lange lebensfähig.

Es müssen also andere Gründe dafür verantwortlich sein, dass durch das neue Coronavirus viel mehr Menschen erkranken und sterben als damals durch Sars-CoV-1. Möglicherweise liegt es daran, dass sich bei Sars-CoV-2-Infizierten grosse Mengen an Viren im Nasen-Rachen-Raum finden lassen oder dass Infizierte oftmals keine Beschwerden haben und das Virus ungeahnt weiterverbreiten.

Die Studie ist unter Laborbedingungen durchgeführt worden, deshalb kann man die Ergebnisse nicht ohne weiteres auf die Realität übertragen.

Trotzdem: Muss man Sorgen haben, dass man sich durch Viren auf der Gemüsefolie auch noch nach Tagen anstecken kann? Wie kann man sich am besten schützen? Wir haben Professor Andreas Widmer gefragt. Er ist stellvertretender Chefarzt der Abteilung für Spitalhygiene am Universitätsspital Basel.

alzheimer.ch: Herr Widmer, in der Studie überlebten die Viren teilweise tagelang auf Oberflächen. Können wir uns nach einem Supermarktbesuch auch noch Tage danach anstecken, wenn ein Infizierter vorher den Griff des Einkaufswagens angefasst hat?

Andreas Widmer: Die Ergebnisse dieser und ähnlicher Studien kann man nicht ohne weiteres auf die Wirklichkeit übertragen. Ich glaube nicht, dass die Gefahr dadurch sehr gross ist. Der Deutsche Virologe Hendrik Streeck hat neulich erzählt, er habe die Sars-CoV-2 auf Gegenständen oder Türklinken gefunden. Aber daraus liessen sich nie intakte Viren anzüchten. Er hat also nur die Erbinformation von toten Viren nachgewiesen.

Streecks Studien weisen darauf hin, dass sich die meisten Menschen nicht über Oberflächen anstecken.

Aber möglich wäre das schon?

Ja, natürlich, und sicherlich infizieren sich auch einige Menschen auf diese Weise. Nämlich so: Ein Infizierter hustet in seine Hand und fasst danach eine Türklinke oder die Griffe eines Einkaufswagens an. Dann müsste man selbst zeitnah Türklinke oder Griffe anfassen und sich ins Gesicht fassen.

Wie lange sich das Virus auf Türklinke oder auf den Griffen hält und wie lange sie dann Menschen infizieren können, wissen wir nicht. Denn solche Studien gibt es noch nicht. Aber die aktuelle Beobachtungen machen solch eine Übertragung wahrscheinlich.

Wie schützt man sich am besten beim Einkaufen?

Vor dem Einkaufen desinfiziere ich meine Hände und die Griffe des Einkaufswagens mit Desinfektionsmittel. Das sollte in jedem Supermarkt hängen. Es schadet aber nichts, etwas mitzunehmen.

Falls das ausverkauft ist: Brennspiritus tötet die Viren in Sekundenschnelle.

Man kann einfach eine kleine Flasche mit Brennspiritus mitnehmen und ein Taschentuch – dann ist man für alle Fälle gewappnet. Am besten mischt man 800 Milliliter Brennspiritus mit 200 Millilitern angekochtem Wasser. Dies ist das Rezept der Weltgesundheitsorganisation WHO, wenn kein kommerzielles Desinfektionsmittel erhältlich ist.

Andreas Widmer.
Andreas Widmer. Bild PD

Tragen Sie keine Handschuhe?

Nein. Handschuhe vermitteln eine falsche Sicherheit. Die Viren könnten an den Handschuhen kleben bleiben. Plastik mögen die Viren gerne. Wenn wir die Handschuhe nicht richtig ausziehen, bleiben sie auf unseren Händen haften und wenn wir uns ins Gesicht fassen, stecken wir uns an.

Wenn man Handschuhe benützt, muss man wissen, wie man sie korrekt so auszieht, dass das Infektionsrisiko minimal ist. Als Mediziner lernt man das im Operationssaal. Die Handschuhe werden danach auch sofort entsorgt. Wir haben eine Studie mit Medizinstudenten gemacht: Selbst die konnten die Handschuhe nicht richtig ausziehen.

Was ist mit Goretex-, Stoff- oder Wollhandschuhen?

Ich vermute, schlimmer als Plastik-Handschuhe. Es gibt dazu zwar keine Studien. Aber solche Handschuhe bestehen aus natürlichen Stoffen. Viren brauchen Zellen, um zu überleben, und bei Stoff können gut Zellen von der Hand auf Stoff kleben.

Ich könnte mir daher vorstellen, dass sich die Viren darauf noch wohler fühlen als auf Plastik-Handschuhen. Denn Plastik besteht nicht aus Zellen, und sie werden ja nur einmal verwendet.

Sie könnten sich aber trotz Desinfektionsmittel im Supermarkt die Viren holen, zum Beispiel beim Eintippen der PIN an der Kasse.

Die Zeit für das Eintippen ist so kurz, dass ich es für unwahrscheinlich halte, mich zu infizieren. Selbst wenn der Einkäufer vor mir infiziert wäre, in seine Hand gehustet hätte und seine PIN eingetippt hätte: Auf meine Finger kämen danach bei dem kurzen Kontakt vermutlich nur wenige Viren.

Es braucht eine gewisse Virenmenge, um eine Infektion auszulösen.

Aber natürlich, ein Restrisiko ist immer da. Deshalb desinfiziere ich mir auch noch einmal sorgfältig die Hände, bevor ich den Supermarkt verlasse.

Was ist mit den Produkten aus dem Supermarkt, die Sie mit nach Hause nehmen? Könnten die Viren dort nicht auch hocken, zum Beispiel auf in Plastik eingepacktem Gemüse?

Theoretisch schon. Aber es ist erstens fraglich, ob die Viren noch infektiös sind und zweitens sind das meist sehr geringe Mengen. Um sicherzugehen könnte man das Gemüse zu Hause auspacken, das Plastik entsorgen und sich danach ausgiebig die Hände mit Seife waschen.

Das Händewaschen ist sowieso das A und O – übrigens nicht nur zu Zeiten von Corona, sondern auch sonst, um Infektionen zu vermeiden.

So manch einer fragt sich, ob er Wohnung oder Haus jetzt regelmässig mit Desinfektionsmittel putzen soll. Was raten Sie?

Ich halte das nicht für notwendig. Normale Putzmittel reichen in einem Privathaushalt völlig aus.

Auch auf Türfallen konnten Coronaviren nachgewiesen werden. Vermutlich waren es aber nicht mehr aktive Viren in sehr kleinen Mengen.
Auch auf Türfallen konnten Coronaviren nachgewiesen werden. Vermutlich waren es aber nicht mehr aktive Viren in sehr kleinen Mengen. Bild PD

Und wenn eine Putzfrau bei mir putzt? Sie könnte die Viren an ihren Händen ja von draussen mitbringen.

Wir gehen mal davon aus, dass die Putzfrau sorgfältig putzt und genügend Putzmittel benutzt. Dann bräuchte sie kein Desinfektionsmittel. Durch die Putzmittel säubert sie sich ja ständig beim Putzen selbst die Hände. Da haben die Viren keine Chance. Anders sieht es aus in Pflegeheimen oder im Spital.

Inwiefern?

Dort leben die Menschen auf engerem Raum, und es sind Menschen die zur höchsten Risikogruppe gehören: Senioren, einige mit Vorerkrankungen und/oder einer Demenz. Diese Menschen müssen wir unbedingt schützen. Gerade Menschen mit Demenz denken nicht daran, sich öfter die Hände zu waschen oder die Finger aus dem Gesicht zu lassen.

Es besteht aber täglich die Gefahr, dass das Personal Viren von aussen mit in das Heim oder ins Spital bringt. Deshalb sollten mindestens einmal pro Tag Tische, Toiletten und alle anderen Oberflächen sorgfältig gesäubert werden – und zwar mit Putzmitteln, die auch Desinfektionsmittel sind.

Für die Umwelt wären aber Öko-Putzmittel besser.

Ja, natürlich, und unter normalen Umständen befürworte ich das auf jeden Fall. Aber in der jetzigen Situation müssen wir die Ausbreitung des Virus unbedingt stoppen und vor allem die Risikopersonen schützen.

Deshalb müssen wir den Umweltschutz mal ein bisschen ausser acht lassen und lieber die aggressiveren Putzmittel verwenden. Zu Hause können Sie natürlich weiterhin Ihre Öko-Putzmittel benutzen. Die Desinfektionsmittel sind heute meist biologisch abbaubar.

Haben Sie Angst, sich anzustecken?

Als Infektiologe muss ich natürlich jederzeit damit rechnen. Aber ich versuche, mein Risiko so gering wie möglich zu halten – sei es im Supermarkt oder im Spital. Aber entschuldigen Sie bitte, ich muss jetzt zu einem Patienten – das geht leider vor.

erschienen: 11.04.2020

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