Digitalisierung

«Man darf durchaus Befürchtungen haben»

«Je mehr man an den Computer eine externe Navigation abgibt, umso mehr sinkt die kognitive Leistungsfähigkeit», sagt Manfred Spitzer.
«Je mehr man an den Computer eine externe Navigation abgibt, umso mehr sinkt die kognitive Leistungsfähigkeit», sagt Manfred Spitzer. Bild PD

Sinneseindrücke in realen menschlichen Begegnungen regen Verarbeitungsprozesse in unserem Gehirn an. Sie fordern uns in unserer sozialen Kompetenz und fachlichen Expertise. Welchen Einfluss die Digitalisierung auf die Entwicklung wichtiger Kompetenzen in Medizin und Pflege haben kann, erklärt der Gehirnforscher und Bestsellerautor Manfred Spitzer im Interview.

Von Melanie M. Klimmer

alzheimer.ch: Die Digitalisierung bestimmt zunehmend die medizinisch-therapeutischen und pflegerischen Beziehungen. Wird sie die erhofften Verbesserungen bringen?

Manfred Spitzer: Der Einsatz von Computern, befürchte ich, wird zunehmend dazu führen, dass der Einzelne immer weniger nachdenkt und sein Gehirn gebraucht. Man braucht explizit Wissen, um Situationen richtig einschätzen, bewerten und Handlungsoptionen abwägen zu können.

Das heute überall anzutreffende «Gerede» darüber, dass man doch nichts mehr zu wissen brauche und es nur noch auf den Kompetenzerwerb ankomme, ist völliger Unfug! Wenn ich nämlich kein aktives Wissen besitze, wie kann ich dann kompetent sein?

Zur Person

Das wissenschaftliche Werk des Bestsellerautors Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer („Digitale Demenz“, 2012, «Einsamkeit», 2018 u.a.) wurde von drei Forschungsaufenthalten an der Harvard University und der University of Oregon in den USA geprägt. Promoviert in Medizin und Philosophie in Freiburg sowie habilitiert im Fach Psychiatrie war Manfred Spitzer zunächst als Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg tätig. Seit 1997 ist er Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, wo er 2004 das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) gründete.

Haben Sie ein Beispiel?

Um den richtigen Umgang mit Menschen zu lernen, muss man direkten Umgang mit anderen Menschen haben. Erst durch die Gleichzeitigkeit verschiedener haptischer, taktiler, olfaktorischer, visueller, auditiver Eindrücke stellt das menschliche Gehirn einen inhaltlichen Bedeutungszusammenhang her und hinterlässt durch kognitive Verschaltungen Gedächtnisspuren.

Das betrifft jegliches Lernen, auch das soziale Lernen. Gerade in der Medizin geht es zunächst einmal um ein solides Grundwissen, das man haben muss, um beispielsweise Informationen über medizinische Sachverhalte zu recherchieren. Wer gar nichts weiss, hat auch keine Frage, und wer ganz wenig weiss, kann mit Suchmaschinen wenig anfangen.

alzheimer.ch: Es braucht also erst einmal ein ordentliches Grundwissen?

Spitzer: Genau. Vorwissen ermöglicht mir, schneller zum Ziel zu kommen, bestehendes Wissen zu verfeinern, neues Wissen hinzu zu gewinnen, das mich weiterbringt. Je mehr man aber an den Computer, ein digitales System, eine externe Navigation abgibt, umso mehr sinkt die eigene Fähigkeit, sich zu orientieren, und die kognitive Leistungsfähigkeit.

Erst durch die aktive Verarbeitung eines Sachverhalts verändern sich die Synapsen und wir speichern ihn damit ab. Verlasse ich mich dagegen auf digitale Medien, wird im Gehirn nichts mehr abgespeichert. Wirkliches Expertenwissen geht dadurch jedoch zunehmend verloren.

Manfred Spitzer.
Manfred Spitzer. Bild Markus Koelle

Was könnte das im Falle eines Blackouts bedeuten?

Wer häufig seine Wahrnehmung am realen Menschen trainiert, mit ihm kommuniziert, viele Informationen in seinem eigenen Gehirn zusammenführen und verarbeiten kann, kommt auch klar, wenn digitale Systeme und PC-Programme ausfallen.

Solche Mitarbeitenden sind auch in Stresssituationen resilienter, weil sie sich ohne externe Navigation zu Recht finden, Alternativen kennen und nicht einer solchen Situation ausgeliefert sind.

Das Gehirn ist bei einer scheinbar so passiven Sammlung von Informationen, wie der Wahrnehmung, sehr aktiv.

Eingehendes Wissen wird mit bereits bestehendem Wissen stets abgeglichen. Die Frage ist insofern, ob wir der Wahrnehmung, der tieferen und nicht nur digitalen Auseinandersetzung mit Sachverhalten unsere Aufmerksamkeit und den nötigen Raum tatsächlich geben wollen.

Sind negative Auswirkungen auf die Wissenstiefe und auf soziale Kompetenzen, wie Hilfebereitschaft, Sozialverhalten, Kommunikationsfähigkeit in Medizin und Pflege zu befürchten?

Auf lange Sicht muss man tatsächlich Befürchtungen haben, weil digitale Medien unsere Aufmerksamkeit, unser Sozialverhalten und unsere soziale Bindungsfähigkeit verändern, wie es zahlreiche Studien belegen.

Digitale Informationstechnik schadet somit vor allem dann und auf lange Sicht, wenn sie auf Gehirne trifft, die sich noch in Entwicklung befinden, also vor allem bei Kindern und Jugendlichen.

Ähnlich wie man Laufen und Sprechen lernt, eignet man sich erst in zehntausenden realen Begegnungen soziale Fähigkeiten an. Mitgefühl, Dinge mit den Augen eines anderen sehen, aus Mimik, Gestik und Sprachmelodie die Emotionen eines anderen Menschen erspüren und so weiter – all dies lernt und trainiert man nur, indem man reale Kontakte pflegt. Da das Gehirn dynamisch ist, sich folglich mit seinem Gebrauch permanent verändert und anpasst, wird es dementsprechend auf- oder abgebaut.

Vielen Dank für das Gespräch!

erschienen: 05.05.2019

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