Aducanumab

Das Wunder ist ausgeblieben

Es sei ein Desaster für das gesamte Forschungsfeld, kommentiert der Leipziger Professor Hans-Ulrich Demuth die Nachricht vom Ende der Studien.
Es sei ein Desaster für das gesamte Forschungsfeld, kommentiert der Leipziger Professor Hans-Ulrich Demuth die Nachricht vom Ende der Studien. Bild Véronique Hoegger

Die Hoffnung, dass mit dem Wirkstoff Aducanumab endlich ein Mittel gegen Alzheimer gefunden wurde, hat sich zerschlagen. Die mangelnde Wirksamkeit des Antikörpers hat zum Abbruch zweier Studien geführt. In den Medien machte vor allem das daraufhin erfolgte Börsenchaos Schlagzeilen.

Von Marcus May

Der US-amerikanische Konzern Biogen und sein japanischer Partner Eisai haben Mitte März mitgeteilt, dass die Studien mit dem Wirkstoff Aducanumab weitgehend eingestellt würden. Als Grund wird die fehlende Aussicht auf eine signifikante Wirkung im primären Endpunkt genannt.

Biogen und Eisai testeten den Wirkstoff in grossangelegten Phase-3-Studien mit mehreren Tausend Patienten, nachdem die Auswertungen der Phase-2-Studien vielversprechend waren.

Die einzelnen Phasen einer klinischen Studie.
Die einzelnen Phasen einer klinischen Studie. Bild Alzheimer Forschung Initiative e.V.

Über die Gründe des Scheitern gibt es laut einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DNG) zurzeit drei Hypothesen:

Es sei möglich, dass die Alzheimer-Erkrankung bei den Probanden der Phase-3-Studien bereits zu weit fortgeschritten war, Aducanumab jedoch nur in sehr frühen Krankheiten eine positive Wirkung auf den Krankheitsverlauf zeigte.

Möglich sei auch, dass die Amyloid-Theorie nicht stimme oder dass der Antikörper nicht die Hauptform des Amyloids abbaue.

Die Liste wird länger

Die Erforschung von Alzheimer-Medikamenten ist äusserst komplex. Weit über 100 Alzheimer-Anwendungen sind bereits gescheitert. Vor Biogen und Eisai waren es im Januar Roche mit ihrem Lausanner Partner AC Immune, vergangenes Jahr mussten unter anderen Astra Zeneca, Eli Lily, Johnson & Johnson sowie Merck & Co. fortgeschrittene Projekte mangels Erfolgsaussichten aufgeben. Branchenführer Pfizer hat sich bereits vor einem Jahr vollständig aus der Alzheimer-Forschung zurückgezogen.

Viele Forscher stellen inzwischen die Frage, ob die Amyloid-Plaques wirklich die Ursache für die Entstehung gewisser Demenzformen sind.

So sagte der Basler Gerontologe Reto Kressig, seit Jahren selbst an solchen Forschungsprotokollen beteiligt, kürzlich in einem Interview: «Wenn das Beta-Amyloid wirklich das Problem ist, hätten wir auch bei den Vorstudien ein Signal gehabt.» 

Es liege nahe, dass Amyloid-Therapien selbst in frühen Stadien der Erkrankung nicht funktionierten, «und wir deshalb neue Ansätze brauchen», wird John Hardy vom University College in London in der Süddeutschen Zeitung zitiert. «Was uns dieses Scheitern wohl lehrt: Die Beseitigung des Amyloid-Proteins war wenig hilfreich.»

Die Nachricht machte sehr schnell die Runde, die Anleger reagierten panisch und verkauften ihre Biogen-Aktien, das Unternehmen verlor fast 30 Prozent seines Börsenwerts. Allein am Tag der schlechten Nachricht lösten sich fast 20 Milliarden Dollar einfach in Luft auf.

Die Medien überschlugen sich in der Folge mit Schlagzeilen:

«Biogen ist dringend auf neue Kassenschlager angewiesen», «Am Roulette-Tisch mit Biogen», «War es Gier oder Unvorsichtigkeit?» «Biogen verliert einen Drittel des Wertes und einen Teil der Zukunft», (Neue Zürcher Zeitung).

Etwas stutzig macht die Schlagzeile von süddeutsche.de: «Schwerer Rückschlag gegen Alzheimer». Wie bitte? ... Wer schlägt da wen? Oder noch ein Rückschlag: «Alzheimer-Rückschlag von Biogen vernichtet 17 Milliarden Dollar Börsenwert» (Handelsblatt).

Interessant ist die Analyse der Neuen Zürcher Zeitung:

Der US-Konzern hat hoch gepokert und verloren. Risiken einzugehen ist ein Erfolgsfaktor im Unternehmertum. Doch diese müssen angemessen sein. Erstaunlich ist aber, wenn das Management einer Firma mit mehreren tausend Angestellten sich auf eine hochriskante Wette solchen Ausmasses einlässt. Beklagen darf sich niemand, auch Investoren nicht. Die Informationen zu den Risiken waren frei zugänglich. Die Aussicht auf hohe Gewinne hat jedoch Management und Anleger blind gemacht.

Als ob alles nur ein Spiel wäre. Von den Millionen Einzelschicksalen, die seit Jahren die Hoffnung auf einen bahnbrechenden Durchbruch in der Forschung mit sich herumtragen, ist in diesen Berichten kaum die Rede.

Für die Betroffenen und ihre Angehörigen auf der ganzen Welt bedeutet dieses niederschmetternde Ergebnis tatsächlich ein Rückschlag. Doch sie können beruhigt sein: Es wird fleissig weitergeforscht, erfolgversprechende Studien und neue Herangehensweisen sind in der Pipeline!

 

Lesen Sie den Beitrag von Cornelia Stolze

→ Das Geschäft mit der Hoffnung

Seit Jahren suchen Forscher und Pharmafirmen nach einem wirksamen Mittel gegen Alzheimer. Doch ein Hoffnungsträger nach dem anderen scheitert. Der US-Konzern Pfizer hat inzwischen aufgegeben. Warum? Und: Was heisst das für die Patienten?

erschienen: 27.03.2019

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