Neuerkrankungen

«Wehret den Anfängen!»

Wenn jemand gut sozial eingebunden ist, wirkt sich das positiv auf seine kognitive Verfassung aus.
Wenn jemand gut sozial eingebunden ist, wirkt sich das positiv auf seine kognitive Verfassung aus. Bild PD

Nach einer neuen Studie der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig gehen die Demenzraten in einigen westlichen Industrieländern zurück. Die Forscherinnen Steffi Riedel-Heller und Susanne Röhr gehen davon aus, dass sich das Demenzrisiko beeinflussen lässt.

Von Franziska Wolffheim

alzheimer.ch: Sie haben am Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Uni Leipzig mehrere aktuelle Studien aus verschiedenen Industrieländern ausgewertet und dabei nachgewiesen, dass die Zahl der Neuerkrankungen an Demenz in den westlichen Industrieländern gesunken ist. Das heisst: Menschen, die heute 85 sind, erkranken seltener als diejenigen, die eine Generation früher ihr 85. Lebensjahr erreichten. Woran liegt das?

Steffi Riedel-Heller: Es werden verschiedene Gründe diskutiert. Da die frühkindliche Bildung und Förderung und die Bildung insgesamt besser geworden sind, können mehr Menschen eine kognitive Reserve anlegen, die sie dann bei ihrer Arbeit noch ausbauen können.

Die Anforderungen im Arbeitsleben sind höher geworden. Das mag alles dazu beitragen, dass Abbauprozesse möglicherweise erst später durchschlagen.

Susanne Röhr: Ein weiterer Aspekt ist das Management von Herz-Kreislauferkrankungen, wie etwa Bluthochdruck, das deutlich besser geworden ist. Das kann wiederum einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit haben, an Demenz zu erkranken.

Hoher Blutdruck kann Alzheimer begünstigen?

Röhr: Er kann die Entwicklung zumindest begünstigen. Hier kann man durch eine konsequente Behandlung medizinisch sehr gut eingreifen. Was dem Herzen hilft, ist letztlich auch fürs Gehirn gut. Der Präventionsgedanke steht hier im Vordergrund.

Ist die Prävention von Demenz denn wichtiger als die Behandlung?

Prof. Steffi Riedel-Heller, Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health, Uni Leipzig.
Prof. Steffi Riedel-Heller, Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health, Uni Leipzig. Bild PD

Riedel-Heller: Nein. Das sollte man niemals gegeneinander aufwiegen. Aber in der letzten Dekade gab es keine wirklichen Durchbrüche, was z. B. die medikamentöse Therapie angeht. Dies hat den Blick für die Prävention geschärft. So wurden in den vergangenen zehn Jahren viele Studien durchgeführt, die sich mit Risiko- und Schutzfaktoren von Demenzen befasst haben.

Ihre Analyse hat auch ergeben, dass in Japan, anders als in Frankreich, Grossbritannien oder den USA, ein Anstieg bei den Neuerkrankungen von Demenz registriert wurde. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Röhr: Früher war die Demenzhäufigkeit in Japan geringer, was vermutlich unter anderem mit gesunder Ernährung – fettarm, wenig Hochkalorisches, viel Fisch – zu tun hatte. Mittlerweile haben sich auch dort die Ernährungsgewohnheiten verändert, Diabetes und Übergewicht sind zum Problem geworden. Darin könnte ein Grund liegen, warum die Zahl der Neuerkrankungen gestiegen ist.

Der Anteil der übergewichtigen Menschen in allen Industrienationen wächst. Steht also zu befürchten, dass bald wieder die Zahl der Neuerkrankungen ansteigt?

Riedel-Heller: Das ist durchaus möglich. Adipositas im mittleren Lebensalter ist ein klarer Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz. Wenn mehr Menschen übergewichtig und adipös sind, wird das einen negativen Einfluss haben.

Wir befürchten durchaus, dass es in dieser Hinsicht einen Tsunami für die Bevölkerungsgesundheit gibt. Wer einmal 30, 40 oder 50 kg mehr auf die Waage bringt, hat es sehr schwer abzunehmen, deshalb: wehret den Anfängen!

Dr. Susanne Röhr, Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health, Uni Leipzig.
Dr. Susanne Röhr, Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health, Uni Leipzig. Bild PD

Wie weit schützt körperliche Aktivität vor Demenz?

Studien belegen, dass ältere Menschen, die körperlich aktiv sind, eher ihre kognitive Leistungsfähigkeit aufrechterhalten können als solche, die sich nicht oder kaum bewegen. Leider ist der Grad an körperlicher Aktivität in vielen Industrieländern nicht besonders hoch. In diesem Bereich haben wir noch viel Präventionspotenzial.

Gibt es bestimmte Arbeiten und Tätigkeiten, die besonders vor Demenz schützen?

Riedel-Heller: Wir konnten zum Beispiel zeigen, dass Menschen, die in ihrem Arbeitsumfeld selbstständig ihre Aufgaben planen und koordinieren können, später seltener an einer Demenz erkranken. Das heisst nicht, dass nur Manager profitieren. Auch Menschen, die zum Beispiel einen Fuhrpark disponieren, gehören dazu.

Lässt sich das auch auf Freizeitaktivitäten übertragen?

Riedel-Heller: Sicherlich. Das können zum Beispiel ehrenamtliche Tätigkeiten sein, für die man Planung und Organisation braucht. Auch kreative Arbeiten oder das Erlernen einer Fremdsprache stellen mentale Anforderungen dar.

Wie wichtig sind psychosoziale Faktoren? Und welche weiteren Faktoren spielen eine Rolle?

Riedel-Heller: Eine gute soziale Verankerung ist ein grosser Schutzfaktor. Dazu haben wir an unserem Institut auch Studien gemacht: Wenn jemand gut sozial eingebunden ist, wirkt sich das positiv auf seine kognitive Verfassung aus.

Röhr: Zudem gibt es Hinweise, dass sensorische Defizite, zum Beispiel schlechtes Hören, ein höheres Risiko mit sich bringen, an Demenz zu erkranken. Oft ziehen sich Menschen mit Hörbeeinträchtigungen auch zurück, was verstärkt ungünstig wirken kann.

Gute Sozialkontakte, Bewegung, gesunde Ernährung, kognitive Herausforderungen, regelmässige Kontrolle von Herz und Blutdruck: Ist das quasi die Zauberformel gegen Demenz?

Röhr: Zumindest lässt sich so die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, verringern. Hinzu kommt noch der Verzicht auf das Rauchen

Riedel-Heller: Wir haben an unserem Institut gerade eine grosse Studie gestartet, die Age-Well.de heisst. Dafür werden insgesamt mehr als 1000 Senioren ausgewählt, bei denen eine gewisse Anzahl an Risikofaktoren vorliegt, wie z. B. Bluthochdruck, Übergewicht oder hohe Cholesterinwerte.

Deren Risiko, an einer Demenz zu erkranken, ist erhöht, aber sie sind geistig noch fit. Für sie haben wir ein sogenanntes multimodales Interventionsprogramm entwickelt, das über zwei Jahre läuft.

Dazu gehören unter anderem Bewegungseinheiten, Krafttraining, Blutdruckkontrolle, kognitives Training, Ernährungsberatung oder Unterstützung in der sozialen Integration. Wir wollen dabei herausfinden, ob es gelingt, dass die kognitive Leistung im Verlauf stabil bleibt. 

Meinen Sie, dass für die Prävention von Demenz von staatlicher Seite genug getan wird, oder ist hier eher der einzelne gefragt?

Riedel-Heller: Ich denke, beides muss zusammen fliessen – Verhaltens- und Verhältnisprävention. Nehmen wir zum Beispiel die körperliche Aktivität als wichtigen Schutzfaktor für Demenz.

Natürlich ist hier der Einzelne gefragt. Aber es spielt eben auch eine Rolle, wie Städte gestaltet sind, um das zu ermöglichen, ob es also genug Fahrradwege und Parks zum Joggen gibt. Hier geht es um Handlungsaufträge an die Kommunen und Länder.

Sehen Sie eine Chance, dass Demenz irgendwann heilbar sein wird?

Riedel-Heller: Es gibt sehr interessante Forschungsansätze, zum Beispiel die Möglichkeit von Impfungen. Da ist viel in Bewegung. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass es in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu einem entscheidenden Durchbruch kommt. Grundsätzlich muss mehr für die Prävention in diesem Bereich getan werden.

 

Tobias Luck/Steffi Riedel-Heller,  Prävention von Alzheimer-Demenz in Deutschland. Eine Hochrechnung des möglichen Potenzials der Reduktion ausgewählter Risikofaktoren. In: Der Nervenarzt, November 2016,

erschienen: 29.12.2018

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