Therapien

«Es lohnt sich, früh zu therapieren»

Je mehr Äste spriessen, desto näher kommen sich die Baumkronen. Dies erleichtert es dem Eichhörnchen, von einem Baum zum anderen zu springen. Ähnlich verhält es sich mit dem Informationsaustausch im Gehirn des Menschen.
Je mehr Äste spriessen, desto näher kommen sich die Baumkronen. Dies erleichtert es dem Eichhörnchen, von einem Baum zum anderen zu springen. Ähnlich verhält es sich mit dem Informationsaustausch im Gehirn des Menschen. Bild PD

Der Geriater Dieter Breil erklärt, was Bäume und Eichhörnchen mit einer Demenz-Diagnose zu tun haben und warum es sich auszahlt, die Art der Demenz feststellen zu lassen.

Von Felicitas Witte

Bekommt ein Mensch die Diagnose Demenz, nimmt er ein Jahr später im Schnitt elf Prozent mehr Medikamente als vorher. Das haben Forscher der Universität Sydney herausgefunden. Sie verglichen 2418 Menschen im Alter von über 64 Jahren, bei denen zwischen 2005 und 2015 eine Demenz festgestellt worden war, mit 2418 Leuten ohne Demenz.

Bei den meisten wurde eine Alzheimer-Demenz diagnostiziert, und sehr viel seltener eine Lewy-Körperchen-Demenz, eine vaskuläre oder eine frontotemporale Demenz. Wir haben den Geriater Dieter Breil aus Basel gefragt, ob man nach der Diagnose einer Demenz immer Medikamente braucht.

alzheimer.ch: Herr Breil, elf Prozent mehr Medikamente ein Jahr nach der Diagnose einer Demenz. Muss das sein?

Dieter Breil: Erstmal darf man nicht vergessen, dass das eine Prozentzahl ist. In absoluten Zahlen heisst das: Nahm ein Patient vor der Diagnose im Schnitt 7,4 Medikamente, bekam er danach 8,2. Vom Arzt wird aber auch oft Hilfe erwartet, und man möchte etwas Sinnvolles tun.

Zur Person

Der Geriater und Internist Dr. Dieter Breil ist seit 2014 Chefarzt der Akutgeriatrie am Felix Platter-Spital in Basel. Bevor er dorthin kam, arbeitete er auf Helikopterbasen der Rettungsflugwacht (REGA). 2005 gründete er die Memory Clinic am Kantonsspital Olten, die er nebenamtlich leitete. Neben seinem Engagement für die Altersmedizin arbeitet Dieter Breil nach wie vor als Rettungsarzt.

Also ist es falsch, gleich nach der Diagnose Medikamente zu geben?

Nein, bei den meisten Demenzformen lohnt es sich, früh zu therapieren.

Warum?

Bei Alzheimer kommt es zu einem Mangel an Acetylcholin im Gehirn. Den Stoff brauchen unsere Nervenzellen, um Informationen von einer Zelle zur anderen weiterzugeben. Stellen Sie sich vor, die Nervenzellen sind Bäume, und die Informationen Eichhörnchen.

Bäume und Eichhörnchen?

Damit ein Eichhörnchen von einer zur anderen Baumkrone hüpfen kann, müssen die Bäume viele verzweigte Äste haben, die sich zu anderen Baumkronen strecken. Je mehr ein Gesunder sein Hirn benutzt, desto mehr Äste spriessen und je näher kommen sich die Baumkronen.

Die Eichhörnchen – also die Informationen – können leicht von einer Nervenzelle zur anderen hüpfen. Dass das so klappt, macht das Acetylcholin. Alzheimer-Patienten haben zu wenig davon, und der Abstand der Baumkronen ist zu gross, so dass die Nervenzellen Informationen viel langsamer austauschen können.

Und das merkt man an den typischen Symptomen?

Ja, genau, zum Beispiel anhand von Gedächtnisproblemen, dass einem Worte nicht einfallen oder dass man kein Nachtessen für vier Leute mehr planen kann. Deshalb ist unser Ziel, den Spiegel an Acetylcholin im Hirn hoch zu halten. Deshalb verschreiben wir nach der Diagnose sofort Cholinesterase-Hemmer.

Dieter Breil.
Dieter Breil. Bild Schaffner & Conzelmann/Openlens

Spriessen damit neue Äste?

Leider nicht. Aber wir können das Verkümmern der Äste abbremsen und so möglichst lange den Kontakt zur anderen Baumkrone erhalten, damit die Nervenzellen Informationen austauschen können. Antriebsarme, verlangsamte oder depressive Patienten werden mit den Medikamenten wieder aktiver.

Manchmal ist die Demenz bei der Diagnose weiter fortgeschritten. Was machen Sie in diesem Fall?

Dann steht die Behandlung der Verhaltensstörungen im Vordergrund, also zum Beispiel, dass die Betroffenen agitiert sind oder aggressiv. Diese Symptome können wir gut mit Medikamenten wie Memantin lindern.

Auch hier ist wichtig, dass man rasch nach der Diagnose anfängt zu therapieren, denn die Symptome belasten Patient und Angehörige sehr. Memantin macht, dass die Eichhörnchen gezielt von einem Ast zum anderen hüpfen und nicht auf dem Ast stehenbleiben.

Alzheimer-Patienten bekommen oft zusätzliche Medikamente verschrieben, die nicht aufs Hirn wirken.

Ja, denn der Geist braucht noch andere Unterstützung, damit er wieder besser funktioniert. Wichtig ist zum Beispiel, dass der Blutdruck richtig eingestellt ist, damit genügend Wasser in die Äste fliesst. Der Blutdruck darf nicht zu hoch sein und auch das Cholesterin nicht, denn das führt zu Arterienverkalkung und die Nervenzellen werden nicht mehr gut durchblutet.

Ebenso sollte der Blutzucker gut eingestellt sein, denn Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen können auch durch Blutzuckerschwankungen bedingt sein. Einigen Patienten verschreibe ich zudem Antidepressiva.

Warum das?

Antidepressiva holen den Betroffenen aus seiner traurigen, lethargischen Stimmung heraus. Bei vielen bessern sich die Hirnprobleme durch Antidepressiva erstaunlich.

Braucht man all diese Medikamente dauerhaft?

Anti-Demenz-Medikamente sind primär als Dauertherapie vorgesehen. Der Hausarzt sollte nach drei Monaten prüfen, ob der Patient davon profitiert und allenfalls Änderungen vornehmen.

Was ist bei anderen Demenzformen?

Bei der vaskulären Demenz ist es noch wichtiger, Medikamente direkt nach der Diagnose zu nehmen, denn damit können wir mehr erreichen. Blutdruckmittel oder Blutverdünner oder auch Statine sind hier am wichtigsten, denn sie verhindern Arteriosklerose und sorgen dafür, dass das Hirn gut durchblutet wird.

Man muss den Ästen Wasser geben!

Diese Medikamente sind aber auch wichtig für viele Patienten mit Alzheimer. Denn jeder dritte hat auch Durchblutungsstörungen im Hirn.

Und bei frontotemporaler Demenz (FTD) oder der vom Lewy-Körper-Typ?

Bei der FTD helfen Antidepressiva vom SSRI-Typ sehr gut, denn die Betroffenen haben zu wenig Serotonin im Hirn und SSRI erhöhen den Serotonin-Spiegel. Bei Lewy-Demenz bessern sich mit L-Dopa die Symptome, aber nur wenn man es frühzeitig gibt.

Die Patienten dürfen auf keinen Fall so genannte typische Neuroleptika bekommen, weil diese die Symptome ziemlich verschlechtern können. Deshalb ist es so wichtig, dass man bei den ersten Anzeichen erstmal feststellt, um welche Demenzform es sich handelt.

Was nach der Diagnose aber mindestens genauso wichtig ist wie die Medikamente: Seinen eigenen Lebensstil zu überdenken.

Warum?

Hört man mit dem Rauchen auf, hält Normalgewicht und bewegt sich körperlich, also mindestens dreimal pro Woche, verhindert das Arteriosklerose im Hirn. Am besten geht man stramm spazieren mit Freunden, macht einen Tanzkurs oder fährt Velo.

Dann hat man nicht nur Bewegung, sondern bekommt auch Stimuli aus der Umwelt. Und das hält unser Hirn auf Trab.

Vielen Dank für das Gespräch.

erschienen: 17.05.2018

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