Neurologie

Hirnforscher ­können (noch) keine Gedanken ­lesen

In der Hirnforschung gab es in den letzten Jahren grosse Fortschritte. Trotzdem gibt es noch viele ungelöste Rätsel.
In der Hirnforschung gab es in den letzten Jahren grosse Fortschritte. Trotzdem gibt es noch viele ungelöste Rätsel. Bild shutterstock

Was geht im Kopf von Menschen mit schwerer Demenz vor? Profitieren sie noch von Massnahmen, die ihnen ein würdevolles Leben ermöglichen? Die Hirnforschung sucht nach Antworten – und stösst dabei an Grenzen.

Von Kerstin Ritter

Demenz ist eine langwierige und unaufhaltsame Erkrankung, die mit milden kognitiven Beeinträchtigungen beginnt und im weiteren Verlauf zu schweren Persönlichkeitsveränderungen führt, wie zum Beispiel zu gesteigerter Emotionalität oder völliger Apathie. Viele Angehörige leiden darunter und versuchen diese Veränderungen zu verstehen und ihnen einen Sinn zu verleihen.

Was aber geht in diesen Menschen vor? Inwieweit profitieren sie noch von Massnahmen, die ihnen ein würdevolles Leben ermöglichen?

Und warum glänzen selbst Menschen mit schwerer Demenz zwischendurch mit lichten Momenten, in denen sie (verbal oder nonverbal) treffende Bemerkungen und Reflexionen von sich geben?

Kerstin Ritter erforscht, wie verschiedene Formen von Demenz sich im Hirn manifestieren.
Kerstin Ritter erforscht, wie verschiedene Formen von Demenz sich im Hirn manifestieren. Bild PD

Auf diese und ähnliche Fragen versucht die Hirnforschung Antworten zu geben. Eine Möglichkeit, direkt in das Gehirn hineinzuschauen, ist die Magnetresonanztomographie (MRT). Mit ihr können nicht nur relativ statische Hirnstrukturen abgebildet werden, sondern auch die Hirnaktivität bei kognitiven Prozessen wie Gedächtnis und Sprache.

Demenz wird verursacht durch Veränderungen im Gehirn. Während bei der Alzheimer-Erkrankung der fortschreitende Verlust von Nervenzellen im Vordergrund steht, ist die vaskuläre Demenz charakterisiert durch Schäden in der Blutversorgung des Gehirns, zum Beispiel hervorgerufen durch einen oder mehrere Schlaganfälle.

Verlust von Nervenzellen

Gerade die Alzheimer-Erkrankung folgt einem typischen Verlauf: Sie beginnt mit dem Verlust von Nervenzellen im Hippocampus, einer Struktur im Gehirn, die sehr wichtig ist für das Gedächtnis. Deshalb fallen Alzheimer-Patienten zunächst durch eine erhöhte, nicht durch das Alter erklärbare Vergesslichkeit auf. 

Sowie sich der Prozess der Neurodegeneration über das gesamte Gehirn ausweitet, werden immer mehr kognitive Fähigkeiten in Mitleidenschaft gezogen.

Die Patienten verlieren mit der Zeit ihre Sprache und Ausdrucksfähigkeit und ziehen sich schliesslich in sich zurück.

Auch Persönlichkeitsveränderungen, wie sie bei Menschen mit Demenz häufig auftreten, können durch die Schädigungen von Nervenzellen erklärt werden.

Störungen in Bereichen, die für das Erkennen von Emotionen (Teile im sogenannten medialen Temporallappen) verantwortlich sind, führen dazu, dass Demenzkranke Emotionen wie Wut und Trauer nicht mehr erkennen und adäquat reagieren können.

Auch können Schädigungen beziehungsweise Abbau von Nervenzellen in bestimmten Bereichen dazu führen, dass Emotionen sich von den Betroffenen schlechter kontrollieren lassen. Diese treten dann beispielsweise in Situationen auf, in denen sie sich überfordert fühlen oder ihren Schmerz nicht mitteilen können. Grundsätzlich können Angst, Aggression oder Depression auch als Abwehrstrategien gegen diese sehr verunsichernde Erkrankung gesehen werden.

Verminderte und erhöhte Aktivität

Neben dem Abbau von Nervenzellen können auch Veränderungen in der Gehirnaktivität nachgewiesen werden. Während es in einigen Bereichen zu einer verminderten Aktivität im Vergleich zu gesunden Personen kommt, ist in anderen Bereichen die Aktivität erhöht.

Verringert ist die Aktivität besonders in Bereichen, die für Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsprozesse zuständig sind, wie zum Beispiel Teile des Temporallappens. Paradoxerweise können aber am Anfang einer Demenz bestimmte kognitive Defizite durch eine gesteigerte Hirnaktivität in diesen Bereichen kompensiert werden.

Analyse eines Bildes aus dem Computertomografen.
Analyse eines Bildes aus dem Computertomografen. Bild shutterstock

Generell erhöht ist die Aktivität in Bereichen des Frontal- und Schläfenlappens, die insbesondere für die Impulskontrolle wichtig sind. Zusätzlich weisen Demenz-Patienten eine verringerte Verbindung zwischen verschiedenen Hirnregionen auf. Das heisst, dass die Kommunikation innerhalb des Gehirns erschwert ist.

Die Hirnaktivität sowie die ­lokale Durchblutung sind nicht immer gleich, sondern hängen von verschiedenen Faktoren ab wie zum Beispiel der Tageszeit oder der momentanen Befindlichkeit. Das ist auch der Grund, warum Patienten zu einigen Momenten wacher und verständiger erscheinen als zu anderen.

Keine Aussagen zur Gedankenwelt

Die Hirnforschung hat in den letzten Jahren wichtige Erkenntnisse über Demenz gewonnen. Insbesondere scheint die Magnetresonanztomographie geeignet zu sein, die Demenzerkrankung frühzeitig zu erkennen. Allerdings ist sie noch weit davon entfernt, Aussagen über die Gedanken- und Gefühlswelt einzelner Personen machen zu können.

Bei Menschen mit schwerer Demenz stösst auch die Magnetresonanztomographie an ihre Grenzen

weil diese erfordert, dass die Patienten sehr ruhig liegen und gegebenenfalls auf bestimmte Stimuli reagieren.

Auch wenn man nicht sagen kann, was genau in den Gehirnen von Menschen mit Demenz vorgeht, sprechen Verhaltensstudien sowie die Erfahrung vieler Angehöriger und Pfleger dafür, dass selbst schwer demente Patienten von einem liebevollen Umgang und einem auf die Bedürfnisse des Patienten ausgerichteten Umfeld stark profitieren und sich zum Beispiel Angst- und Unruhezustände reduzieren lassen.

erschienen: 17.03.2017

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