Demenz-Test

Nur vergesslich oder schon krank?

Bildungsniveau und Stress beeinflussen die Ergebnisse von Demenz-Tests.
Bildungsniveau und Stress beeinflussen die Ergebnisse von Demenz-Tests. Bild PD

Um herauszufinden, ob eine Person an Demenz leidet, setzen viele Ärzte Verfahren ein, die rasch ein Ergebnis liefern sollen. Das Problem dabei: Durch solche Demenz-Tests kommt es leicht zu falschen Diagnosen – und falschen Therapien.

Von Cornelia Stolze

Bei den einen ist es der Name eines alten Bekannten, der ihnen eines Tages partout nicht mehr einfallen will. Bei den anderen sind es wichtige Absprachen oder Termine, die sie vergessen. Wieder andere erleben, dass sie immer häufiger verzweifelt nach dem Auto suchen, weil sie sich nicht mehr erinnern, wo sie es das letzte Mal geparkt haben.

Wer feststellt, dass das eigene Gedächtnis nachlässt, macht sich verständlicherweise Sorgen.

«Bin ich noch normal, oder sind das die ersten Anzeichen von Alzheimer?»

Demenz zählt zu den Leiden, vor denen sich viele Menschen am meisten fürchten – und das wir uns und unseren Angehörigen wenn irgendwie möglich ersparen wollen. Ein wichtiger Schritt dafür, so scheint es, ist eine frühzeitige Diagnose.

Ein vergessenes Passwort muss kein Anzeichen für Demenz sein.
Ein vergessenes Passwort muss kein Anzeichen für Demenz sein. Bild PD

Glaubt man Berichten in Zeitungen, Zeitschriften, im Internet oder im Fernsehen, können spezielle Demenz-Tests nicht nur schnell und zuverlässig für «Gewissheit» sorgen.

Je früher die Diagnose da sei, heisst es, desto eher liessen sich auch Massnahmen ergreifen, um den Verfall des Geistes zu bremsen und eine Einweisung ins Pflegeheim um bis zu zwei Jahre zu verzögern.

Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun. Zwar gibt es heute mehrere Tests, mit denen Hausärzte, Fachärzte und Forscher an Kliniken und in Gedächtnisambulanzen die geistigen (kognitiven) Fähigkeiten besorgter Gesunder oder verwirrter, vergesslicher und desorientierter älterer Menschen prüfen und anhand derer sie ihre Demenz-Diagnosen stellen.

Doch anders als die Bezeichnung «Demenz-Test» vermuten lässt, ist ein schlechtes Testergebnis mitnichten ein Beweis für eine Demenz. Denn: Zahlreiche Erkrankungen, verschiedene Mangelzustände sowie die Folgen diverser medizinischer Therapien können eine Demenz vortäuschen, obwohl das Gehirn intakt ist und die Beschwerden behebbar und reversibel sind.

Eine Therapie, die eine (echte) Demenz verhindern, aufhalten oder gar heilen könnte, gibt es nicht. 

Keine Frage: Gedächtnisstörungen, Verwirrtheit, auffällige Veränderungen im Verhalten oder gar Halluzinationen sind ernstzunehmende Hinweise darauf, dass ein gesundheitliches Problem vorliegt.

Richtig ist auch, dass sich Betroffene so bald wie möglich fachärztlich untersuchen lassen sollten. Entscheidend ist jedoch, was dann an Diagnostik folgt.

Zu den häufigsten Verfahren, die Mediziner bei Verdacht auf Demenz einsetzen, gehören sogenannte neuropsychologische Tests wie der Mini-Mental-Status-Test (MMST), der DemTect und der Uhrentest.

Der Uhrentest

Beim Uhrentest wird der Patient gebeten, das Zifferblatt einer Uhr zu zeichnen und eine bestimmte Uhrzeit einzutragen. Anhand der Abweichungen in der Darstellung werden Rückschlüsse auf das Ausmass der Hirnfunktionsstörung gezogen. Dabei werden je nach Abweichung 1 bis 6 Punkte vergeben, wobei Werte von 3 oder mehr Punkten als Hinweis auf eine Demenz gelten.

Der Uhrentest.
Der Uhrentest. Bild PD

Zeichnet der Proband die Uhr perfekt (Ziffern 1-12 an der richtigen Stelle, korrekte Uhrzeit eingezeichnet) wird 1 Punkt vergeben. Sind die Abstände zwischen den Ziffern unregelmässig oder Ziffern ausserhalb des Zifferblatts bzw. ist das Zifferblatt verdreht, gibt das 2 Punkte.

Ist die Uhr fehlerhaft, weil nur ein Zeiger eingezeichnet oder keine Uhrzeit eingetragen ist, führt das zu 3 Punkten. Bei zunehmendem Durcheinader werden 4 bzw. 5 Punkte vergeben. Zeichnet der Patient gar keine Uhr führt das zu 6 Punkten.

Der DemTect-Test

Der DemTect besteht aus fünf Teilen, anhand derer verschiedene geistige Fähigkeiten getestet werden. In Teil 1 wird dem Probanden eine Wortliste mit zehn Begriffen vorgelesen, die er wiederholen soll. Das Ganze wird einmal wiederholt.

Auswertung des DemTects.
Auswertung des DemTects. Bild PD

Im zweiten Teil soll der Patient Zahlen umwandeln – zuerst eine Ziffer in das entsprechende Wort, danach umgekehrt. Im dritten Teil soll die Person so viele Dinge wie möglich nennen, die man in einem Supermarkt kaufen kann.

In der vierten Aufgabe werden zwei-, drei-, vier-, fünf- und sechsstellige Zahlenreihen vorgelesen, die der Patient rückwärts nachsprechen soll.

Gezählt wird die längste richtig rückwärts wiederholte Zahlenfolge. Zuletzt wird die Wortliste der ersten Aufgabe wiederholt. Am Schluss erhalten alle Teilergebnisse einen entsprechenden Punktewert laut einer Umrechnungstabelle. Diese fünf Punktwerte werden zum Gesamtergebnis addiert.

Maximal erreichbar sind 18 Punkte. 13 bis 18 Punkte gelten als altersgemässe kognitive Leistung, 9 bis 12 Punkte als leichte kognitive Beeinträchtigung, bei 8 Punkten und weniger heisst es: Demenzverdacht.

Der Mini-Mental-Status-Test

Der Mini-Mental-Status-Test (MMST) besteht aus einem kurzen Fragebogen. Darin wird der Patient unter anderem zur aktuellen Zeit (Jahr, Jahreszeit, Wochentag, Monat, Datum) befragt sowie zu dem Ort, an dem er sich gerade befindet (Bundesland, Stadt, Stadtteil, Klinik / Praxis / Altenheim, Station / Stockwerk).

Zudem wird die Merkfähigkeit getestet, indem der Patient drei verschiedenartige Begriffe wiederholen muss, die man ihm zuvor langsam vorspricht. Die Fähigkeit zu rechnen wird anhand folgender Aufgabe überprüft: «Zählen Sie bei 100 beginnend in Siebener-Schritten rückwärts.»

Nach fünf Subtraktionen (93, 86, 79, 72, 65) wird gestoppt, und der Untersucher zählt die richtigen Antworten. In einer weiteren Aufgabe wird dem Patienten eine Armbanduhr gezeigt mit der Frage, was das sei. Für jede korrekt beantwortete Frage gibt es einen Punkt.

Maximal erreichbar sind 30 Punkte. Eine Demenz wird bei 23-24 Punkten und weniger diagnostiziert. Grenzwerte für die Diagnose einer Demenz werden zwischen 24 und 26 Punkten angegeben. Werte unter 20 Punkten stehen für mittelgradige Demenz, unter 10 Punkten für schwere Demenz.

Für alle neuropsychologischen Demenz-Tests gilt: Mit keinem einzigen dieser Verfahren lässt sich wirklich feststellen, ob ein Mensch Demenz hat oder nicht.

Denn viele Faktoren können dazu führen, dass ein Patient in solchen Tests «versagt» – obwohl sein Gehirn weder irreparabel geschädigt noch von einer unheilbaren, fortschreitenden Krankheit befallen ist.

ZDF-Beitrag über Fehldiagnosen:


Quelle ZDF/Youtube

Wie ein Mensch im Test abschneidet, hängt unter anderem vom Bildungsniveau, von der sozialen Schicht und von der seelischen Verfassung ab. Allein schon die Prüfungssituation, in der man sich bei einem Gedächtnistest befindet, setzt viele Menschen unter massiven Stress.

Und zwar umso mehr, wenn sie ohnehin verunsichert, ängstlich, betrübt, gebrechlich oder voller Sorgen und Selbstzweifel sind.

Stress hemmt die Informationsverarbeitung im Gehirn und blockiert so das Denken und das Gedächtnis. 

Von Ärzten werden solche Tests dennoch gerne und häufig eingesetzt. Das hat mehrere Gründe. Alle drei Tests sind leicht und schnell durchzuführen, erfordern keinen teuren Gerätepark.

Sie werden auf medizinischen Fortbildungen und Tagungen sowie in Informationsbroschüren von Arzneimittelherstellern als hilfreiches und verlässliches Instrument zur Demenz-Diagnose empfohlen. Arzt oder Ärztin müssen die Tests nicht einmal selbst vornehmen, meist erledigen das ihre Mitarbeiter.

Hinzu kommt, dass ein solcher Test das Gefühl von Wissenschaftlichkeit und Zuverlässigkeit vermittelt – sowohl den Patienten und ihren Angehörigen als auch den Medizinern.

Schliesslich steht am Ende eine konkrete Zahl schwarz auf weiss. 

Unabhängige Experten warnen jedoch vor der Demenz-Früherkennung. Erst kürzlich hat der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes der Krankenkassen (MDS) in Essen die Tests unter die Lupe genommen. Dabei stellte sich heraus: Wissenschaftliche Studien, die den Nutzen der Tests belegen könnten, gibt es nicht.

Die Forscher fanden hingegen eine Übersichtsarbeit, die zu dem Schluss kommt, dass die derzeit verfügbaren Arzneimittel in einer frühen Phase der Krankheit den geistigen Verfall nicht aufhalten können.

Eine frühe Behandlung bringt demnach keinerlei Vorteile.

Daraus schlussfolgern die Wissenschaftler, dass auch die Früherkennung sinnlos ist. «Wenn der Test frühe Anzeichen einer Demenz findet, nützt einem dieses Wissen nichts», heisst es in der Bewertung.

Vielmehr seien Schäden zu erwarten, da es zu einer hohen Anzahl an falsch positiven Diagnosen oder Verdachtsdiagnosen kommen würde. Denn nur jede zweite frühe, leichte Demenz entwickelt sich später zu einer schweren Demenz. Mindestens jede zweite Diagnose und Behandlung würde also zu Verunsicherungen und Nebenwirkungen der Therapie führen.

erschienen: 06.06.2018

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