Interview zu Depression und Demenz

Nichts macht mehr Spass

Eine Depression kann ein erstes Anzeichen für eine Demenz sein.
Eine Depression kann ein erstes Anzeichen für eine Demenz sein. Bild Véronique Hoegger

Menschen mit Demenz haben ein höheres Risiko, eine Depression zu bekommen. Ärzte empfehlen regelmässig nach den Symptomen zu suchen, denn eine Therapie oder die richtige medikamentöse Behandlung können Betroffene und Angehörige entlasten.

Von Felicitas Witte

alzheimer.ch: Herr Savaskan, die Oma einer Bekannten hat seit längerem eine Demenz. Neuerdings weint sie immer wieder und wirkt niedergeschlagen. Hat sie womöglich eine Depression?

Egemen Savaskan: Das kann man so nicht sagen. Weinen alleine reicht nicht aus, um die Diagnose «Depression» zu stellen. Es ist völlig normal, dass man ab und zu traurig ist und weint, auch als Erwachsener. Wenn die Dame allerdings wochenlang traurig wirkt, könnte eine Depression durchaus dahinter stecken.

Wie würde meine Bekannte das merken?

Dass die Oma antriebslos wirkt und keine Freude mehr hat an Dingen, die ihr früher Spass machten, etwa mit den Enkeln zu spielen. Dass sie ständig zu müde ist, um spazieren zu gehen, dass sie nicht mehr gut schlafen kann oder sagt, sie habe Angst.

«Ist die Diagnose Demenz erst vor kurzem gestellt worden, kann das Weinen auch eine normale Trauer-Reaktion sein.»

Bestimmt wäre jeder traurig, wenn er oder sie erfährt, an einer Demenz erkrankt zu sein. Auf jeden Fall sollte Ihre Bekannte wachsam sein und lieber früher als später mit dem Hausarzt sprechen. Der kann dann anhand verschiedener Kriterien abklären, ob die Dame eine Depression hat oder «nur» traurig ist (siehe Aufstellung am Ende des Beitrags).

Professor Egemen Savaskan ist Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich.
Professor Egemen Savaskan ist Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich.

Menschen mit Demenz haben ein höheres Risiko, eine Depression zu bekommen. Warum ist das so?

Fast jeder zweite Mensch mit einer Demenz hat Symptome einer Depression. Umgekehrt erhöht eine Depression das Risiko, später an einer Demenz zu erkranken1-3. Vermutlich entstehen beide Krankheiten durch ähnliche Mechanismen: Die Menge bestimmter Botenstoffe im Hirn ändert sich und Stresshormone spielen auch eine Rolle, was letztlich zu den Beschwerden einer Demenz und denen einer Depression führen kann.  

Was tritt zuerst auf: Die Depression oder die Demenz?

Das ist von Patient zu Patient unterschiedlich. Zu uns in die Klinik kommen oft Patienten, die beides haben. Dann behandeln wir beides gleichzeitig. Manchmal wird uns ein älterer Patient überwiesen, bei dem ein Kollege vor kurzem eine Depression festgestellt hat. In solchen Fällen leiten wir die initiale antidepressive Behandlung ein.

Bei einem solchen Patienten führen wir immer auch Untersuchungen durch, um eine Demenz auszuschliessen – denn die Depression kann das erste Anzeichen einer Demenz sein. Dazu gehört eine sorgfältige körperliche Untersuchung, Laboruntersuchungen, Aufnahmen des Gehirns und neuropsychologische Tests.

Wie bemerkt man eine Depression bei Demenzpatienten?

Die Symptome bei Älteren unterscheiden sich etwas von denen bei Jüngeren. Bei älteren Menschen äussert sich eine Depression eher in Müdigkeit, Schwindel, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Gedächtnisstörungen, Angst oder Schmerzen. Selten sagen die Betroffenen, sie würden sich traurig oder niedergeschlagen fühlen.

Müssen Depression und Demenz immer mit Medikamenten behandelt werden?

Nein. Bei leichter bis mittelschwerer Depression empfehle ich zunächst eine Psychotherapie, die auf den kognitiv-behavioralen Ansatz zurückgeht. Auch bei beginnender, leichter bis mittelschwerer Demenz kann Psychotherapie helfen.

Eine Psychotherapie bei Demenz, geht das überhaupt?

Ja, das klappt gut. Man muss natürlich verständliche und einfache Worte wählen, wenn man neue Verhaltensstrategien zusammen erarbeitet.

Wie können Angehörige helfen?

«Die Angehörigen zu betreuen, ist Teil unserer Therapie, was ich sehr wichtig finde.»

Zum einen können Angehörige selbst eine Depression entwickeln, weil die Symptome des Betroffenen sie ziemlich belasten. Erkennt man die Depression bei den Angehörigen rechtzeitig, kann man sie gut behandeln.

Zweitens sollten die Angehörigen über die beiden Krankheitsbilder gut informiert sein, über den Verlauf und die Therapiemöglichkeiten. Wenn sie darüber Bescheid wissen, können sie den Therapieerfolg mitverfolgen und sind nicht nur passive «Zuschauer». Das erleichtert den Umgang mit den Betroffenen. Wenn sie wissen, dass der Betroffene sich zurückzieht, weil er eine Depression hat, oder ablehnend reagiert, weil er eine Demenz hat, können sie seine Reaktionen besser verstehen.

Abgesehen davon sollten Angehörige darauf achten, dass sie durch eine Sozialarbeiterin beraten werden. Sie kann beispielsweise eine Tagesklinik vermitteln oder bei administrativen Angelegenheiten helfen und die Angehörigen so entlasten.

Sollten Ärzte jeden Menschen mit Demenz regelmässig auf erste Zeichen einer Depression untersuchen?

Ja, auf jeden Fall. Und auch umgekehrt sollte man bei älteren Menschen mit Depressionen auf Frühzeichen einer Demenz schauen. So kann man diese «Doppel-Krankheiten» frühzeitig erkennen. Mit den richtigen Medikamenten oder einer Psychotherapie können wir bei einigen Betroffenen die Symptome lindern und sie fühlen sich nicht mehr so antriebslos, haben wieder mehr Freude am Leben und können sich vielleicht auch Dinge besser merken. Das hilft nicht nur den Betroffenen sehr, sondern letztlich auch den Angehörigen.

Vielen Dank für das informative Gespräch!

 

Diagnose: Nur traurig oder schon eine Depression?

 

Hauptsymptome (während mindestens 2 Wochen)

  • Gedrückte Stimmung
  • Verlust von Interesse und Freude
  • Erhöhte Ermüdbarkeit

Nebensymptome 

  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen
  • Gefühl, an allem schuld oder wertlos zu sein
  • Negative Gedanken über die Zukunft
  • Gedanken, sich selbst etwas anzutun oder Selbsttötungsversuch
  • Appetitlosigkeit
  • Schlafstörungen
  • Schmerzen

Leichte Depression

  • mindestens 2 Haupt- sowie mindestens 2 Nebensymptome

Mittelschwere Depression

  • mindestens 2 Haupt- sowie mindestens 3 Nebensymptome

Schwere Depression

  • 3 Haupt- sowie mindestens 4 Nebensymptome

Zusätzliche Symptome

  • Unsicherheit beim Treffen von Entscheidungen
  • Keine Freude bei freudigen Ereignissen
  • Selbstzweifel
  • Ständiges Grübeln
  • Quälende innere Unruhe
  • Gefühl, körperlich gehemmt zu sein
  • Gefühl, langsam zu denken
  • Generelle Angst
  • Ungewollter Gewichtsverlust

    (Quelle: ICD-Klassifikation, E. Savaskan)

 

 

Prof. Egemen Savaskan ist Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie an der Psychiatrischen Uniklinik in Zürich. Er ist im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Alterspsychiatrie und -psychotherapie (SGAP). Seine Forschungsschwerpunkte sind die Neuroprotektion, die Neuropsychologie und die Therapie von Demenz-Erkrankungen.

 

1 Barnes DE et al. Arch Gen Psychiatry 2012
2 Rapp MA et al. Arch Gen Psychiatry 2006; 63(2) : 161-167
3 Lyketsos CG, Olin J, Biol Psychiatry, 2002 , 52(3) : 243-252

erschienen: 14.11.2016

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