Epidemien

Stresstest für die Gesellschaft

Die Jahrhunderte sind vergangen – die menschliche Psyche ist gleich geblieben.
Die Jahrhunderte sind vergangen – die menschliche Psyche ist gleich geblieben. Bild Unsplash

Der Blick auf Florenz 1348 zeigt: Es liegt in der Psyche des Menschen, dass er sich heute nicht anders verhält als zu Zeiten der Pest.

Von Felicitas Witte

Die Infektion greift um sich. Die Behörden erlassen Verbote, Menschen versuchen, sich mit Tüchern oder Masken zu schützen. Läden bleiben geschlossen. Die Wirtschaft bricht ein – das Land ist in Krisenstimmung.

Nein, es geht nicht um Covid-19. Wir schreiben das Jahr 1348. In Europa ist die Pest ausgebrochen, und Florenz ist eine der am heftigsten getroffenen Städte. Von den damals 90'000 Einwohnern wird mehr als jeder Dritte sterben.

Zum Glück sind es bei der jetzigen Epidemie sehr viel weniger und wir haben heute eine exzellente Gesundheitsversorgung. Aber es gibt erstaunlich viele Parallelen. «Epidemien waren und sind immer Stresstests für die betroffenen Gesellschaften», sagt Flurin Condrau, Medizinhistoriker an der Universität Zürich.

Als die Seuche 1348 in Florenz ankam, hatte die Stadt gerade eine schwere Wirtschaftskrise und eine Hungersnot hinter sich. Die Bürger stellten zunehmend mittelalterliche Weltanschauungen in Frage und sorgten sich um die Zukunft.

Die Pest in Florenz 1348 auf Basis der Beschreibungen in Boccaccios Decameron.
Die Pest in Florenz 1348 auf Basis der Beschreibungen in Boccaccios Decameron. Bild Wikimedia

Neue Erfindungen – etwa die todbringende Pulverwaffe oder die mechanische Uhr, die einem unwiderruflich zeigte, dass das Leben vorbeiging – machten den Menschen Angst.

Hinzu kam eine Klimaveränderung. «Schon vor der Pest gab es eine globale Krise», sagt Klaus Bergdolt, Medizinhistoriker an der Universität Köln. In den ersten Tagen des Ausbruchs habe damals keiner geahnt, dass es so schlimm werden würde, erzählt er, ähnlich wie jetzt mit dem Coronavirus.

«Die Florentiner Obrigkeit hat die Seuche zunächst für harmlos erklärt, weil sie Souveränität vermitteln und Panik vermeiden wollte. Auch Chinas Behörden haben wochenlang nicht vernünftig über das Coronavirus kommuniziert.»

Ebenso zeigte sich Donald Trump lange vom Virus unbeeindruckt und selbst Bundesgesundheitsminister Jens Spahn warnte vor Panikmache.

Doch Pest und Coronavirus breiteten sich aus. Wie das damals ausgesehen haben muss, wissen wir vom Florentiner Dichter Giovanni Boccaccio. Er schreibt von Schwellungen in der Leistengegend, manche so gross wie ein Apfel oder ein Ei – Pestbeulen genannt.

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Lockdown

Einen sicheren Ort finden

Damals war man überzeugt, die Pest sei durch «Einwirkung von Himmelskörpern» entstanden oder aus Zorn Gottes, weil man sich falsch verhalten hatte. Erst 1894 fand der schweizerisch-französische Arzt Alexandre Yersin heraus, dass die Infektion durch ein Bakterium verursacht wird.

Die von Boccaccio beschriebene Beulenpest ist die häufigste Form. Plötzlich bekommt man Kopfschmerzen, Fieber, Schüttelfrost, muss sich übergeben und fühlt sich sehr krank. Die Beulen sind geschwollene Lymphknoten, die platzen können und dabei ansteckendes, eitriges Sekret freisetzen.

Unbehandelt stirbt rund jeder Zweite, mit Antibiotika immerhin noch bis zu jeder Sechste. Eine Coronavirus-Infektion äussert sich dagegen mit Husten, Fieber und manchmal Atemnot. Von den Patienten aus China wissen wir, dass vier von fünf Infektionen mild verlaufen.

Die Behörden versuchten damals ähnlich wie heute, die drohende Epidemie aufzuhalten.

Reinigungsknechte sollten den Müll aus der Stadt schaffen, da sein Geruch angeblich die Seuche verbreitete. Heute werden Kontaktsperren und Reiseverbote verhängt. Ebenso wie zur Zeiten der Pest müssen krankheitsverdächtige Personen in Quarantäne oder ihnen wird die Einreise verweigert.

Die Regierung holt sich Rat bei Ärzten zur Vorbeugung. Damals waren das risikoreiche Reinigungsfeuer, heute Hygieneregeln. Doch 1348 fruchteten die Massnahmen nicht. Wegen der vielen Toten liess die Stadt neue Friedhöfe anlegen, die Leichen wurden schichtweise übereinandergelegt.

Manche Bewohner meinten, so Boccaccio, die sicherste Medizin sei, «reichlich zu trinken, zu genießen» und «über das, was kommen möge, nur zu lachen und zu spotten». Andere verkrochen sich zu Hause und die dritten flohen aus der Stadt – darunter Boccaccio selbst.

Auch jetzt reisten Norditaliener in Scharen in ihre Ferienhäuser in der Toskana und der Ewig-Politiker Silvio Berlusconi zog sich in die Villa seiner Tochter nach Südfrankreich zurück. «Es liegt an der menschlichen Psyche, dass der eine so, der andere anders auf eine angstmachende Situation reagiert», sagt der Mediziner Bergdolt.

Auch im heutigen Florenz bleiben viele Menschen aus Angst vor Corona zuhause.
Auch im heutigen Florenz bleiben viele Menschen aus Angst vor Corona zuhause. Bild Felicitas Witte

Das liess sich in den ersten Tagen der Epidemie auch in Florenz erkennen. Jeder zweite Amerikaner sei dem Unterricht ferngeblieben, erzählt die Lehrerin einer Privatsprachschule. Manche Florentiner kauften die Supermärkte leer und blieben zu Hause.

Andere wiederum schienen das Leben nun erst recht zu geniessen und genossen teuren Chianti und Trüffel-Pasta in den halbleeren Trattorie.

Zu Zeiten der Pest wurden Juden verfolgt, vertrieben und ermordet, denn sie sollten die Brunnen vergiftet haben. Auch heute war anfangs in Florenz Rassismus zu spüren, in erster Linie gegenüber Chinesen.

Doch auch gegenüber Italienern: Ein Florentiner Pärchen, das das gebuchte Hotel in Spanien absagte, bekam zu hören: Man sei doch sehr froh, dass die Italiener nicht kommen würden.

Die Pest in Florenz hatte enorme gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Konsequenzen.

Pfiffige Florentiner nutzten die Seuche, um Profit zu machen. Die Preise für Lebensmittel stiegen sprunghaft und der Wachspreis für Totenkerzen schoss in die Höhe, bis schliesslich der Staat eingriff: Niemand durfte mehr als zwei Kerzen kaufen.

Apotheker und Totengräber machen ein Vermögen, weil sie Bahren, Decken und Kissen für Leichenfeiern zu Höchstpreisen verkauften. Priester, Bettelbrüder und so manch ein Arzt liessen sich ihre Dienste teuer bezahlen und Klöster freuten sich über die Einnahmen aus Testamenten.

Auch heute machen Menschen erfolgreich Profit mit dem Coronavirus: Atemmasken und Desinfektionsmittel sind ausverkauft, und Klopapier wird für vier Euro die Rolle im Internet verkauft.

Damals lag das öffentliche Leben völlig brach. Man müsse sich das wie in den am meisten betroffenen Orten in Norditalien vorstellen, sagt Bergdolt, «aber viel viel schlimmer».

Die Menschen hungerten. Es fehlten Geschäfte, Handwerker und Münzhersteller, Nachtwächter und Aufseher, die die Stadt schützten, und keiner wollte mehr Wehrdienst leisten. Doch nach und nach erholte sich die Stadt.

Der Rattenfloh gilt als Hauptüberträger des Bakteriums Yersinia pestis.
Der Rattenfloh gilt als Hauptüberträger des Bakteriums Yersinia pestis. Bild Wikimedia

Die einfachen Leute freuten sich an geerbten oder herrenlosen Luxusgegenständen und Frauen und Männer begannen mit Kleidern und Pferden zu prunken, wie es der Florentiner Chronist Marchionne die Coppo Stefano beschrieb.

Auch das sei eine verständliche psychologische Reaktion, sagt Bergdolt. «Menschen, die dem Tod entronnen sind, lechzen nach Vergnügung, Luxus und Reichtum».

Der Mittelstand wurde mächtiger und die herrschende Oberschicht schwächer, denn von ihnen waren im Verhältnis gesehen mehr gestorben.

Fleischer, Schuhmacher, Bäcker, Schmide oder Steinmetze wurden aus dem Umland geholt – das kurbelte die Wirtschaft an. Die Pest sei sicher eine grosse Katastrophe gewesen, sagt Medizinhistoriker Condrau, aber sie habe auch den historischen Wandel im Leben und Arbeiten der Menschen beschleunigt.

«Vermutlich gibt es sogar einen Zusammenhang zwischen der Pest und der einsetzenden Säkularisierung», sagt er. «Die Menschen begannen, 'Gottes Fügung' zu hinterfragen und kritisch zu denken».

Wie sich Covid-19 auswirkt, ist nur abzuschätzen.

«Auf die globale Gesundheit viel weniger als die Pest», meint Condrau. «Aber die wirtschaftlichen und sozialen Folgen dürften enorm sein». Für Italien sind die wirtschaftlichen Folgen katastrophal, denn der Tourismus macht einen grossen Teil der gesamtitalienischen Wirtschaftsleistung aus.

So sollen im Februar in Florenz allein in den Palazzo Vecchio 7000 Besucher weniger gekommen sein als im Jahr zuvor und sieben von zehn Airbnb-Buchungen abgesagt worden sein. Für die Wirtschaft sei Coronavirus schlimmer als ein Krieg, so neulich die Tageszeitung La Repubblica, denn von letzterem erhole sich der Staat schneller.

«Ansteckende Krankheiten waren immer schon eng mit dem gesellschaftlichen Leben verknüpft», sagt Condrau. «Dass es dem Coronavirus aber in so kurzer Zeit gelingt, die Welt derart aus den Fugen zu bringen, finde ich erstaunlich».


Quelle Youtube

erschienen: 06.09.2020

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