Biografisches Erzählen und Schreiben

In der Sprache Heimat finden

Wenn wir mit freundlichem Blick auf unsere Biografie schauen, wenn wir verstehend und nicht abwertend erzählen und beschreiben, kann der Reichtum des eigenen Lebens entdeckt werden.
Wenn wir mit freundlichem Blick auf unsere Biografie schauen, wenn wir verstehend und nicht abwertend erzählen und beschreiben, kann der Reichtum des eigenen Lebens entdeckt werden. Bild PD

Heimat muss nicht zwingend an einen Ort gebunden sein. Manche Menschen bringen Heimat mit Sprache in Verbindung. Die sprachliche Auseinandersetzung mit sich und seinem Leben, durch Erzählen oder Schreiben, schafft nicht nur Heimat, sondern stiftet auch Sinn.

Von Esther Spinner

Heimat wird oft mit einem Ort verbunden, so will es auch die Duden-Definition. Die Schriftstellerin Lena Gorelik hingegen sagt: «Heimat ist subjektiv, sie ist die meine, und sie braucht keine Definition, weil sie kein Begriff ist; sie ist ein Gefühl.»

Und sie fragt: «Ist Heimat da, wo alle die humorvollen Feinheiten meiner Sprache verstehen?» Die deutsche Sprache, die nicht ihre Muttersprache ist, bezeichnet sie als ihr Zuhause.

Was ist Heimat?

In einer Spiegel-Umfrage wird in einigen Antworten auf die Frage «Was ist Heimat?» die Sprache genannt. Endlich wieder berlinern, heisst es da, oder: Heimat ist da, wo man mich versteht. In der eigenen Sprache zu Hause sein und verstanden zu werden, da, wo man lebt, ein Wunschtraum, der sich für viele Menschen nicht erfüllt.

Flucht und Migration verändern den Bezug zur eigenen Sprache. Man kann über der neuen Sprache die alte Sprache vergessen. Zumindest wird sie darunter leiden, dass sie wenig gebraucht wird. Vielleicht sprechen die eigenen Kinder die neue, fremde Sprache lieber als die Sprache der Eltern, an der die alten Geschichten hängen.

Die Mehrsprachigkeit mit ihren Schwierigkeiten hat die indischstämmige Schriftstellerin Dhumpa Lahiri erlebt. Sie schreibt:

«Auf Grund meiner gespaltenen Identität, vielleicht auch auf Grund meines Charakters, fühle ich mich als unvollständige Person (…).
Vielleicht ist der Grund auch ein linguistischer: Das Fehlen einer Sprache, mit der ich mich identifizieren kann. Als Mädchen in Amerika versuchte ich korrekt bengalisch zu sprechen, ohne Spur eines fremden Akzentes, um damit meine Eltern zufrieden zu stellen (…).
Aber das war mir nicht möglich. Auf der anderen Seite wollte ich als Amerikanerin durchgehen, aber obwohl ich diese Sprache perfekt sprach, war mir das auch nicht möglich. (…)
Beide Seiten waren unperfekt.»

Ich nehme an, dass die einen Menschen an ihrer unperfekten oder defekten Sprache leiden, andern ist dies vielleicht gleichgültig, wieder andere erheben das Unperfekte zur neuen Sprache.

Der Satz «S'bescht wos je hets gits» ging vor einiger Zeit durch die Medien und wurde zum Markenzeichen einer Generation, der weder die eine noch die andere Sprache Muttersprache ist. In einem Artikel über die Vielfalt der Schweizer Dialekte, wird dieser Satz zum neu ernannten Ethnolekt gezählt und somit als weitere Variante den bekannten Dialekten hinzugefügt.

Die Sprachfehler von heute sind die Normen von morgen, sagen die Linguisten dazu.

Die Sprachvielfalt kann heimatlos machen. Und auch als alter Mensch kann man sich in der eigenen Heimat vor lauter mega und easy und no problem sprachlich in der Fremde fühlen.

Das Älterwerden verändert den Bezug zur Sprache. Sie wird schwankend, unsicher – Wörter, über die man ein Leben lang verfügen konnte, sind plötzlich weg und manchmal ebenso plötzlich wieder da. Die Veränderung der Sprache der Umgebung ist nicht immer leicht zu verkraften.

Man muss sich damit abfinden, dass man in den Medien als Seniorin oder Senior bezeichnet wird, oder noch schlimmer: als Silver- oder Goldenager.

Und nie sind wir einfach alt, sondern älter, obwohl, rein sprachlich gesehen, älter eben älter ist als alt.

Als alter Mensch stolpere ich täglich über Wörter wie Hashtag, Streaming oder Podcast, deren Bedeutung ich mir erst erschliessen muss.

Mühsam gewöhne ich mich an den Ethnolekt mit seinen ungewohnten Satzstellungen, die mich zwar, ich muss es gestehen, oft auch amüsieren.

Lesung in Luzern

Esther Spinner liest am 7. November in der Stadtbibliothek Luzern aus ihrem Roman «Alles war». Anschliessend erzählt sie im Gespräch mit Magdalena Fuchs Genzoli über ihren Werdegang von der Pflegefachfrau zur Schritstellerin und das Zusammenspielder beiden Berufe beim Schreiben von «Alles war». «Buch zur Nacht» ist eine gemeinsame Veranstaltung der Stadtbibliothek Luzern und des SBK Zentralschweiz.

Ich weiss es: Sprache ist in stetigem Wandel, das wurde schon vor hundert Jahren bedauert. Doch dieses Wissen hilft mir nicht, mich in der heutigen Sprache wirklich heimisch zu fühlen. Meine sprachliche Identität, meine sprachliche Heimat scheint mir bedroht.

Was dabei passiert, beschreibt Dhumpa Lahiri: «In Amerika, als ich jung war, erschienen mir meine Eltern ständig um etwas zu trauern. Heute verstehe ich, dass sie um die Sprache trauerten.»

Damals, vor vierzig Jahren, sei das Telefonieren nicht einfach gewesen. Deshalb hätten ihre Eltern ständig auf die Post gewartet:

«Kam ein Brief an, lasen sie ihn hundertmal, sie bewahrten ihn auf. Diese Briefe holten ihre Sprache zurück und holten ein vergangenes Leben in die Gegenwart.

Wenn eine Sprache, mit der man sich identifiziert, weit weg ist, tut man alles, um sie lebendig zu halten. Weil die Wörter alles zurückbringen: den Ort, die Menschen, das Leben, die Strassen, den Himmel, die Blumen, die Geräusche.»

Sprache hat die Kraft, Zeiten, Menschen und Orte zu verbinden, Sprache holt die Erinnerungen aus dem Dunkel ans Licht.

Die Worte bringen alles zurück – und genau das geschieht beim Erzählen, vorausgesetzt, man hat eine Sprache, in der man erzählen kann, und jemanden, der zuhört.

In unserem Alltag erzählen wir uns ständig unsere Erlebnisse. Der Film vom Vorabend wird nacherzählt, das eben ausgelesene Buch, die Begegnung von vor einer Woche oder von vorgestern wird geschildert, eine Erinnerung an die Schulzeit, die wach wird durch eine Erzählung unseres Gegenübers.

Auch die Zukunft beziehen wir ins Erzählen mit ein. Ferienpläne werden vorgestellt, über eine geplante Ausbildung wird berichtet oder über die bevorstehende Pensionierung.

Erzählend Heimat schaffen

Ohne Erzählen und Erzählungen wüssten wir nichts voneinander. Ein Austausch, in dem beide zu Wort kommen, in dem es ebenso ums Zuhören wie ums Erzählen geht, hilft mit, nicht nur einander, sondern auch sich selbst besser zu verstehen.

Wir fühlen uns im Erzählen und in der Sprache zu Hause, erzählend erschaffen wir uns laufend Heimat, erzählend binden wir uns ans Leben an und fühlen uns lebendig.

Sich selbst besser zu verstehen, ist auch das Ziel des autobiografischen Erzählens.

Erzählungen aus der eigenen Biografie unterscheiden sich von den trockenen Daten eines Lebenslaufes durch ihre Emotionalität. Die früheren Ereignisse und Erlebnisse werden aus heutiger Sicht wiedergegeben, wobei damalige Gefühle nochmals erlebt werden können.

Der Rücken kann weh tun wie damals, wenn wir die Geschichte eines Sturzes erzählen, das Herz schmerzt, wenn wir von weit zurückliegenden Verlusten sprechen.

Das Erzählen der eigenen Biografie schliesst die kulturelle Biografie mit ein. Jedes Leben findet in einer bestimmten Zeit statt. Zu meinem Kinderleben gehörte die Aufbruchsstimmung nach dem zweiten Weltkrieg und das Klima der Angst.

Der kalte Krieg beherrschte die Nachrichten und verfolgte mich in den Schlaf hinein. Später, 1968, ging ich mit vielen Gleichgesinnten auf die Strasse. Diese Erlebnisse prägten meine Generation und hallen bis heute nach.

Ein Lebensrückblick, so Verena Kast, in ihrem Buch «Was wirklich zählt, ist das gelebte Leben», so ein Lebensrückblick führe zu mehr Selbsterkenntnis und bringe einem in Kontakt mit sich selbst. Das Entdecken von Zusammenhängen kann sinnstiftend sein.

Das Selbstwertgefühl und die Selbstachtung steigen, wenn man darüber redet, wie man das eigene Leben bewältigt hat.

Die Psychologin und Gerontologin Geneviève Grimm spricht vom Selbstkonzept, das durch Erzählungen aus der eigenen Biografie gestärkt werde. Dazu zählt sie Selbstakzeptanz, positive Beziehungen zu anderen Menschen und Autonomie, welche positiv beeinflusst würden.

Zum Lebensrückblick gehört die Trauer. Nicht alles Gewesene ist gut. Vieles haben wir im Leben versäumt, einiges ist nicht wunschgemäss gelaufen, oft haben wir nicht erreicht, was wir uns erhofft haben. Darüber zu trauern und mit dem unperfekten Leben Frieden zu schliessen, kann entlastend sein.

Auch dabei hilft das Erzählen: sich mit sich selbst und mit anderen zu versöhnen, sich selbst und anderen zu verzeihen, die Scham hinter sich zu lassen und sich selbst als den Menschen zu sehen, der man geworden ist.

Das Erzählen verbindet die Zeiten

Aus dem Jetzt heraus wird über die Vergangenheit berichtet, die damalige Heimat verbindet sich durch die Sprache mit der heutigen und wird erzählend immer neu geschaffen. Dabei kann eine Neubewertung des Erlebten stattfinden, die neue Möglichkeiten für die Zukunft eröffnet.

Aus den Geschichten kann gelernt werden, man kann beim Erzählen und Zuhören ins Staunen und ins Fragen kommen. Könnte mich der damalige Mut auch in Zukunft begleiten? Wäre es möglich, die frühere Keckheit wieder aufleben zu lassen?

Die neu entdeckte Freude am eigenen Leben, am Erlebten und Erreichten, strahlt in die Zukunft aus. Um sein Leben zu erzählen, braucht es, so Geneviève Grimm, biografische Kompetenz. Dazu zählt sie unter anderem die Fähigkeit, die eigene Biografie zu reflektieren ebenso wie die Erschliessung von Sinnzusammenhängen.

Auch die Flexibilität gegenüber der eigenen Biografie gehöre dazu und die Fähigkeit, alternative Lebenslinien zu entwerfen.

Denn Erinnern ist ein durchaus kreativer Akt und hat nicht so viel mit Wahrheit zu tun, wie wir gerne hätten.

Die Gedächtnisforschung lehrt uns, dass wir kaum unterscheiden können, zwischen Erinnerungen, die wir erzählt bekommen haben und solchen, die wir selbst erlebten. Erinnerungen sind wandelbar.

Mit jedem Erzählen verändert sich die Vergangenheit. Der argentinische Schriftsteller Jose Luis Borges beschreibt dies mit der Münzparabel:

Die erste Münze, die auf denTisch gelegt wird, ist die Erinnerung, die zum ersten Mal erzählt wird, beim Wieder-Erzählen wird eine zweite Münze aufgelegt, die der ersten zwar ähnlich sieht, aber eben eine andere ist. Die dritte Münze, die vierte, jede ähnelt der vorhergehenden, und je mehr Münzen aufgelegt werden, je öfter eine Geschichte erzählt wird, umso weniger gleicht jede der ersten.

Trotz diesem Wissen sind die eigenen Erinnerungen wichtig, es sind meine, es sind die einzigen die ich habe. Sie gehören zu mir und machen mich aus, sie sind mein Rückzugsort und meine Heimat.

Zur Unsicherheit der Erinnerungen, zur kreativen Veränderung der Erzählungen kommt noch das Vergessen hinzu, das Forscher als wichtige Funktion des Gedächtnisses beschreiben. Der Dichter Joachim Ringelnatz  drückt es so aus:

Ich lache / die Löcher / sind die Hauptsache / an einem Sieb.


Quelle Joachim Ringelnatz/youtube

Vieles lässt das Hirn durch die Löcher fallen, und die Erinnerungen, die wir nicht mehr finden, müssen wir erfinden. Die Wahrheit liegt im Erzähler, in der Erzählerin, sagt Verena Kast. Davon müssen wir ausgehen, und deshalb jede Erzählung als wahr annehmen, ungeachtet der Faktenlage. Denn wie gesagt: Beim Erzählen geht es um die Gefühle.

Erzählen braucht Zuhörer

Da zum Erzählen auch Zuhörinnen und Zuhörer gehören, ist Erzählen auch ein Ausdruck der Bezogenheit, des Aufeinander-Zugehens, des sich Aufeinander-Einlassens. Ein wunderbares Beispiel dafür bietet der österreichische Künstler und Schriftsteller André Heller in seinem Buch «Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr».

André Heller befragt in vielen kurzen Gesprächen seine Mutter Elisabeth Heller zu ihrer Meinung über ihren Alltag, ihre Vergangenheit und die Zukunft. Er fragt immer wieder nach. Wie war das für dich? Was denkst du heute darüber? Was beschäftigt dich?

Seine sorgfältige Frageweise, sein Zugewandtsein ist exemplarisch für einen Zuhörer, der wirklich etwas erfahren will, der sein Gegenüber nicht mit eigenen Meinungen oder eigenen Geschichten zum Schweigen bringt, sondern genau hinhört, nachfragt, allenfalls Aussagen wiederholt oder auch zugibt: Das verstehe ich nicht. Genau diese Qualitäten braucht eine gute Zuhörerin, ein guter Zuhörer.


Lesen Sie unsere Buchkritik zu André Hellers Buch
→ «Das Reden hab' ich ein Leben lang überschätzt»

Die Mutter Elisabeth Heller lässt sich auf die Fragen ein und beantwortet sie mehr oder weniger konkret, grad so, wie es ihr eben drum ist.

In den Gesprächen scheinen Differenzen auf zwischen Mutter und Sohn, die nicht nur dem schwindenden Gedächtnis zuzuschreiben sind, sondern eben der Natur der Erinnerungen, die sich bei jedem Erzählen verändern und verschieben.

Elisabeth Heller spricht auch das Vergessen an. Sie sagt:

«Irgendetwas räumt in meinem Gedächtnis auf und das überflüssige wird ausgeschieden. Seitdem habe ich auch nie mehr Kopfweh.»

Wir alle räumen auf in unseren Köpfen, zum Glück räumen wir auf, so wie wir ab und zu die Schränke durchforsten und ausmisten, was wir nicht mehr haben möchten. So schaffen wir in unserem Gehirn Platz für Neues, denn auch im hohen Alter gibt es Neues zu entdecken, gerade durch das Erzählen.

Erzählen – oder aufschreiben

Zuhören kann erlernt werden, doch immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich meine eigene Geschichte über die Geschichte meines Gegenübers lege.

Zudem braucht Zuhören Zeit, die uns mehr denn je zu fehlen scheint. Der Schriftsteller Peter Handke schlägt ein 13. Gebot vor: Du sollst Zeit haben. Dieses neue Gebot zu beherzigen, könnte mithelfen, nicht nur zu besseren Zuhörerinnen und Zuhörern zu werden, sondern auch dem Erzählen selbst den nötigen Raum zu geben.

Hat man kein Gegenüber, keine Zuhörerin, keinen Zuhörer, niemand, der einem Fragen stellt, kann man auf bestehende Fragen zurückgreifen. Der Fragebogen von Max Frisch zum Thema Heimat ist nebst anderen im Internet zu finden.

Das Buch der beiden Schweizer Künstler Fischli/Weiss führt mit ihren alltäglich und zugleich abstrusen Fragen direkt ins Erzählen hinein. «Marschiert neben mir ein Geist?», «Ist meine Dummheit ein warmer Mantel?» oder «Was denkt mein Hund?» regen zu eigenen Fragen an, die man bei fehlendem Gegenüber auch schriftlich beantworten kann.


Quelle Fischli/Weiss, Fondation Beyeler

Schreibt man die eigene Geschichte, die eigenen Geschichten auf, tritt man in den Dialog mit sich selbst, ist sich selbst Zuhörerin, Zuhörer, und wählt selbst die Fragen aus, die Erinnerungen anregen.

Einzelne Erlebnisse können aufgeschrieben werden, nicht immer muss es um eine chronologische, möglichst vollständige Lebenserzählung gehen. Das Aufschreiben hat ähnliche Funktionen wie das Erzählen.

Die Schreibtherapeutin Silke Heimes sagt:

«Schreiben hat viele Funktionen: Selbstreflexion, Erkenntnis, es hilft bei Entscheidungsprozessen, ist Verarbeitung und es entlastet.»

Somit stärkt das Schreiben genau wie das Erzählen die eigene Person.

Und vielleicht gibt es später dann doch noch ein Gegenüber, dann, wenn Texte Kindern und Enkeln, Freundinnen und Freunden weiter gegeben oder vorgelesen werden.

Alles was uns ausmacht

Den Erinnerungen eine Sprache geben, das Formen, das Wählen des Blickwinkels: All das hilft mit, sich auch schwierigen Erlebnissen anzunähern. Einmal aufs Papier gebracht, einmal in Sprache gefasst, können sie eher losgelassen werden.

Oder aber es gelingt, den Blickwinkel zu ändern und damit eine schlimme Erinnerung vielleicht nicht gerade in eine positive, aber immerhin in eine annehmbare zu verwandeln.

Wenn wir mit freundlichem Blick auf unsere Biografie schauen, wenn wir verstehend und nicht abwertend erzählen und beschreiben, kann der Reichtum des eigenen Lebens entdeckt werden.

Ein Lebensrückblick, erzählt oder aufgeschrieben, holt die Erinnerungen ans Licht. Die Sprache verbindet die alten Wörter mit den neuen, durch die Sprache erhalten Erinnerungen eine Gestalt. Unser Leben wird erst durch die Sprache fassbar.

Der israelische Dichter Tuvia Rübner drückt es so aus: «Leben und Tod sind in der Sprache Hand». Sprache ist überall, in der Sprache ist das ganze Leben zu Hause.

Für die Dichterin Rose Ausländer ist die Sprache die Mutter aller Dinge. Sie trennt das Wort Muttersprache in Mutter Sprache und ernennt damit die Sprache zur Schöpferin all dessen, was uns ausmacht.

Da das Erzählen und Aufschreiben die Selbstachtung und das Selbstwertgefühl steigert, kann es auch geschehen, dass man erzählend sich selbst zur Heimat wird.

Im letzten Herbst sass in meinem Kurs zum autobiografischen Schreiben eine gut achtzigjährige Frau. Am letzten Kurstag las sie ein Gedicht vor, das ich mit ihrer Einwilligung an den Schluss stelle. Sie schrieb:

verloren / die Liebe / die alten Ziele / dafür Neues gefunden / mich selbst. 

 

Der Text basiert auf einem Vortrag, den Esther Spinner am Gesundheitssymposium 2018 in St. Gallen hielt.

Dieser Beitrag erschien in der Zeitschrift «Krankenpflege» des SBK (Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner), Nr.7/2019. Herzlichen Dank an die Redaktion für die Gelegenheit der Zweitverwertung!

erschienen: 23.07.2019

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