Mikromimik

«Ich sehe das, was der andere nicht sagt»

Marlis Lamers die «Gefühlsdolmetscherin», wie sie sich nennt, macht Inhouse-Schulungen in Altenheimen, Hospizen und Fachschulen für Palliativpflege.
Marlis Lamers die «Gefühlsdolmetscherin», wie sie sich nennt, macht Inhouse-Schulungen in Altenheimen, Hospizen und Fachschulen für Palliativpflege. Bild PD

Marlis Lamers kann aus kleinsten Veränderungen in der Mimik genau ablesen, was jemand fühlt. Auch Pflegekräfte und Angehörige von Menschen mit Demenz profitieren, wenn sie lernen, in Gesichtern zu lesen. Die Expertin erklärt, wie das geht.

Von Franziska Wolffheim

alzheimer.ch: Wir sitzen jetzt schon eine Weile zusammen. Natürlich frage ich mich, was Sie in meinem Gesicht gelesen haben.

Marlis Lamers: Nicht so viel, wie Sie vielleicht denken. Mikroexpressionen dauern zwischen 40 und 500 Millisekunden, sie treten nur auf, wenn eine emotionale Ladung da ist. Bei Ihnen ist das gerade nicht der Fall, Sie wirken eher entspannt.

Wären Sie jetzt in einem Pflegeheim und würden zum ersten Mal erleben, dass Ihr dementer Vater Sie nicht mehr erkennt, würden Sie sicherlich stärkere Emotionen zeigen.

Als Expertin für Emotionserkennung machen Sie Seminare, Workshops, halten Vorträge. Was genau vermitteln Sie den Teilnehmern?

Mikromik gehört zur nonverbalen Kommunikation, ich sehe das, was der andere nicht sagt, was also jenseits der Worte passiert. Die Teilnehmer lernen, wie sie die Mimik ihres Gegenübers lesen können. Sie können dann unter Umständen nachfragen, warum er gerade Wut oder Kummer empfindet.

Mikromimik

Mikroexpressionen sind flüchtige Gesichtsausdrücke, die nur für einen Bruchteil einer Sekunde sichtbar sind. 44 Muskeln in unserem Gesicht können mehr als 10 000 Gefühle ausdrücken. Der amerikanische Psychologe Paul Ekman, bekannt für seine Forschungen zur nonverbalen Kommunikation, unterscheidet sieben Grundemotionen, die kulturübergreifend sind: Freude, Trauer, Wut, Angst, Ekel, Überraschung und Verachtung.

Wenn zum Beispiel die beiden inneren Augenbrauen nach oben gehen – das sieht aus wie ein kleiner Schornstein – , ist das ein eindeutiges Zeichen von Trauer. Wenn jemand die Nase kräuselt, bedeutet das normalerweise Ekel. Ist das untere Lid angespannt, kann das Angst, aber auch Ärger ausdrücken.

Um die Feinheiten zu erkennen, muss man üben. Das ist wie ein Muskel, den ich im Fitnessstudio trainiere. In öffentlichen Verkehrsmitteln kann man das sehr gut ausprobieren – oder auch beim Fernsehen, wenn man den Ton abstellt.

Kann ich meine Mimik bewusst steuern?

Ja, aber der Ausdruck ist dann aufgesetzt. Es gibt zum Beispiel das sozial verbindende Lächeln, bei dem man die Mundwinkel hochzieht. Allerdings fehlt das Absenken der oberen Lidfalte, das Lächeln ist also nicht echt.

Sie schulen Pflegerinnen und Pfleger, die in Krankenhäusern und Hospizen arbeiten. Wie weit kann es für sie hilfreich sein, die Mimik der Patienten zu lesen?

Gerade wenn Patienten kaum oder gar nicht mehr sprechen, ist das Verständnis der Mimik sehr wertvoll. Durch die Mimikerkennung können sie die Gefühle und Bedürfnisse der Patienten besser verstehen und entsprechend auf sie eingehen.

Lässt sich die Mimik denn immer unzweifelhaft deuten?

Nein, nicht immer. Es ist aber auch nicht unbedingt entscheidend, jeden Ausdruck im Gesicht sofort richtig zu deuten. Wichtig ist erst mal, überhaupt etwas wahrzunehmen, minimale Regungen zu registrieren, so dass ich als Pflegekraft wiederum Empathie zeigen kann.

Bei Menschen mit Demenz ist die Herausforderung besonders gross: Das, was jemand sagt, und das, was er im Gesicht zeigt, ist manchmal nicht kongruent.

Woran liegt das?

Ich erkläre es mir so, dass bei diesen Patienten viele kognitive Fähigkeiten ausfallen. Sie sind zwar in ihrer Entwicklung auf dem Stand eines Erwachsenen, fallen aber emotional häufig in ihre frühere, kindliche Welt zurück und können oft den Bogen zur Gegenwart nicht mehr schlagen. Die früheren Erfahrungen können viel besser abgerufen werden als die konkrete Gegenwart.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein Patient zeigt beim Mittagessen einen Ausdruck von Trauer im Gesicht. Ich frage ihn, ob ihm das Essen nicht schmeckt, und er sagt: Das hast du ja lecker gekocht. Das Lob bedeutet jedoch nicht, dass er höflich sein will – Menschen mit Demenz sind sehr ehrlich und authentisch.

Vielleicht erinnert sich der Mann in diesem Moment an seine Kindheit und dass seine Mutter sich beim Essen immer viel Mühe gegeben hat, deshalb das Lob. Der aktuelle Ausdruck von Trauer im Gesicht hat dann vielleicht damit zu tun, dass er seine Mutter vermisst.

Daher die Diskrepanz zwischen Wort und Mimik. Übrigens wird es einfacher, die Mimik zu deuten, wenn ein Mensch mit Demenz die verbale Sprache verloren hat – so traurig das natürlich ist. Aber ich muss dann den Abgleich zwischen Sprache und Mimik nicht mehr machen.

Wie soll ich reagieren, wenn jemand ein Gefühl im Gesicht zeigt, das gar nicht zu der Situation passt? Ich erzähle meinem Onkel zum Beispiel, mein Hund sei letzte Woche überfahren worden, und er lächelt?

Mit Nachsicht. Unter Umständen ist bei ihm gerade eine Erinnerung an seinen eigenen Hund hochgekommen, den er in der Kindheit sehr geliebt hat.

Menschen mit Demenz lächeln häufig, aber eben auch in völlig unpassenden Momenten.

Das kann ziemlich verwirrend sein ...

Stimmt. Als Angehöriger kennt man den Menschen aber sehr lange, in verschiedensten Lebenssituationen. Man hat ein sehr gutes Bauchgefühl für ihn und sollte ihn annehmen als der, der er im Moment ist. Wenn man genauer auf dessen Mimik achtet, kann man das eigene Bauchgefühl überprüfen. 

Wie soll ich mich verhalten, wenn ich in der Mimik meines an Demenz erkrankten Vaters oder meines Partners zum Beispiel Angst oder Ärger wahrnehme: Hat es Sinn, ihn darauf anzusprechen?

Sie können es versuchen. Wie weit das zu dem Patienten vordringt, ist allerdings unklar, er kann mit der Botschaft kognitiv ja nicht mehr umgehen, nicht adäquat darauf eingehen.

Man kann aber mit einer Geste reagieren, um Nähe zu zeigen. Also zum Beispiel die Hand ganz leicht auf den Unterarm legen oder auf die Schulter. Wenn er Berührungen nicht mag, kann ich ihn vielleicht mit einer schönen Musik glücklich machen.

Gefühle lesen lernen

Mikroexpressionen sind durch die amerikanische TV-Serie «Lie to me» auch bei uns einem grösseren Publikum bekannt; die Serie hilft dabei, Gefühle lesen zu lernen. Hier bearbeiten Psychologen Kriminalfälle, indem sie in den Gesichtszügen von Verdächtigen nach Mikroexpressionen suchen; damit wollen sie herausfinden, ob die befragte Person lügt oder die Wahrheit sagt. Paul Ekman1 unterstützte die Serie als wissenschaftlicher Berater.

Haben Menschen mit Demenz etwas Spezifisches in ihrer Mimik, das sie von anderen Menschen unterscheidet?

Ich habe das bisher nicht feststellen können. Es gibt sieben Primäremotionen, die immer gleich bleiben, auch wenn jemand wesensverändert ist.

Ich habe allerdings bemerkt, dass Menschen mit Demenz häufiger Makroexpressionen haben, die also über 500 Millisekunden hinausgehen, der Ausdruck hält sich etwas länger im Gesicht.

Ausserdem verstellen sie sich nicht, es fehlt ihnen das aufgesetzte Lächeln, bei dem die Augen nicht mitlächeln. Wenn sie sauer sind, sieht man das sehr deutlich in ihrem Gesicht. Der soziale Kodex interessiert sie nicht.

Warum ist die Mimikerkennung gerade für Angehörige von Menschen mit Demenz so wichtig?

Weil es ihnen ein Stück weit aus der Hilflosigkeit heraushilft, sie kommen in die Aktion. Wenn sie einen bestimmten Gesichtsausdruck bei ihrer Angehörigen sehen, können sie schnell reagieren und unter Umständen eingreifen, bevor sich ein negatives Gefühl bei ihr weiter aufbaut, sie zum Beispiel schreit oder wegläuft.

Wenn ich aufmerksam bin, kann ich früher deeskalieren, zum Beispiel mit ihr spazieren gehen oder sie einfach in den Arm nehmen.

Vielen Dank für das Gespräch.


Marlis Lamers – Von der Bäuerin zur Gesichtsleserin

Sie wirkt wie jemand, der sich nicht so schnell aus der Bahn werfen lässt, angenehm bodenständig. Marlis Lamers, geboren 1962 am Niederrhein, stammt aus einer Grossfamilie und ist auf einem Hof aufgewachsen. Schon als Kind half sie bei der Pflege ihrer chronisch kranken Mutter.

«Meine Kindheit war durch sehr viel Arbeit und Verantwortung bestimmt. Das war anstrengend, hat mich fürs Leben geprägt. Ich blicke da aber nicht mit Gram zurück» sagt sie. Später pflegte sie auch ihre kranke Stiefmutter und ihre Schwiegermutter.

Eigentlich wollte Marlis Lamers Tiermedizin studieren. Oder auch Journalistik. Ihr Vater hielt das für brotlose Kunst, also studierte sie Agrarwissenschaft und wurde Landwirtin. Ein Beruf, der ihr, wie sie meint, grossen Spaß machte und in dem sie immer wieder Neues ausprobierte.

Zum Beispiel behandelte sie die Ferkel auf ihrem Hof mit homöopathischen Mitteln. Neben der Landwirtschaft betätigte sich Lamers noch in einer ganz anderen Branche: Sie wurde geschäftsführende Gesellschafterin einer Biogasanlage.

Nach 30 Jahren Ehe trennte sich die Mutter von vier Kindern von ihrem Mann. «Wir haben immer sehr gut zusammen gearbeitet, waren auf dem Hof und im Biogasbereich ein tolles Unternehmerpaar, aber wir waren sehr unterschiedlich.»

Später gab sie auch die Geschäftsführung der Biogasanlage auf. «Hätte ich den Job weiter gemacht, hätte ich heute ein deutlich ruhigeres Leben. Aber ich wäre nicht glücklich geworden, ich brauchte etwas Neues, das mich ganz erfüllt.»

Nach der Trennung von ihrem Mann hatte sie allerdings zunächst ein Burnout und brauchte längere Zeit, um sich zu erholen, auch während eines Klinikaufenthalts.

Nach einigen beruflichen Umwegen – zum Beispiel als Unternehmensberaterin oder Vertrieblerin – machte Lamers 2014 in Berlin eine Ausbildung zur Mimikresonanz-Trainerin. Sie konnte, wie sie meint, immer schon sehr gut zuhören, nahm stets auch das wahr, was nicht gesagt wird. Als Hochsensible hatte sie, wie ihr andere bescheinigten, ein «drittes Auge».

«Ich habe solche Bemerkungen immer scherzhaft abgetan, das klang für mich esoterisch, zumindest in meiner bäuerlichen Zeit.»

Später fand sie es nicht mehr esoterisch und lernte Mimikresonanz an der Eilert-Akademie für emotionale Intelligenz in Berlin. Auf die Adresse war sie durch Zufall im Internet gestossen: Sie googelte die Schlagwörter 'Mimik' und 'Gesichter lesen'.

Heute reist Lamers, die am Niederrhein lebt, für ihren Job quer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz – bald auch im eigenen Wohnmobil, damit sie nicht immer in fremden Betten aufwachen muss.

Die «Gefühlsdolmetscherin», wie sie sich nennt, macht Inhouse-Schulungen in Altenheimen, Hospizen und Fachschulen für Palliativpflege.

«Ich bin sehr froh, dass ich diesen Weg gewählt habe. Es ist für mich kein Scheitern, wenn ich dafür mehrere Umwege gebraucht habe. Ich mag die Herausforderung, die mir meine Arbeit bietet. Ich möchte nicht am Ende meines Lebens vor dem Himmelstor stehen und sagen müssen: Hättest du doch ...»

Marlis Lamers im Video


Quelle youtube/hearzone

 

erschienen: 11.12.2018

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