Kulturteilhabe

«Menschen mit Demenz spüren die Empathie des Werks»

Die Stuttgarter Philharmoniker sind zusammen mit RosenResli Gastgeber des Impulstages.
Die Stuttgarter Philharmoniker sind zusammen mit RosenResli Gastgeber des Impulstages. Bild PD

Kultur berührt und bringt vergessen geglaubte Gefühle ans Licht. Am 30. September laden der Verein RosenResli und die Stuttgarter Philharmoniker ein zum Impulstag «Kultur für Menschen mit Demenz».

Von Martin Mühlegg

Wenn die Vergangenheit verblasst und die Zukunft keine Bedeutung hat, bestimmt allein der Augenblick das Lebensglück. An Demenz erkrankte Menschen verlieren zwar den Zugang zu den Erfahrungen, die ihr Leben prägten, doch ihre Seele speichert alle Emotionen. Kultur kann berühren und vergessen geglaubte Gefühle ans Licht bringen.

Seit zwölf Jahren nimmt der Verein RosenResli e.V. Menschen mit Demenz mit ins kulturelle Leben und schenkt «unvergessliche» Augenblicke. Gemeinsam mit den Stuttgarter Philharmonikern lädt RosenResli am 30. September ein zum Impulstag «Kultur für Menschen mit Demenz». Auf dem Programm stehen Vorträge, Workshops, Diskussionen, Konzerte – und prominente Namen wie Irene Bopp-Kistler, Marcel Briand, Michael Schmieder, Till Velten, Luzia Hafner und das Stegreif-Orchester. alzheimer.ch unterhielt sich mit dem Initianten und Organisator Hans-Robert Schlecht.

→ Hier geht es zur Website des Impulstages

→ Hier geht es zum Programm
 
alzheimer.ch: Warum brauchen Menschen mit Demenz Kultur?

Hans-Rober Schlecht: Jeder Mensch, der kulturlos lebt, hat kein richtiges Leben. Kultur gehört einfach dazu – auch bei Menschen mit Demenz. Wenn wir mit ihnen Ausstellungen oder Konzerte besuchen, sind sie im Sinne der guten Pflege voll ansprechbar – egal, ob sie Sprache haben oder nicht. Sie fühlen sich wahrgenommen und spüren die Empathie des Werks.

Hans-Robert Schlecht.
Hans-Robert Schlecht. Bild Michael Hagedorn.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Impulstag?

Einerseits möchten wir unsere Denkweise weitergeben, dass das Leben im Hier und Jetzt stattfindet. Wir kramen nicht in der Vergangenheit. Wir machen keine nostalgischen Versuche, um ihnen Erinnerung zurückzugeben.

Andererseits wollen wir mit RosenResli in Baden-Württemberg in den nächsten drei Jahren flächendeckender vorgehen. Wir möchten in zehn Kulturstätten aktiv sein. Die Leute aus diesen Institutionen, aus den Kulturämtern und aus der Pflege sind alle eingeladen.

Was erwartet die Teilnehmenden?

Es geht von vorne bis hinten um Kultur. Wir stellen zum Beispiel das Stegreif-Orchester vor, das klassische Musik in einer neuen Form spielt und in Bewegung umsetzt. Wir möchten aufzeigen, wie man als Betreuender mit Menschen mit Demenz in Museen gehen kann – ohne Begleitung von Fachleuten.

Wir haben den Clown Marcel Briand, den ich auch für einen sehr guten Ethiker halte. Irene Bopp-Kistler wird aufzeigen, wie wichtig Kultur nach der Diagnose ist, wie sie hilft, trotz grosser Not weiterleben zu können. Wir haben weitere interessante Referenten.

Wie ist es Ihnen gelungen, so viel Demenz-Prominenz nach Stuttgart zu locken?

Dahinter stehen zwölf Jahre netzwerken. Wir haben versucht, gute Arbeit zu leisten. Dies ist wahrgenommen worden, und deshalb kommen die guten Leute nun zu uns.

RosenResli in der Stuttgarter Staatsgalerie.
RosenResli in der Stuttgarter Staatsgalerie. Bild Michael Hagedorn

Sie haben viel auf die Beine gestellt in den letzten zwölf Jahren. Was treibt Sie an?

Mich treibt an, dass es so schwierig ist (lacht). Ich hatte mir das einfacher vorgestellt. Was wir machen, wäre wirtschaftlich nicht möglich, wenn wir es nicht ehrenamtlich machen würden. Es ist aufwendig und mühsam, in die Demenz-Konstrukte vorzudringen.

Die Menschen, die zu Hause betreuen und pflegen, sind schwer zu erreichen.

Die Heime sind oft nicht in der Lage, Ausflüge zu organisieren. Die haben andere Sorgen als Kultur. Der «Spiegel» schrieb vor einigen Jahren, RosenResli gehe in Ausstellungen und Konzerte – aber nicht flächendeckend.

Mich treibt an, dass wir bei 1,6 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland nur eine sehr kleine Minderheit erreichen. Wir möchten, dass weniger Menschen mit Demenz einfach nur zu Hause hocken.

Impulstag «Kultur für Menschen mit Demenz», Sonntag, 30. September 2018, 9.00 bis 18 Uhr, Gustav-Siegle-Haus (Philharmoniker), Stuttgart.

→ Hier geht es zur Website des Impulstages

→ Hier geht es zum Programm

erschienen: 29.08.2018

Kommentare