Pflegepersonal

Mit Wertschätzung gegen den Fachkräftemangel

Es braucht attraktivere Arbeitsplätze, damit junge Pflegende länger bleiben.
Es braucht attraktivere Arbeitsplätze, damit junge Pflegende länger bleiben. Bild Daniel Kellenberger

Im Pflegebereich fehlt es an Fachkräften und in den kommenden Jahren dürfte sich das Problem noch verschärfen. Nicht nur weil Personal fehlt, sondern weil die Anzahl pflegebedürftiger Menschen wächst. Mögliche Lösungsansätze sind vielschichtig und komplex.

Von Petra Schanz

Ältere Menschen bleiben heute so lang wie möglich zu Hause. Erst wenn es gar nicht mehr geht, ziehen sie in ein Alters- und Pflegeheim um. Die meisten brauchen zu diesem Zeitpunkt schon sehr viel Pflege. Viele von ihnen sind Menschen mit Demenz.

Gleichzeitig ist in den letzten Jahren auch die Zahl der Beschäftigten in Alters- und Pflegeinstitutionen gestiegen: von 2009 bis 2015 um über 12 Prozent. Bei den Lernenden sind es sogar 32 Prozent. Doch das reicht noch nicht.

Mehr als ein Drittel des Pflege- und Betreuungspersonals ist über 50 Jahre alt und wird in den nächsten 15 Jahren aus der Berufslaufbahn aussteigen.

Hinzu kommt, dass die geburtenstarken Jahrgänge jetzt ins Pflegealter kommen. Neues Personal ist also gefragt.

Gemäss einer Studie der Uni Basel, in der Schweizer Alters- und Pflegeheime befragt wurden, ist vor allem die Rekrutierung von qualifiziertem Pflegefachpersonal sehr schwierig: «Besonders gross ist der Mangel an Pflegefachfrauen und -männern mit dem Diplom einer Fachhochschule oder einer höheren Fachschule», sagt Monika Weder, Leiterin Bildung und Mitglied der Geschäftsleitung bei Curaviva.

Das habe sicher auch mit den neuen Ausbildungsformen zu tun, vermutet Andrea Mühlegg, die Leiterin des Campus in der Sonnweid in Wetzikon: «Früher war die Pflege ein relativ eingleisiger Weg. Wer sich heute im Bereich Gesundheit ausbilden lässt, hat nachher viel mehr Möglichkeiten» (siehe den informativen Beitrag Viele Wege führen zum Pflegeberuf).

So nutzen viele Junge eine Lehre als Einstieg und bilden sich nachher an einer Höheren Fachschule oder Fachhochschule weiter. Dort bleiben aber nicht alle im Bereich Pflege, sondern schlagen eine andere Fachrichtung wie beispielsweise Sozialpädagogik oder Hebamme ein. Derzeit werden im Pflegebereich pro Jahr nur gerade 43 Prozent der benötigten Diplomabschlüsse auf Tertiärstufe erreicht.

Arbeitsplätze müssen attraktiver werden

Gegen den Fachkräftemangel haben Bund und Kantone bereits erste Massnahmen ergriffen. Beispielsweise will eine nationale Imagekampagne für die Langzeitpflege die Bekanntheit der höheren Berufsbildung fördern und die Karrierechancen in diesem Bereich aufzeigen.

Mehrere Kantone haben daneben eine Ausbildungsverpflichtung für Spitäler, Pflegeeinrichtungen und Spitex-Organisationen ins Leben gerufen, die für nichtuniversitäre Gesundheitsberufe gilt.

Es genügt aber nicht, Fachkräfte auszubilden und zu rekrutieren, findet Curaviva Schweiz. Der nationale Dachverband sieht auch Potenzial in der Erhöhung der Arbeitsplatzattraktivität, damit Mitarbeitende länger an ihren Arbeitsstellen bleiben.

Um dies zu erreichen, schlägt der Dachverband Strukturen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie vor, Weiterbildungsangebote für Mitarbeitende aller Hierarchie- und Altersstufen sowie Arbeitsbedingungen, die den jeweiligen Lebensphase der Mitarbeitenden angepasst sind.

Letzteres wären beispielsweise eine familienfreundliche Gestaltung der Einsatzpläne, die Einrichtung von Kinderkrippen, die Schaffung von mehr Zeit für die Betreuung und für personalinterne Gespräche sowie die Investition in die Entwicklung des Personals.

Ältere Mitarbeitende sind gefragt

Andrea Mühlegg ist der Überzeugung, dass Mitarbeitende vor allem wertgeschätzt und ernst genommen werden wollen sowie mitentscheiden und mitgestalten möchten.

«Aus meiner Erfahrung springen die Leute immer dann ab, wenn die Zusammenarbeit im Team nicht stimmt, die Atmosphäre nicht gut ist, die Institution keine Veränderungen vornimmt und zu wenig Zeit für die Betreuten da ist», sagt sie. Es sei selten der Beruf an sich, fast immer seien es die Umstände, die Mitarbeitende weiterziehen lasse.

Daneben würde Andrea Mühlegg bei der Rekrutierung auf reifere Mitarbeitende setzen. Sie hat gute Erfahrungen gemacht mit Personen, die nach einer Familienphase wieder ins Berufsleben einsteigen.

Wiedereinsteiger bleiben üblicherweise länger und springen nicht so schnell ab wie jüngere.

Dass man als jüngerer Mensch vielleicht nicht von Anfang an in der Pflege von Menschen mit multiplen Erkrankungen, wie sie heute an der Tagesordnung sind, verbleibt, sondern noch anderes sehen möchte, versteht sie gut. «Man sollte aber ihre Arbeitsplätze so attraktiv gestalten, dass sie eines Tages wieder zurückkommen», findet Mühlegg.

Gute Führung ist zentral

Daneben hat Mühlegg schon oft Pflegende erlebt, die sich von ihren Vorgesetzten nicht verstanden und nicht vertreten fühlten. «Es wird sehr viel von ihnen verlangt, aber gleichzeitig werden sie nicht richtig geführt.»

Andrea Mühlegg sieht den Grund darin, dass die Stellen der Abteilungsleitungen oft mit Mitarbeitenden besetzt werden, die zwar eine grosse Affinität für Menschen mit Demenz haben, also über viel Fachwissen verfügen, denen aber Kenntnisse in der Führung von Personal fehlt.

«Es ist deshalb unabdingbar, dass solche Leute gleich am Anfang Unterstützung durch ein Coaching oder ähnlich annehmen. Nur so können sie ihre Mitarbeitenden angemessen unterstützen und ihnen die Wertschätzung entgegenbringen, die so wichtig wäre, damit diese auch längerfristig in einer Institution bleiben.»

erschienen: 30.11.2017

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