Interne Bildung in der Sonnweid

Das Lernen findet eher beiläufig und unbewusst statt

Um Menschen (den Bewohnenden) ein individuelles Leben in der Sonnweid zu gewährleisten, braucht es Menschen (die Mitarbeitenden), die dies ermöglichen. Machen diese das automatisch?

Von Gerd Kehrein

«Menschen finden in der Sonnweid einen Ort, an dem sie ihren individuellen Weg gehen können», heisst es im Leitbild der Sonnweid. Dieses Versprechen des individuellen Weges stellt einen hohen Anspruch an die Mitarbeitenden der Sonnweid – von ihnen wird erwartet, es einzulösen. Wie schaffen sie das? Oder anders gefragt: Wie schafft es die Sonnweid, dass ihre 280 Mitarbeitenden den formulierten Anspruch zu ihrem eigenen machen und tagtäglich versuchen, ihn durch ihr Verhalten zu erfüllen?

Das informelle Lernen im Alltag prägt die Entwicklung der Mitarbeitenden – das formelle Lernen kommt ergänzend hinzu.

Eine Voraussetzung ist sicher die Tatsache, dass in der Regel nur Personen eine Anstellung in der Sonnweid suchen, die eine Grundhaltung des Respekts anderen Menschen gegenüber mitbringen und daher grundsätzlich dazu bereit sind, Individualität zu ermöglichen. Zur Gewährleistung der vielen nötigen individuellen Wege im Alltag reicht dies aber häufig nicht aus. Mitarbeitende sind gefordert, sich persönlich im Sinn der Institution zu entwickeln und dazuzulernen. Zu diesem Lernen bietet eine Studie zum «informellen Lernen in der praktischen Pflegeausbildung» (Bohrer, 2013) interessante Überlegungen an:

  • Das Lernen in der Pflegepraxis erfolgt überwiegend informell: Es findet ausserhalb didaktisch geplanter Lehr-/Lernsettings, eher beiläufig und unbewusst im täglichen Arbeitsprozess statt.
  • Der Pflegeberuf kann gar nicht anders als in hohem Masse informell gelernt werden.
  • Das Lernen von Mitmenschlichkeit, Empathie und anderen zentralen personalen und sozialen Kompetenzen erfordert einen persönlichen Entwicklungsprozess auf der Basis persönlicher Kontakte. Dieser kann nicht unmittelbar gelehrt oder unterwiesen werden.
Das informelle Lernen im Alltag prägt die Entwicklung der Mitarbeitenden – das formelle Lernen kommt ergänzend hinzu.
Das informelle Lernen im Alltag prägt die Entwicklung der Mitarbeitenden – das formelle Lernen kommt ergänzend hinzu. Bild Dominique Meienberg

Frei interpretiert stützen diese Aussagen ein Bildungsverständnis, welches schon seit vielen Jahren die Bildungs- und Personalentwicklungsüberlegungen der Sonnweid prägt: Unsere Entwicklung (unser Lernen) zu einem jederzeit respektvollen, individuellen Umgang findet in hohem Masse im praktischen Pflege- und Betreuungsalltag statt. Sie ist nicht primär an formale, didaktisch geplante Lernangebote gebunden, sondern nährt sich im alltäglichen Mitleben, Mitarbeiten, Mitreden, Mitdenken, Mitplanen und Mithandeln. Dieses alltägliche, informelle Lernen wird nach Bohrer durch mehrere Elemente unterstützt bzw. sogar erst ermöglicht:

  • in gewissem Masse zeitliche und personelle Ressourcen
  • die Lernkultur im Team
  • Formen der Zusammenarbeit und des Austausches mit anderen
  • Modellpersonen
  • Rolle als Lernende (bzw. als Anfängerin)
  • Reflexion

Als Institution ist es uns ein wichtiges Anliegen, das Vorhandensein dieser Elemente zu gewährleisten und uns bei unseren Überlegungen zur Entwicklung der Mitarbeitenden nicht nur auf formale Bildungsabschlüsse und Bildungsangebote zu stützen. Unsere Haltung in einem Satz: Das informelle Lernen im Alltag prägt die Entwicklung der Mitarbeitenden – das formelle Lernen kommt ergänzend hinzu.

Studie: «Selbständigwerden in der Pflegepraxis», 2013, Annerose Bohrer, Wissenschaftlicher Verlag Berlin.

erschienen: 13.01.2016