Lebensräume

Vergessen in der Stadt

Eine demenzsensible Stadtplanung nimmt neben physischen auch soziale, kognitive und finanzielle Barrieren in den Blick.
Eine demenzsensible Stadtplanung nimmt neben physischen auch soziale, kognitive und finanzielle Barrieren in den Blick. Bild Unsplash

Wie Stadträume gestaltet sind, hat einen starken Einfluss auf die Orientierungsfähigkeit und soziale Teilhabe von Menschen mit Demenz. Ein Forschungsprojekt, das Betroffene als Experten einbezogen hat, liefert Denkanstöße.


Von Valerie Rehle, Forschungsmitarbeiterin HFT Stuttgart

Die Gestaltung von Wohn- und Lebensumfeldern, öffentlichen Räumen und Gebäuden hat einen unmittelbaren Einfluss darauf, wie Menschen mit Demenz in ihnen leben und sich bewegen. Das vertraute Lebensumfeld nimmt dabei als wichtige Stütze für soziale Teilhabe, Wohlempfinden, Schutzbedürfnis, Orientierung und Identität eine zentrale Rolle ein.

Neben routinierten Alltagsabläufen werden auch vertraute Umgebungen zu (lebens-)wichtigen Hilfestellungen und ermöglichen Betroffenen, die zunehmenden kognitiven Einschränkungen zu kompensieren und ihre Selbstständigkeit zu bewahren.

Obwohl die Verbindung von Demenz zu den raumgestaltenden Disziplinen wie Architektur, Stadtplanung und Landschaftsarchitektur unweigerlich auf der Hand liegt, gehen diese in ihren Forschungs- und Praxisbestrebungen bisher nur stiefmütterlich auf die Belange älterer Menschen mit kognitiven Einschränkungen ein.

Es fehlt an Bewusstsein und beispielhaften Methoden, Strategien und Konzepten, um Bedürfnisse von Menschen mit Demenz in die Praxis von Architektur und Stadtplanung zu übertragen.

Die Hochschule für Technik Stuttgart und die Wüstenrot Stiftung haben das zum Anlass genommen, in einem gemeinsamen Lehrforschungsprojekt der Frage nachzugehen:

Welche städtebaulichen Gestaltungsmerkmale und Wohnformen hindern oder unterstützen Menschen mit Demenz, möglichst lange selbstständig in ihrem vertrauten Wohnumfeld zu leben und welche Aufgabenbereiche ergeben sich für ArchitektInnen und StadtplanerInnen, um dieses Ziel zu unterstützen?

Die dreijährige Projektlaufzeit endete vergangenes Jahr und nun ist ein Buch im Verlag der Wüstenrot Stiftung erschienen, welches die Herangehensweise und Ergebnisse aufarbeitet und kostenlos erhältlich ist.

Ein neues Buch gibt Einblick in das Forschungsprojekt über demenzsensible Stadtgestaltung.
Ein neues Buch gibt Einblick in das Forschungsprojekt über demenzsensible Stadtgestaltung. Bild Natalie Brehmer

Im Fokus des Projekts stand dabei sowohl der stetige Austausch mit ExpertInnen aus Altenhilfe, Sozialer Arbeit, Wohnungsbau, Architektur, Stadtplanung, Produktdesign, Kommunikationsdesign, Kunst, Wissenschaft sowie mit VertreterInnen aus Kommunen, als auch die aktive Zusammenarbeit mit Betroffenen. So war auch die Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg kritische Begleiterin des Forschungsvorhabens.

Gemeinsam mit 13 Betroffenen erforschten Studierende der stadtgestaltenden Disziplinen wie Architektur, Stadtplanung und Innenarchitektur das jeweilige persönliche außerhäusliche Lebensumfeld.

Die Studierenden wurden im Projektverlauf zum Sprachrohr für Menschen mit Demenz und deren heterogene Bedürfnisse und Wahrnehmungen und transferierten ihre Beobachtungen in erste vielversprechende Lösungsansätze.

Durch die gemeinsame Identifizierung von Problemsituationen und Orientierungsstrategien wurden Menschen mit Demenz als ExpertInnen ihrer eigenen Lebensumwelt anerkannt und aktiv am Forschungs- und Lernprozess beteiligt.

Es stellte sich heraus, dass nicht nur quartiersbezogene Strukturen und Architekturen die Orientierung von Menschen mit Demenz beeinflussen, sondern auch im Stadtraum verortete alltägliche Abläufe und Rituale.

Anhand von 13 unterschiedlichen Perspektiven zeichnete sich ein differenziertes Bild ganz unterschiedlicher Wünsche, Anforderungen, Herausforderungen und Potenziale ab, welche das komplexe Verhältnis zwischen Demenz und Stadt verdeutlichten.

Diese Komplexität bezieht sich gleichermaßen auf soziale, räumliche und infrastrukturelle Ebenen und macht deutlich:

Die eine Lösung, die Vision einer einheitlichen demenzfreundlichen Stadt kann es nicht geben.

Vielmehr geht es darum, kognitive Barrieren, die zu Wahrnehmungsstörungen, Irritationen und Missinterpretationen führen können sowie soziale und finanzielle Barrieren, die Menschen mit Demenz isolieren oder separieren, als Herausforderungen der Stadtgestaltung zu begreifen. 

Studierende unternehmen eine Ortsbegehung mit einer demenzbetroffenen «Patin».
Studierende unternehmen eine Ortsbegehung mit einer demenzbetroffenen «Patin». Bild Valerie Rehle

Mit Menschen mit Demenz gemeinsam Zeit zu verbringen, sie dabei zu beobachten, wie sie sich durch ihr vertrautes Wohnquartier bewegen und mit gebauten Strukturen und Menschen interagieren, hat konkrete Denkanstöße gegeben und Strategien angeregt, welche Wege wir gehen können, um Menschen mit Demenz darin zu unterstützen, sich möglichst lange in ihrem vertrauten Wohnumfeld zu bewegen.

Das Forschungsprojekt ist aber auch als ein Plädoyer dafür zu verstehen, dass es sich lohnt, diejenigen einzubeziehen, die unmittelbar von den Überlegungen und Planungsprozessen betroffen sind – egal, ob sie eine Demenz haben oder nicht.


Interview mit Valerie Rehle

Wir wollten genauer wissen, was die Forschenden der HFT Stuttgart herausgefunden haben. Dazu haben wir bei Valerie Rehle nachgefragt.

alzheimer.ch: Frau Dr. Rehle, wie finden sich Menschen mit Demenz im urbanen Raum zurecht?

Dr. Valerie Rehle: Menschen mit Demenz können mit oder gerade durch ihre kognitive Beeinträchtigung kreative und intuitive Strategien entwickeln, um sich durch ihr außerhäusliches Umfeld zu bewegen. Wir hatten beispielsweise einen Paten, der sich entlang einer Buslinie navigierte.

Eine andere Patin orientierte sich am Stuttgarter Fernsehturm. Dieser steht erhöht am Stadtrand und ist von den zulaufenden Straßenachsen sichtbar, so dass Entfernung und Himmelsrichtung ihr Aufschluss darüber gaben, wie weit sie von ihrem Zuhause entfernt ist.

Aber genauso hatten wir Betroffene mit einer inneren kognitiven Karte, was zeigte, dass es auch Navigationsstrategien gibt, die wir als Außenstehende nicht einfach nachvollziehen können.

Dieses Kunstwerk ist ein Ankerpunkt einer demenzbetroffenen «Patin».
Dieses Kunstwerk ist ein Ankerpunkt einer demenzbetroffenen «Patin». Bild Valerie Rehle

Wo liegen die «neuralgischen Punkte» in der Stadtplanung?

Kritische Punkte sind vor allem Orte, an denen es zu Überlagerungen von sensorischen Reizen und Informationen kommen kann. Das sind beispielsweise Straßenkreuzungen mit viel Verkehr oder große Haltestellen. Für Betroffene ist es wichtig, dass sie Verkehrssituationen richtig einschätzen können, um ihr Sicherheitsempfinden zu bewahren.

Aber auch der Trend zur architektonischen Homogenität und fehlende Ankerpunkte im Stadtbild können Desorientierung und Identitätsverlust hervorrufen.

Was wären Massnahmen zur Verbesserung der Situation?

Zuallererst – und das war auch unsere Intention in der Zusammenarbeit mit den Studierenden –  geht es darum, Bewusstsein zu schaffen. Bewusstsein darüber, dass die Gestaltung von urbanen Räumen, Orientierung, Sicherheit, soziale Teilhabe und Wohlbefinden von Menschen mit oder ohne Demenz beeinflussen.

Die Architektur muss sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren:

Demenzarchitektur

Lebensraum für Menschen – ob mit oder ohne Demenz 

Die Aufgabe von PlanerInnen und GestalterInnen ist es, Betroffenen Raum zu geben, individuelle Orientierungsstrategien zu entwickeln und anzuwenden, um den eigenen Alltag zu meistern. Gemeinsam mit Studierenden konnten wir in der Entwurfsphase erste Anknüpfungspunkte erarbeiten, wie das konkret aussehen kann. Einige Arbeiten haben beispielsweise versucht, digitale Technologien mit der Architektur zu koppeln.

Es geht letztlich um die Verbesserung der Lebensqualität durch Raumgestaltung. Wie sieht es mit der sozialen Teilhabe von Menschen mit Demenz in Städten aus?

Das ist eine wichtige Frage. Denn durch das Projekt ist uns klar geworden, dass Gestaltung für Menschen mit Demenz eben nicht nur bedeutet, physische Räume zu entwerfen, sondern auch soziale, kognitive und finanzielle Barrieren im Stadtraum in den Blick zu nehmen. Zum Beispiel hatten wir einen Paten, der sich aufgrund seiner niedrigen Rente ein Leben in der Stadt nicht mehr leisten konnte – obwohl er gerade durch seine Demenz den Kontakt zu anderen Menschen aktiv gesucht hat.

Immer öfter übernehmen Automaten anstelle von Menschen Dienstleistungen im öffentlichen Raum. Was bedeutet das für Betroffene?

Was diese Frage angeht, befinden wir uns vor einem Umbruch. Gerade sehen wir eine Generation an Demenzbetroffenen, die mit der Digitalisierung oder gar Robotik in ihrem bisherigen Leben noch kaum Berührungspunkte hatte. Und natürlich stellen dann digitale Dienstleistungen diese Menschen vor große Herausforderungen.

Wenn wir aber an die nächste Generation denken, wie zum Beispiel die «Babyboomer», dann haben wir es mit einer Generation zu tun, die aus eigener Erfahrung der Digitalisierung grundsätzlich aufgeschlossen ist. Und gerade da sehe ich persönlich ein vielversprechendes Unterstützungspotenzial.

Self-Service-Technologien sind für viele Ältere schon zur Gewohnheit geworden:

Digitalisierung und Alter

«Ohne Internet sind wir weg vom Fenster»

Das muss aber noch in Forschung, Praxis und Gesellschaft in Bezug auf Benutzer- und Alltagsfreundlichkeit, Ethik und Kosten/Nutzen untersucht werden. Genauso muss man sich fragen, inwiefern durch Technik zwischenmenschliche Ebenen ersetzt werden sollen, die eigentlich nicht ersetzt werden müssten.

Welche Rolle spielt Barrierefreiheit?

Öffentliche Räume, Nahverkehr und Gebäude barrierefrei zu gestalten ist auf jeden Fall ein sehr wichtiger Baustein, um diese Räume für Menschen gerade mit Mobilitätseinschränkungen gleichberechtigt zugänglich zu machen. Wie wir aber auch wissen, sind bauliche Barrieren für viele Menschen mit Demenz nicht zwangsläufig ein Hindernis, da sie körperlich noch relativ fit sind.

Einmal eine Runde durch die Stadt: Studierende wagen den Selbsttest.
Einmal eine Runde durch die Stadt: Studierende wagen den Selbsttest. Bild Valerie Rehle

Deshalb ist es wichtig, das ArchitektInnen und StadtplanerInnen begreifen, dass barrierefreie Räume nicht automatisch demenzsensibel sind und genauso kognitive, soziale und finanzielle Barrieren mitgedacht beziehungsweise abgebaut werden müssen.

Gibt es etwas, das Sie während der Studie überrascht hat?

Was uns nicht unbedingt überrascht, aber in unserer Vorgehensweise bestätigt hat, ist, dass sich die Zusammenarbeit zwischen Studierenden und Menschen mit Demenz gelohnt hat. Die Zusammenführung dieser beiden Perspektiven hat uns neue Einblicke in das Leben von Menschen mit Demenz gegeben und zukunftsweisende Anknüpfungspunkte aufgezeigt.

Sehr bedeutend für den Lehr- und Forschungsprozess war, dass eben diese persönlichen und individuellen Perspektiven umfangreiche Erkenntnisse zulassen und dass Menschen mit Demenz sehr wohl in diese Prozesse eingebunden werden können und müssen.


Quelle Youtube

Das Buch «Vergessen in der Stadt. Stadtgestaltung von und für Menschen mit Demenz» (Herausgeber: Christina Simon-Philipp und Wüstenrot Stiftung, Autorin: Valerie Rehle) ist ab sofort über die Website der Wüstenrot Stiftung kostenlos verfügbar.

Der Beitrag von Valerie Rehle erschien in der Zeitschrift «alzheimer aktuell» der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg e.V. Selbsthilfe Demenz, 4/2020. Herzlichen Dank an die Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg für die Gelegenheit der Zweitverwertung!

erschienen: 04.03.2021

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