Demenzarchitektur

Lebensraum für Menschen – ob mit oder ohne Demenz 

Das Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz in Nürnberg (D).
Das Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz in Nürnberg (D). Bild Ronald Grunert-Held

Eine Architektur, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert, eignet sich auch als Lebensraum für Menschen mit Demenz. Der Architekt Eckhard Feddersen schafft mit seinem Buch «raumverloren – Architektur und Demenz» neue und überraschende Zugänge.

Von Martin Mühlegg

Mediziner, Lichtgestalter, Literaten, Architekten, Raumplaner, Philosophen, Sozialpädagogen, Designer, Ernährungswissenschaftler, Tänzer: Die Autorenliste lässt nicht den Schluss zu, ein Buch über Demenzarchitektur in den Händen zu halten. Doch die Liste zeigt auf, dass gute Architektur nicht Häuser produziert, sondern Lebensraum für Menschen. Die Ansprüche des Menschen an seine Umgebung sind bekanntlich sehr vielschichtig und individuell. Deshalb können sie kaum in ein systematisch aufgebautes und mit «Rezepten» versehenes Fachbuch verarbeitet werden. 

Innenansicht des Nürnberger Kompetenzzentrums für Demenz.
Innenansicht des Nürnberger Kompetenzzentrums für Demenz. Bild Ronald Grunert-Held

Das Buch «raumverloren – Architektur und Demenz» lädt nicht ein zum geradlinigen Durchlesen von vorne nach hinten. Es bietet vom Prolog des Schriftstellers Jonathan Franzen bis zu den Erkenntnissen des Sozialpädagogen Peter Wissmann allerlei interessante und überraschende Denkanstösse. Zwischen den Texten der Fachleute laden die Herausgeber Eckhard Feddersen und Insa Lüdtke ein zu bebilderten Exkursen. 

Frühkindliche Entwicklung der Sinne 

«Im Buch geht es nicht nur um Demenz, sondern um den Menschen», sagt Ekkehard Feddersen. Der Architekt, Gutachter und Publizist aus Berlin baut seit den 1970er-Jahren Gebäude für Menschen mit Behinderungen. In jüngerer Vergangenheit hat er sich als führender Demenz-Architekt Deutschlands etabliert. Nach dem Motto «Grundlegendes beginnt man am besten bei sich selbst» begann er sich Gedanken zu machen, wie der Lebensraum für Menschen mit Demenz am besten zu gestalten sei – und wandte sich zuerst einmal der frühkindlichen Entwicklung der Sinneswahrnehmung zu.

«Um Empfindungen wirklich eintreten zu lassen, die man sich wünscht, ist immer ein ganzes Bündel von sinnlichen Eindrücken spezifischer Art nötig», schreibt Feddersen und begrüsst deshalb den Trend zur nachhaltigen Architektur. «Sie kann diesen Anforderungen viel besser entsprechen als die übertechnisierte Bauweise der vergangenen Jahrzehnte.»

Eckhard Feddersen

Eckhard Feddersen (70) baut Häuser und Lebensraum für Menschen mit Demenz. 1973 gründete er in Berlin mit Wolfgang von Herder ein Architekturbüro (seit 2002 Feddersen Architekten. 2003 initiierte er den Kompetenzkreis Gesundheit, Behinderung, Pflege in Berlin. 2014 übergab er sein Büro an Stefan Drees und Jörg Fischer, seither ist er als Berater tätig. Publikationen: Entwurfsatlas Wohnen im Alter (2009 als Mitherausgeber); raumverloren (2014, Herausgeber).

Sieben Schritte zu einer altersfreundlichen Kultur 

Der Gerontologe Andreas Kruse plädiert im Buch «raumverloren» für eine altersfreundliche Kultur. Nachfolgend seine wichtigsten Forderungen: 

  • Einbeziehung älterer Menschen in den gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Fortschritt, Achtung der Einzigartigkeit des Seins älterer und an Demenz erkrankter Frauen und Männer. 
  • Reger Austausch von Anregungen, Wissen, Erfahrungen, Hilfeleistungen und Sympathiebekundungen zwischen den Generationen. 
  • Rahmenbedingungen schaffen für die Verwirklichung von Potenzialen, auch für jene von alten Menschen. 
  • Respekt und Sensibilität älteren und verletzlichen Menschen gegenüber; Förderung der Selbstverantwortung und Selbständigkeit. 
  • Vermeiden einer «Graduierung» der Menschenwürde und einer altersbestimmten «Abstufung» bei medizinisch-pflegerischen Leistungen. 
  • Abbau von sozialer Ungleichheit innerhalb der Gruppe älterer Menschen, alle erhalten unabhängig von Bildung, Einkommen und Sozialschicht die notwendigen medizinisch-pflegerischen Leistungen.
  • Anerkennung der Rechte, Ansprüche und Bedürfnisse aller Generationen, keine Generation wird bevorzugt oder benachteiligt. 

raumverloren – Architektur und Demenz Eckhard Feddersen und Inga Lüdtke (Hgg.) Birkhäuser Basel, 2014

www.feddersen-architekten.de 

raumverloren

 

erschienen: 25.05.2016

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