Orientierung

Türen gegen das Vergessen

Insgesamt wurden 295 Türen eingebaut, individuell auf die jeweils erforderliche Funktion und den jeweiligen Designstil angepasst.
Insgesamt wurden 295 Türen eingebaut, individuell auf die jeweils erforderliche Funktion und den jeweiligen Designstil angepasst. Bild Peter Stockhausen

Das St. Augustinus Memory-Zentrum in Neuss (D) bietet räumliche Orientierung für Menschen mit Demenz. Forschungserkenntnisse führten bei der Innengestaltung zu einem speziellen Wohlfühlkonzept, bei dem auch die Innentüren eine Rolle spielen und individuell angepasst wurden.

Von Rainer Hofer

Mit der immer älter werdenden Gesellschaft steigt auch die Zahl der Menschen mit Demenz. Ist das Stadium der Demenz einmal so weit fortgeschritten, dass die betroffene Person sich nicht mehr selbst versorgen oder zu Hause gut versorgt werden kann, bietet sich die Unterbringung in einer Einrichtung wie dem St. Augustinus Memory-Zentrum an.

Bei der innenarchitektonischen Planung dieser in Deutschland einmaligen Einrichtung stand die Frage im Mittelpunkt, wie man den Bewohnern ein Umfeld schaffen kann, in dem sie sich wohlfühlen und selbständig gut orientieren können.

Ansätze für die Innenarchitektur bot in diesem Zusammenhang ein Forschungsprojekt der schottischen Universität Stirling, nordwestlich von Edinburgh. Das hier ansässige Dementia Services Development Center (DSDC) setzt sich mit der Wechselwirkung zwischen Innenarchitektur und Demenz auseinander.

Der kontrastreiche und gut ausgeleuchtete Essraum erleichtert die Orientierung.
Der kontrastreiche und gut ausgeleuchtete Essraum erleichtert die Orientierung. Bild Peter Stockhausen

Die gewonnenen Forschungsergebnisse legen nahe, dass die Kombination aus Design, Farbkontrasten sowie Lichteffekten in einem Raum notwendig ist, um Menschen mit Demenz räumliche Orientierung zu bieten.

Die Innentüren spielen in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle.

Schliesslich sind sie es, die der Bewohner als Eingang zu seinem Privatbereich identifizieren sollte. 

Die Zimmer im St. Augustinus Memory-Zentrum wurden in drei unterschiedlichen Einrichtungsstilen gestaltet: gediegen, modern und im Landhausstil, um die Zuordnung für Menschen mit Demenz einfacher zu machen.

Damit die Innentüren optimal unterstützend in das Konzept einfließen, informierten sich die (damalige) Projektleiterin Dr. Andrea Kuckert-Wöstheinrich und ihr Projektteam in enger Abstimmung mit den Architekten von Esser Coenen Forsch & Partner beim örtlichen Fachhandel über die Bandbreite der Möglichkeiten.

«Mit den Innentüren von Jeld-Wen haben wir Modelle ausgewählt, die den jeweiligen Wohnungsstil unterstreichen und darüber hinaus die notwendigen Funktionalitäten für ein Zentrum wie unseres mit sich bringen.»

Zimmer im gediegenen Stil

«Die Einrichtung entspricht einem sehr klassischen, traditionellen und wertigen Geschmack. Die warmen, satten Farben der Möbel in Kirschholzoptik stehen für eine gutbürgerliche Wohnlichkeit. Hier wohnt vielleicht eine Person, die gerne die Oper besucht und Waldspaziergänge liebt» , so Dr. Kuckert-Wöstheinrich.

Als bevorzugte Optik für die Innentür wurde ein HPL-Schichtstoff (Resopal 0,8 mm, Dekor 4403-WH Boston Cherry Quer) gewählt. Er nimmt den warmen Holzton der Möbel auf und führt ihn an der Tür stringent fort. Unterbrochen wird das Türblatt durch zwei horizontal verlaufende Lisenen.

Die silber-farbenen Lisenen sind ein bewusster Kontrast in der Türoberfläche und damit ein gut erkennbarer Orientierungspunkt für die Bewohner. Eingelassen in die Oberfläche, stechen die Lisenen dennoch optisch hervor und erzeugen eine zurückhaltende, dem Stil des Zimmers entsprechende Optik.

Moderner Stil mit passenden Innentüren

«Das moderne Zimmer» , so Dr. Kuckert-Wöstheinrich, «erinnert ein klein wenig an eine Studentenbude. Mit knallrotem Ledersessel, farbig ornamentierter, pigmentierter Tapete, sowie verchromten Möbeln, verkörpert dieser Zimmertyp etwas ganz anderes. Dieser Stil bricht vorhandene Muster auf und zeigt, was ein Pflegeheim eben auch sein kann.»

Gewollt schnörkellos und geradlinig: Hier könnte ein passionierter Kunstliebhaber oder eine designaffine Person wohnen, die sich gerne mit klaren Formen umgibt. Analog der Farbigkeit des Interieurs wurde die Tür nach den Vorgaben des Architekten individuell von Jeld-Wen ausgestattet.

Die rote Tür weist den Weg zu einem «modernen Zimmer».
Die rote Tür weist den Weg zu einem «modernen Zimmer». Bild Peter Stockhausen

Die Basis der Tür bildet die Ausführung Typ 42, SK2 stumpf einschlagend (Schallschutzklasse II = 37dB Rw’P bzw. 32 dB Rw’R). Die Oberfläche orientiert sich farblich an den im Interieur eingesetzten Farben.

Auch hier konnte Jeld-Wen den passenden roten Farbton werkseits verbauen (Resopal 0,8 mm, Dekor D14–60 Port). Das vertikale Drittel des Türblatts, an dem sich der Drücker befindet, wurde mit einem 250 mm breiten, hellen Dekor-Streifen (Resopal 0,8 mm, Dekor 0105 60 Pearl White) optisch abgesetzt, wobei die beiden Schichtstoffe mit einer V-Fuge gestoßen wurden. Um den Kontrast und den Unikatcharakter der Tür noch zu verstärken, wurden auch hier Lisenen eingesetzt.

Landhausstil

Weiss und Naturtöne wie Braun, Beige und Grün dominieren das Zimmer im Landhausstil. Die weissen Möbel sind gemütlich, der Boden besteht aus pflegeleichtem LVT im Eiche-Look. Die helle, freundliche und warme Variante entspricht einem maritim angehauchten Stil.

Der Bewohner dieses Zimmers könnte das Meer lieben, gerne stricken und Ruhe finden durch Motive aus der Natur. Analog zum nordischen Stil wurde die Innentür gestaltet.

Als Ideengeber fungierte das hanseatische Modell Blankenese. Da diese Baureihe jedoch nicht für den Einsatz im Health Care Bereich geeignet ist, baute der Hersteller das Modell in robuster HPL-Qualität kurzerhand nach.

Die Schallschutztür Typ 42, SK2 stumpf einschlagend, wurde mit der HPL-Oberfläche Primata 0,8 mm im Dekor Uni Weisslack versehen und mit Profilaufsatzleiste im Look des Modells Blankenese 4F veredelt.

Wirkung der Inneneinrichtung

Der eigene Sessel oder andere Erinnerungsstücke im häuslichen Umfeld sind laut Frau Dr. Kuckert-Wöstheinrich für die Orientierung in diesem fortgeschrittenen Stadium der Demenz nicht mehr hilfreich, da sie nicht mehr erkannt und zugeordnet werden können.

Oberstes Gebot ist die Funktionalität.

Der Bewohner muss seine Zimmertür erkennen können. Die für die Einrichtung entwickelten Modelle stellen somit eine Art Leitplanke dar und werden von den Bewohnern im Alltag positiv aufgenommen. Neben Funktionalität spielt auch das Design für Bewohner wie Besucher eine entscheidende Rolle.

Bevor ein neuer Bewohner die Einrichtung bezieht, versucht das Team im St. Augustinus Memory-Zentrum aus der Biografie und der Anamnese herauszulesen, welcher Typ Mensch er ist – und damit welcher Zimmertyp für ihn geeignet wäre.

«Wir hatten einen Fall», erinnert sich Frau Dr. Kuckert-Wöstheinrich, «da wollten Angehörige unbedingt ein gediegenes Zimmer für den Bewohner. Dieser akzeptierte jedoch offensichtlich das Zimmer nicht und verliess es regelmäßig, ohne zurückkehren zu wollen. Nach vier Wochen versuchten wir es mit dem Wechsel in ein ‚Modernes Zimmer‘ und konnten erfreut feststellen, dass ihm dieses Zimmer mehr zusagte.»

Hier geht es zum Interview über Demenz-Architektur mit dem Berliner Architekten Eckhard Feddersen. 
 

Die bba Bau Beratung Architektur hat uns diesen Artikel zur Zweitverwertung überlassen. Wir bedanken uns herzlich dafür.

Architekten des Neubaus im St. Augustinus Memory-Zentrum sind: Esser Coenen Forsch & Partner, Diplom-Ingenieure Architekten, Aachen.

erschienen: 08.05.2018

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