Buchtipp

«Was bleibt, wenn alles verschwindet»

Zwei Freundinnen, eine Reise, ein Geheimnis. Eine beginnende Demenzerkrankung zwingt Susanne dazu, ihrer Freundin Ruth lange Verschwiegenes zu gestehen.
Zwei Freundinnen, eine Reise, ein Geheimnis. Eine beginnende Demenzerkrankung zwingt Susanne dazu, ihrer Freundin Ruth lange Verschwiegenes zu gestehen. Bild Unsplash

Hermien Stellmacher schreibt normalerweise lockere Unterhaltungsromane und Kinderbücher. Ihr neuester Roman «Was bleibt, wenn alles verschwindet» behandelt ein weniger leichtes Thema: eine Freundschaft unter den Vorzeichen einer Demenz.

Von Viktoria Hug

Seit über dreissig Jahren sind sie beste Freundinnen: Ruth und Susanne. Ruth lebt zusammen mit ihrem Mann Gustav in einem Haus, das wegen des fehlenden Nachwuchses viel zu gross ist. Susanne dagegen ist inzwischen schon Grossmutter von zwei Enkeln, macht Yoga und zerpflückt mit ihrem Nachbarn leidenschaftlich gerne Thriller. Beide sind Lehrerinnen und lieben Wortspiele. 

Dann zeigen sich bei Susanne Symptome einer Alzheimer-Demenz: Sie vergisst, was ihre Enkel ihr erzählt haben, findet sich in der Küche nicht mehr zurecht und weiss nicht mehr, wo sie das Auto geparkt hat.

«Ein kurzer Gedanke blitzte auf. Da gab es etwas, das sie nicht vergessen durfte. Doch bevor sie ihn festhalten konnte, war er auch schon wieder verschwunden.»

Susanne ist beunruhigt über diesen «Nebel im Kopf»; ihre Mutter hatte Demenz. Doch Ruth und andere Menschen ihres Umfelds halten zu ihr und setzen alle Hebel in Bewegung, um Susanne den Alltag zu erleichtern.

Als die Diagnose durch den Facharzt dann kommt, zeigt sich Susanne nicht allzu überrascht. Proaktiv stellt sie sich der Herausforderung:

«Auch Mutter hatte ihre Umwelt lange täuschen können, die etwas schusselige, aber sonst gesunde Frau mimen können. Bis sie sich in ein Land abgesetzt hatte, das man nur vom Hörensagen kannte. Eine Region, die auf keiner Landkarte verzeichnet war. Nun hatte sie selber einen Passierschein erhalten, wobei unklar war, wann die Reise losgehen würde. Doch bis zur Abfahrt wollte sie jede Minute nutzen.»

Ganz anders Sohn Paul. Er will nicht wahrhaben, dass seine Mutter eine Demenz hat und schiebt ihre Vergesslichkeit auf das Alter.

Doch zunehmend hat Susanne das Gefühl, in einer «Zeitmaschine» zu sitzen: Längst Vergangenes drängt herauf, vermischt sich immer stärker mit der Gegenwart.

Bild insel taschenbuch

Unter anderem ein Ereignis, das sie Ruth nie erzählt hat. Ein dunkles Geheimnis, das ihre Leben miteinander verknüpft und ihre Freundschaft zerstören könnte.

Susanne ringt mit sich und beginnt schliesslich ein schriftliches Geständnis. Denn die Zeit drängt: Sie muss Ruth offenbaren, was geschehen ist, solange sie das noch kann …

Die Autorin Hermien Stellmacher führt in «Was bleibt, wenn alles verschwindet» anschaulich durch viele Situationen in der Begleitung von Menschen mit Demenz. Im Fokus steht dabei die Freundschaft zwischen Ruth und Susanne.

Thematisiert wird auch, dass freundschaftliche Unterstützung zur Überforderung werden kann: Als sich Susannes Zustand nach einem Krankenhausaufenthalt rasch verschlechtert, kommt Ruth, die Susanne selbst betreuen anstatt in ein Heim geben will, an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

Hier finden Sie die Leseprobe.

erschienen: 27.09.2021