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Antidepressiva fürs Heimkino

Nichts zu lachen? Schauen Sie einen lustigen Film!
Nichts zu lachen? Schauen Sie einen lustigen Film! Bild Shutterstock

Dank Streams haben wir heute von zu Hause aus Zugriff auf alle erdenklichen Kinofilme. Unser Redaktor Martin Mühlegg stellt Filme vor, die den Lockdown erträglicher machen.

Von Martin Mühlegg

Der Lockdown wäre schlimmer, wenn es keine Streaming-Dienste gäbe. Dank dieser Technik können wir jederzeit auf eine gigantische Videothek zugreifen. Beinahe sämtliche Meisterwerke der Filmgeschichte können gestreamt werden.

Die Preise schwanken zwischen 2 bis 10 Euro pro Film, bei Netflix, Mubi, Amazon oder Apple TV bezahlt man eine Monatspauschale. Bei den meisten Anbietern stehen diverse Sprachen und Untertitel zur Auswahl.

Das Problem bei vielen Anbietern ist, dass man vor lauter Mainstream und Allerweltsfilmen die Perlen kaum findet. Deshalb schaue ich Filme vor allem auf sorgfältig kuratierten Plattformen wie myfilm.ch oder mubi.com.

Nachfolgend ein paar Filme, die auf den gängigen Plattformen zum Streamen angeboten werden. Sie werden Ihnen helfen, den Lockdown besser zu überstehen. Apropos helfen: Wenn die Corona-Krise und die damit verbundenen Einschränkungen vorbei sind, gehen Sie bitte wieder in die Kinos Ihres Vertrauens!

Lucky: Der alte Mann und das Leben

Jeder kennt sein Gesicht, aber kaum jemand seinen Namen: Harry Dean Stanton war der berühmteste unbekannte Schauspieler Hollywoods. Er war seit den 1950-Jahren in über 70 Nebenrollen zu sehen.

Der dünne Mann mit der langen Nase und den grossen Ohren starb im September 2017 im Alter von 91 Jahren. Ein Jahr vor seinem Tod hatten einige seiner Weggefährten zusammengefunden und ihm eine seiner wenigen Hauptrollen auf den Leib geschrieben.

Lucky lebt in einem verschlafenen Wüstenstädtchen im Südwesten der USA. Seine Tage beginnen mit Yoga und Zigaretten, gehen weiter mit Kreuzworträtseln und enden mit Bloody Marys und Philosophie. Ein langsamer und reduzierter Film, der antidepressiv gegen das Altern wirkt.

2017 USA, Regie: John Caroll Lynch, Darsteller: Harry Dean Stanton, David Lynch.

 

Days Of The Bagnold Summer: Pubertieren für Fortgeschrittene

Daniel Bagnold ist 15, hat langes, fettiges Haar, trägt schwarze Kleider und mag Metallica. Seine Mutter findet er die langweiligste Person der Welt. Umso mehr freut er sich über die Einladung seines Vaters nach Florida. Schliesslich muss Daniel den Sommer doch zu Hause verbringen. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn kommt auf den Prüfstand.

Dem Regisseur Simon Bird ist eine kontrastreiche und unterhaltsame Komödie gelungen. Als «Boni» gibts den wunderbaren Soundtrack der schottischen Indie-Band «Belle & Sebastian» und die beeindruckende Schauspielkunst von Nick Caves Sohn Earl als Daniel Bagnold.

2019 GB, Regie: Simon Bird, Darsteller: Earl Cave, Monica Dolan (deutscher Titel «Mein etwas anderer Florida Sommer»).

 

Mon Oncle: Die Herausforderungen der Avantgarde

In Frankreich ist der 1982 verstorbene Regisseur, Schauspieler und Komiker Jacques Tati eine Legende. Im deutschen Sprachraum gerät der lustige Oscar-Gewinner mehr und mehr in Vergessenheit. Höchste Zeit also, Tatis Meisterwerk «Mon Oncle» zumindest virtuell aus der Mottenkiste zu holen.

Die Familie Arpel lebt im avantgardistischen Eigenheim. Die Haustechnik ist anspruchsvoll und anfällig. Ein Hund löst eine Lichtschranke aus und sperrt damit die Eltern samt Auto in der Garage ein. Oder der Brunnen in der Form eines Fisches spuckt das Wasser in falsche Richtungen. Die Besuche von Onkel Gustave bringen Überraschungen und Peinlichkeiten ins so sorgsam organisierte Leben der Arpels.

1958 F, Regie: Jacques Tati, Darsteller: Jacques Tati, Jean-Pierre Zola, Adrienne Servantie.

 

The Big Lebowski: Hedonisten gegen Nihilisten

Der Alt-Hippie Jeffrey Lebowski wird von allen «The Dude» genannt. Er arbeitet nicht, säuft White Russians, raucht Joints, hört CDs mit Walfischgesängen und geht mit seinen Freunden bowlen. Auch zwei Schlägertypen, die Lebowskis Wohnung heimsuchen, seinen Kopf ins Klo tauchen und auf seinen Teppich urinieren, locken ihn nicht aus der Reserve.

Sein Freund Walter, ein cholerischer Vietnam-Veteran, erinnert ihn daran, dass man sich so etwas nicht gefallen lassen kann. Also spricht der Dude bei seinem schwerreichen Namensvetter vor und verlangt Wiedergutmachung. So geraten die drei Bowling-Kumpels Dude, Walter und Donny ins Visier von Gangstern. «The Big Lebowski» ist ein turbulenter Krimi mit hinreissenden Dialogen und schrägen Charakteren.

USA 1998, Regie: Ethan und Joel Coen, Darsteller: Jeff Bridges, John Goodman, Steve Buscemi.

 

The Party: Eine sehr hohe Dosis Slapstick

Hrundi V. Bakshi hat als talentfreier Schauspieler jede Szene vermasselt. Ein Studioboss will seinen Namen auf die schwarze Liste setzen, damit er nie wieder auf die Filmsets kommt. Weil eine Sekretärin Bakshi irrtümlicherweise auf eine Gästeliste setzt, taucht er an einer grossen Party in Beverly Hills auf.

Bakshi gibt sich Mühe, die Etikette zu wahren und in Kontakt zu kommen mit den anderen Partygästen. Doch wie auf dem Filmset ist Bakshi auch hier Unglücksrabe und Tollpatsch. Er setzt die Toilette und etliche Gäste unter Wasser, ruiniert die Haustechnik und zerstört Kunstmalerei. Blake Edwards und Peter Sellers, die auch die Pink Panther-Reihe realisierten und privat befreundet waren, zünden in dem Film eines des grössten Slapstick-Spektakel der Filmgeschichte.

1968 USA, Regie: Blake Edwards, Darsteller: Peter Sellers, Claudine Longet (deutscher Titel «Der Partyschreck»).

 

Master Cheng in Pohjanjoki: Ein Chinese in Lappland

Der chinesische Gourmetkoch Cheng und sein Sohn Niu Niu suchen im Norden Finnlands einen Mann namens Fongtron. Sie wollen ihm das Geld bringen, das er Cheng einst geborgt hat. Die Suche bleibt vorerst erfolglos, und Cheng macht sich in der Küche von Sirkkas Restaurant nützlich. Nach einiger Skepsis finden die Einheimischen Gefallen an den chinesischen Gerichten und ihrer gesunden Wirkung.

Es stellt sich heraus, das Fongtron richtig Forsström geheissen hat und seit ein paar Jahren auf dem Friedhof liegt. Mittlerweile haben sich Cheng und Niu Niu gut eingelebt und Freunde gefunden. Regisseur Mika Kaurismäkis Film macht Mut, weil er Menschen zeigt, die ans Gute glauben und sich gegenseitig unterstützen. Er hinterlässt ein Gefühl, das uns speziell in diesen schwierigen Zeiten sehr willkommen ist. Alles wird gut!

2019 Finnland, Regie: Mika Kaurismäki, Darsteller: Pak Hon Chu, Anna Maija Tuokko.

erschienen: 19.03.2021

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