Demenz und Sprache

«du bist, da bist du auch, nicht der Vier bist»

Nicole Schmid mitten in ihrer Acht-Kanal-Audioinstallation. Das Video lässt erahnen, welche poetische Kraft von den Sprachfetzen und dem Stimmengewirr ausgehen – es kann durchaus auch verwirrend sein. alzheimer.ch/youtube

In ihrer Audioinstallation lässt Nicole Schmid Menschen mit Demenz in verschiedenen Stadien der Krankheit zu Wort kommen. Ihre künstlerische Forschung hat gezeigt, dass Betroffene nicht die Sprache verlieren. Die sprachlichen Verschiebungen und Fragmentierungen entfalten eine poetische Kraft.

Von Marcus May

Die Künstlerin Nicole Schmid hat sich in dieser Arbeit mit der sprachlichen Beeinträchtigung durch Demenz beschäftigt. Während mehrerer Tage traf sie Menschen mit Demenz in der Wetziker Sonnweid zum Gespräch und hat deren Sprechen, bzw. deren fragmentarische Erzählungen oder Lautäusserungen aufgenommen.

Aktuelle Ausstellung

Nicole Schmid präsentiert ihre Audioinstallation im Rahmen der Gruppenausstellung Touch Me I'm Sick – Kunst begegnet Krankheit bis am 29. März 2020 im Kunstraum Baden. Die Ausstellung bringt zehn Positionen zusammen, die in ganz unterschiedlichen Medien – mittels Zeichnung, Malerei, Video und Installation – von der Begegnung mit Krankheit erzählen.

Diese Aufzeichnungen wurden anschliessend transkribiert, anonymisiert und von acht professionellen Sprecherinnen und Sprechern im Tonstudio nachgesprochen. Daraus ist eine Acht-Kanal-Audioinstallation entstanden.

Die bruchstückhaften Sätze und Äusserungen erscheinen unlogisch, offenbaren aber oftmals eine zutiefst poetische Dimension.

Durch die Struktur der Installation mit je vier Lautsprechern auf jeder Raumseite, von denen jeder eine andere Sprachaufzeichnung wiedergibt, bewegen sich die Besucher frei zwischen den Tonquellen.

Je nach Standort hört man so einzelne Stimmen, ein Stimmengewirr oder die Überlagerung mehrerer Sprachflüsse – ein durchaus verwirrendes, aber auch faszinierendes Sprach- und Klangerlebnis.

Nicole Schmid hat in Basel, Dresden und Zürich Bildende Kunst studiert und 2014 ihren Master of Arts in Fine Arts mit der Arbeit «Über die Veränderung von Sprache bei Demenz» erlangt, die sich mit den Mitteln und Methoden zwischenmenschlicher Kommunikation befasst.

Sie arbeitet mit verschiedenen künstlerischen Medien, zumeist reflektiert sie durch die Wahl ihres Mediums zugleich auch dessen kommunikative Strategie.

Häufig arbeitet sie in interdisziplinären Kollaborationen mit anderen Künstlern und Institutionen zusammen, auch hierbei spielt das Motiv der Verständigung eine eminente Rolle.

Im Fokus ihrer künstlerischen Forschung liegt die Beschäftigung mit den Phänomenen einer beeinträchtigten Kommunikation, mit Beschränkungen des verbalen Austauschs bei Aphasie und Demenz.

Ihren Arbeiten liegt dabei immer ein dokumentarisch wissenschaftlicher Kern zugrunde, der auf assoziativ poetischer Ebene weiterentwickelt und erfahrbar gemacht wird.

 

erschienen: 27.02.2020

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