Emil Steinberger

«Es gab nie ein Hindernis»

Emil und Niccel Steinberger sind seit 21 Jahren praktisch pausenlos zusammen.
Emil und Niccel Steinberger sind seit 21 Jahren praktisch pausenlos zusammen. Bild Dörte Welti

Die jüngere Geschichte des grössten – ja was denn: Kabarettisten? Komikers? Künstlers? – der Schweiz, Emil Steinberger (86), ist eigentlich eine Lovestory. Genug Material für einen Spielfilm. Aber dazu später.

Von Dörte Welti

Das Treffen fand vor zwei Jahren statt. Ich fragte mich damals, ob es schwierig ist, ein Interview mit Emil Steinberger und seiner Frau Niccel (er sagt Nitschel, wie Gucci...) zu führen? Nicht wirklich, stellte sich heraus.

Ein Mann wie er hat schon sehr viele Fragen beantworten müssen – er liefert die  aktuellsten Beispiele eingangs des Gesprächs grad selbst: «Sind Sie wirklich 84? Wieso arbeiten Sie noch? Warum tun Sie sich das an? Wollen Sie das fragen, Frau Welti?» 

Nein, eigentlich nicht, aber bevor man dazu Stellung nehmen und eine artige erste eigene Frage platzieren kann, hat das Paar schon begonnen. «Meine Arbeit ist nur möglich wegen der da», sagt er und zeigt er auf seine Frau.

«Dank der da,» sagt die Angebetete, die mal als Niccel Kristuf im nordrheinisch-westfälischen Wermelskirchen auf die Welt kam, «nicht wegen der da.» «Ja, es wäre alles überhaupt nicht möglich», sagt er. «Wo sässe ich denn heute? Wenn es keine Niccel gegeben hätte? In New York. Allein im 26. Stock und sähe zum grossen Fenster raus, würde die New York Times lesen...».

Nach New York war der 1933 in Luzern Geborene im Alter von 60 Jahren geflüchtet.

Nicht stalkende Fans oder wütende Frauen verschlugen ihn 1993 nach Manhattan, sondern das Zuviel an allem. Er hatte eine unfassbar erfolgreiche Karriere hingelegt: Neun Jahre Postbeamter bis 1960, dann fünf Jahre Grafikausbildung an der Schule für Gestaltung Luzern.

Zuerst nebenbei und dann immer intensiver spielte er Kabarett, mal im Ensemble, mal solo, am Ende nur noch solo. Ab 1967 ein eigenes Theater, das Luzerner Kleintheater am Bundesplatz. Immer weiter mit immer ausgefeilterem Soloprogramm.

Emil in den 1970er-Jahren als Feuerwehrmann.
Emil in den 1970er-Jahren als Feuerwehrmann. Bild PD

Der Grafiker verdiente derweil das Geld für die beiden Künstler, den Kabarettisten und den Theaterchef. Dazu ein Kino, der «Atelier»-Neubau für Studiofilme. Und weitere Soloprogramme, der Berner Zytglogge Verlag produzierte 1971 die erste Schallplatte «Emil».

Langsam entdeckte auch das Fernsehen den Emil, wie er sich nur noch nannte, beziehungsweise seine Programme. Kurz und prägnant. Kann sich jeder merken. Auch das Deutsche Fernsehen kommt und will Emil senden.

Die deutschen Zuschauer hatten es in den 1970er-Jahren sehr mit Humor aus dem Ausland, sie lachten zu der Zeit viel über den Holländer Rudi Carell und den Briten Chris Howland – und dann eben über den Schweizer Emil, so viel, dass es ihm manchmal zu viel wurde.

Auszüge aus Emils «hochdeutschem» Programm der 1970er-Jahre


Quelle Youtube

Dazwischen verrückte Zeiten mit dem Circus Knie (1977), Hauptrollen in Spielfilmen (Die Schweizermacher 1978, Helden 1986), und ganz viel Engagement beim Circus Roncalli. In New York wollte er durchatmen, nichts tun. Und genau das wurde daraus: Nichts.

New York beschäftigte ihn, in Amerika lebende Europäer fragten um Hilfe für alles mögliche, und Emil Steinberger-Steinbock (er hat am 6. Januar Geburtstag) machte möglich. Drei Jahre später kam Niccel.
«Dank Niccel bin ich wieder in der Schweiz», erzählt der Heimkehrer.

«Allein wäre ich vielleicht nicht aus New York zurückgekommen.»

«Was hätte ich allein in der Schweiz gewollt? Wenn man berühmt und solo ist, ist das Alleinsein nicht lustig. Ich konnte mir das nicht vorstellen.» Jetzt hat er Niccel, und ist nicht mehr ganz so ausgesetzt, denn sie verbringen ihre Zeit zu 99 Prozent gemeinsam und das gibt einen gewissen Schutz.

«Ein Schäferhund» wurde sie mal von einem Filmteam beschimpft, weil sie sich dafür einsetzte, dass Emils Willen durchgesetzt wird. «In Basel ist es nett», wiegelt der Berühmte ab, «Die Leute gehen neben mir über den Fussgängerstreifen und sagen, ‚wir sind so glücklich, dass Sie bei uns in Basel leben’.»

Es folgt eine Betrachtung über die Vor- und Nachteile des Alleinseins: «Soll man mit 60 oder 65 überhaupt wieder eine Beziehung anfangen?» Diese und andere Fragen musste er sich nicht stellen, denn das Drehbuch des Lebens war längst geschrieben.

Niccel kannte den Schweizer Kabarettisten von Kindesbeinen an durch das Fernsehen. Mit 15 besuchte sie den Circus Roncalli. Sie wusste zwar damals nicht, dass Emil die Regie bei diesem Programm geführt hatte, dafür aber augenblicklich, dass sie Clownin werden will.

Mit 20 fasst sie den Mut und schreibt dem Berühmten. Fragt, wo man sich denn ausbilden lassen könne. Es sei ein aussergewöhnlicher Brief gewesen, sagt Emil heute noch. Die beiden schreiben sich dann zehn Jahre. 1995 fliegt Niccel mit der Mama nach New York, um dort ihren 30. Geburtstag zu feiern, und trifft dort unter anderem auch Emil.

Noch funkt es bei Emil nicht wirklich, und Niccel ist nicht mehr in ihn verknallt, wie sie es zu Beginn der Brieffreundschaft mal war. Aber etwa ein Jahr später bemerkt er, dass ihn die junge Frau doch nicht losgelassen hat. Er lädt sie nochmals ein.

Es folgen knapp drei wunderschöne verrückte Jahre im Big Apple. Beide sind sehr verliebt.

Das Paar heiratet in der City Hall, versteht da zwar kaum ein Wort, denn die Standesbeamtin spricht sehr schlecht Englisch, so schlecht, das selbst die amerikanischen Trauzeugen nicht alles verstehen.

«Es gab nie ein Hindernis», sagt Emil, «keine Barriere oder etwas Unpassendes, das störte. Es lief einfach.» «Seit 21 Jahren sind wir zu 99 Prozent zusammen», freut sich Niccel. «Ich habs nicht so mit Zahlen», sagt Emil, «habe nie mit Jahreszahlen gearbeitet, ‚wenn ich mal so und so alt bin’» – er macht diese abwiegelnde Handbewegung.

Die Journalistin in mir denkt noch darüber nach, ob es nicht total uncool ist, die Frage nach dem Altersunterschied zu stellen, da kommt die Aussage schon von allein. «Bei uns ist das gar kein Thema, der Altersunterschied», sagt Niccel. «Bist ja 32 Jahre jünger», sagt Emil. «Wir haben einfach auf unser Bauchgefühl gehört», sagt Niccel. «Der Grundnenner, den gibt es», sagt Emil.

Es passt einfach alles. Die erste Wohnung zurück in der Schweiz finden sie ausgerechnet im «Riant Château», dem lachenden Schloss in Montreux, die Beschriftung entdecken sie erst später am Wohnhaus. «So Sachen muss man geniessen, so Zufälle», sagt Emil.

Die Zwei schauen sich immer wieder an beim Erzählen.

Sie sind aufeinander eingespielt, ergänzen sich. «Ohne Dich ginge all das nicht», fährt Emil fort und der Liebe über den Kopf. «Früher, als ich auf Tournee ging, habe ich alles selbst gemacht, am Telefon die Bedingungen abgemacht, war Chauffeur, hab den Zettel unterschrieben, fertig. Heute muss man zehn Seiten durcharbeiten. Die Verhandlungen, die Administration – das macht alles Niccel.»

Nimmt sie sich zurück für ihn? «Für uns», strahlt sie, «wir sind ein Team. Wenn ich meine ‚LachsemiNarre’ mache, gesellt Emil sich im Hintergrund dazu und hält mir den Rücken frei, damit ich mich voll auf das Seminar und meine Teilnehmer konzentrieren kann.»

«Sie ist so kreativ», streichelt der Ehemann weiter, «es kommt einfach so. Sie ist grafisch kreativ, meistert alle Computerprobleme, hat Ideen, ihr Kopf ist ein Intelligenzkasten, ich habe Achtung vor ihrem Können. Dazu bist Du noch lieb, hilfsbereit, hilfst Menschen wo Du kannst, Du bist einfach eine Wundertüte. Und immer wieder die neuen Sachen...».

Ausschnitte aus Emils Karriere


Quelle Youtube 

«Du schmeisst mich auch immer wieder ins kalte Wasser.» «Diesen Mut habe ich.» «Die schwimmt sich schon frei, denkst Du.».(Anmerkung der Redaktion: Die beiden bemerken mich grad gar nicht...) «Wir sind aus zwei verschiedenen Generationen, unterschiedlichen Ländern», fährt Niccel fort, «aber wir haben die gleichen Sachen gerne. Wenn man über die gleichen Dinge lachen kann...».

Ist dies das Geheimnis für eine gute Beziehung? Oder: Was ist das Geheimnis für eine gute Beziehung? «Streiten ist kein positiver Lebensinhalt», findet Emil, «Harmonie ziehe ich vor». Pause. In die Augen schauen.

Dann tauchen sie wieder auf: Was gibt es denn in der nächsten Zeit Neues? «Wir haben so viele Projekte in der Pipeline, die zurückstehen mussten», ergänzt Niccel. Eines steht fest: «Das Schweizer Fernsehen hat mein aktuelles Programm ‚Emil – No einisch!’ aufgezeichnet. Es soll zur Prime Time gesendet werden. Ich will dem Schweizer Fernsehen schreiben, was ich am Abend sehen möchte», sagt Emil. «Alles, was einigermassen anspruchsvoll ist, verbannen Sie auf die Zeit, wo man im Bett sein sollte».

Möchte Emil ein Polit-Programm schreiben? «Emil-Humor und Politik mischen? Da bin ich skeptisch.» Emil Late Night? «Als Interviewer wäre er super», spinnt Niccel den Faden weiter, «er hat so ein grosses Gespür für Menschen. Und neugierig ist er. Wenn wir mit dem Zug fahren, zeigt er auf Firmengebäude und fragt: ‚Was machen die wohl in all diesen Bauten? Was produzieren die?‘ Das wäre doch mal spannend, das herauszufinden».

Macht sich Emil Gedanken über den Tod?

Ausgerechnet jetzt kommt der Kellner, seine Schicht endet, er muss abrechnen, passt ja auch irgendwie zum Thema. «Der einzige Gedanke, der mir oft kommt», sagt Emil und begleicht die Zeche, «ich kann sagen, dass ich meine Jahre genutzt und ausgekostet habe.

Ich habe Kinos geführt und mit meiner ersten Frau Maya ein Theater aufgebaut. Dann die aktiven Jahre mit Niccel, die habe ich intensiv, intensiv gelebt. Ich bin ein Glücksmensch gewesen und bin es immer noch. Es hat sich alles ausbezahlt.»

«Das Schlimmste ist das Nachher», sinniert Niccel, «wenn jemand tot ist». Und erzählt, dass ihr Bruder viel zu früh an Krebs gestorben ist. Tief Luft holen. In den Arm nehmen. Und weiter im Text. «Im Historischen Museum in Luzern hat es eine Ausstellung gegeben über Emils Leben», sagt Niccel, und Emil ergänzt stolz: «Der Chef des Süddeutschen Rundfunks kam und sagte, ‚so was wie Sie gibt es nur alle hundert Jahre’.»

Aber nochmal: Was gibt es Neues? «Unsere Köpfe finden immer wieder neue Wünsche», sagt Emil, will sich nicht festlegen und freut sich auf ein paar leere Kalendertage.

«Wir überlegen: Was kann man machen? Was ist wichtig, das man noch verwirklichen kann?»

Eine Biografie vielleicht? «Wir haben Drehbücher in der Schublade», sagen dann Niccemil, die schon einen eigenen Verlag, die Edition E (wie Emil) gegründet haben. «Aber jemanden zu finden, der das nachvollziehen kann, was wir ausdrücken wollen, ist gar nicht so einfach.»

Dafür ist aber die DVD ‚Emil für Kids’ eben fertig geworden, Niccel Kreativ-Steinberger hat dafür gefilmt und geschnitten. Diese DVD wollen sie jetzt publik machen. Zusammen. Wie alles.
 
Nachschlag: Cut ins Heute. Die Sendung am 6.1.2018 mit Emils Programm «Emil – No einisch!» war ein riesen Erfolg, inzwischen ist Emil sogar dem Team von «Verstehen Sie Spass» aufgesessen, etwas, was er sich nie hätte träumen lassen. Das Bühnenprogramm «Alles Emil oder?» ist so dauernd ausverkauft, dass es laufend neue Vorstellungen gibt.

Auf der Website gibt es Termine bis Mai 2020, die meisten in diesem Jahr sind ausverkauft. Die DVD «Emil für Kids» ist raus, ebenso die DVDs «Emil – No einisch!» in Hochdeutsch, Schweizerdeutsch und Französisch (alles auf der Website).

Dieser Artikel erschien zuerst in der Oktober-Ausgabe 2017 des 50plus – Das Magazin für ein genussvolles Leben. Wir bedanken uns bei Kurt Aeschbacher und seinem Team für die Gelegenheit zur Zweitverwertung.

www.emil.ch   www.niccel.ch   www.edition-e.ch 

erschienen: 05.11.2019

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