Buchtipp

«Das Reden hab ich ein Leben lang überschätzt»

Elisabeth Heller stellt sich existenziellen Fragen.
Elisabeth Heller stellt sich existenziellen Fragen. Bild PD

Die 102-jährige Elisabeth Heller gibt in den Gesprächen mit ihrem Sohn André Heller Lebenshilfen in ungeahnter Fülle.

Von Michael Schmieder

Elisabeth Heller: Es gibt einen Durchschlupf.
André Heller: Wo?
In mir. Man zieht sich ganz in sich zurück und sammelt sich vor dem Durchschlupf.
Wie hast du ihn gefunden?
Durch nicht suchen, er war plötzlich da.

Bücher zu lesen, die man gelesen haben sollte, ist nicht sehr motivierend. Dann beginne ich dieses Buch zu lesen – und bin gefesselt. Zum einen von den Fragen André Hellers, und, viel mehr noch, von den Antworten, die Elisabeth Heller (102) ihrem Sohn gibt.

Die Form des Interviews reduziert die Antworten auf das Wesentliche, auf das, was zu sagen ist. Schnörkellos, getragen von tiefer Erkenntnis, gibt das kleine Buch Lebensweisheiten und Lebenshilfen in ungeahnter Fülle. Auf jeder Seite finde ich wertvolle Gedanken. «Träumst du viel?» «Tagsüber, wenn ich wach bin, schon.»

Möchtest du mir etwas sagen?
Weisst du, das Reden hab ich ein Leben lang überschätzt, ich rede nur mehr das Nötigste, das Schweigen bringt für gewöhnlich höheren Genuss. Die besten Gesellschafter sind in meiner Situation Kreuzworträtsel. Da beweise ich mir, dass ich noch nicht ganz verblödet bin.
Hast du denn manchmal das Gefühl zu verblöden?
Die Angst hab ich schon, aber ich vergess nur manches, das ich wahrscheinlich auch für gar nichts mehr brauchen kann. Irgendetwas räumt in meinem Gedächtnis auf, und das Überflüssige wird ausgeschieden. Seitdem hab ich auch nie mehr Kopfweh.

Es lässt sich so vieles erfahren, wie es während des Krieges war, was wichtig sein sollte in jedem Leben und was das Leben zusammenhält. Elisabeth Heller gewährt uns Einblicke in das Denken und Fühlen jenseits momentaner Bedürfnisse.

Sie stellt sich den existentiellen Fragen, die sich gegen das Ende eines Lebens meist offenbaren. Warum eigentlich erst am Ende des Lebens und nicht früher?

Ich war eine schwere Sünderin.
Das nehme ich dir nicht ab, Mami. Was hast du denn für Sünden begangen?
Da fällt mir jetzt nix ein, aber wahr ist es trotzdem.
Was ist denn das überhaupt, eine Sünde?
Schlechte Manieren im Denken und Tun. Der Mozart war auch ein Sünder.
Wie kommst du denn darauf?
Das erzählt seine Musik. Hör dir ruhig einmal Mozart an, dann weisst du es.
Mozart ist doch eher heiter und immer von grosser Klangschönheit.
Vielleicht lachen seine Melodien manchmal seine Sünden aus. Eine Lachmusik.

Das Buch fasziniert mich, es wurde rasch zum Begleiter für zwischendurch – am Computer, im Büro, zu Hause – immer wieder las ich darin und sprach darüber, was wir als das Wesentliche in unserem Leben erkennen werden. «Uhren gibt es nicht mehr» ist ein Philosophielehrgang in Kurzversion. Das Wesentliche ist gesagt.

Audio-Lesung von André Heller und Elisabeth Orth


Quelle Youtube


Video: Gedenkrede André Hellers zum Einmarsch der Nazis in Wien


Quelle Youtube

 

erschienen: 08.05.2018

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