Schlagersänger Patrick Lindner

«Man denkt immer, dass es irgendwie noch geht»

Patrick Lindner mit seiner Mutter Hedi: «Sie wollte auch weiterhin für uns bügeln, wie sie das schon immer getan hatte.»
Patrick Lindner mit seiner Mutter Hedi: «Sie wollte auch weiterhin für uns bügeln, wie sie das schon immer getan hatte.» Bild PD

Der deutsche Schlagersänger Patrick Lindner hat seine an Demenz erkrankte und inzwischen verstorbene Mutter einige Jahre gepflegt, bevor er sie in ein Heim brachte. Er spricht über den Moment, als er von der Diagnose erfuhr, über Unterstützung und Überforderung.

Von Petra Schanz

alzheimer.ch: Herr Lindner, Ihre Mutter erkrankte an Demenz. Wie weit waren Sie sich der Krankheit bewusst, bevor Ihre Mutter davon betroffen war?

Man hat immer wieder davon gehört. Aber es war wie in den meisten Fällen, wenn es einen nicht selbst betrifft: Man macht sich kaum Gedanken.

Wie war das für Sie, als Sie von der Krankheit erfuhren?

Ich war auf Tournee, als die Neurologin meiner Mutter mich anrief und mir mitteilte, wir müssten einen Termin abmachen, mit meiner Mutter stimme etwas nicht. Das war das erste Mal, dass das Thema an mich heranrückte. Ich konnte das anfangs gar nicht so recht glauben. Meine Mutter bekam Medikamente, die gut eingestellt wurden. Zum Glück war damals die Forschung schon so weit, dass man sie medikamentös unterstützen konnte.

Sie haben Ihre Mutter längere Zeit selbst betreut. Wie sah diese Betreuung aus?

Wir nahmen meine Mutter in unsere Nähe, in eine Wohnung, die nur 80 Meter von unserer entfernt lag. Sie war damals 85 Jahre alt und die Ärzte sagten, dass wir eine örtliche Veränderung nicht länger hinauszögern sollten. Es klappte zum Glück gut, denn meine Mutter musste sich ja diese neue Umgebung nochmals verinnerlichen.

Von der Volksmusik zum Schlager

Der 58-jährige Patrick Lindner ist in Deutschland ein Star. Mit seiner immer fröhlichen und sympathischen Art ist er zum Strahlemann des deutschen Schlagers geworden. Seine sanfte Stimme und die stimmungsvollen Songs begeistern seit vielen Jahren eine stetig wachsende Fangemeinde.

Die Demenzerkrankung war damals erst im Anfangsstadium. Ich bin im Nachhinein sehr glücklich, dass sie noch drei gute Jahre in der Münchner Innenstadt verbringen konnte, von wo aus sie alles zu Fuss erreichte und keinen öffentlichen Verkehr brauchte. Und wir hatten sie im Auge, weil sie so nah war.

Es verging kein Tag, an dem ich nicht bei ihr war. Wir kümmerten uns um alles. Sie kam entweder zum Essen zu uns, weil wir sowieso kochten, oder wir brachten ihr etwas vorbei. Sie wollte auch weiterhin für uns bügeln, wie sie das immer getan hatte.

Hatten Sie zusätzlich eine externe Unterstützung?

Ja, ein ambulanter medizinischer Pflegedienst kam regelmässig vorbei. Die häusliche Pflege übernahmen wir selbst. Wenn ich unterwegs war, kümmerte sich meine Cousine um sie. Der Zustand verschlechterte sich, aber man denkt immer, dass es schon noch geht. Dann erlitt meine Mutter mit 88 einen Schlaganfall.

Ich machte mir Vorwürfe, weil sie die Blutverdünner nicht eingenommen, sondern versteckt hatte.

Wir versuchten weiterhin alles innerhalb der Familie zu regeln, damit sie noch nicht ins Heim musste, obwohl sie halbseitig gelähmt war.

Irgendwann ging es nicht mehr.

Wir engagierten eine 24-Stunden-Pflegerin, die zu einem Teil der Familie wurde und zu der wir heute noch einen guten Kontakt haben. Aus heutiger Sicht bin ich mir nicht mehr sicher, ob sich diese kurze Zeit zu Hause gelohnt hat oder nicht. Vielleicht wäre es besser gewesen, meine Mutter direkt ins Heim zu bringen. Die Pflege war zwar sehr gut, aber sie war wie eingesperrt, kam fast nicht mehr raus.

Gab es Momente der Überforderung?

Ja, in Phasen, in denen es sehr intim wurde. Als Sohn hat man einen gewissen Abstand zur Mutter. Vielleicht ist das als Tochter anders. Interessanterweise waren aber Dinge irgendwann gar nicht mehr überfordernd, die ich mir anfangs nicht vorstellen konnte.

Es war für mich sehr schwierig, diesen seelischen Verfall miterleben zu müssen. Das zieht einen sehr runter.

Auf der einen Seite bringt man Kräfte auf, die man nie für möglich hielt, auf der anderen Seite zerbricht man daran.

Was hat Sie schliesslich dazu bewogen, Ihre Mutter ins Heim zu geben?

Anfangs konnte ich mit ihr noch am Telefon reden, wenn ich unterwegs war und die Pflegerin sich nicht mehr zu helfen wusste. Irgendwann ging auch das nicht mehr. Wir machten eine Institution ausfindig, bei der wir unglaublich toll beraten wurden.

Wir waren begeistert, denn auch wir hatten noch veraltete Ideen über Altenheime im Kopf. Es fand sich schnell ein Platz für meine Mutter. Trotzdem war dieser Moment, als ich mit ihr durch diesen Eingang ging, sehr schwer und berührend. «Jetzt gebe ich meine Mutter ins Heim», war mein Gedanke.

Dennoch: Wir konnten sie dort wahnsinnig toll begleiten, auch wenn es eine schwierige Zeit war. Manchmal hatte ich fast nicht die Kraft, hinzugehen, tat es aber trotzdem. In dieser Zeit entstand eine Verbindung, die für mich persönlich unglaublich interessant war. Und für meine Mutter, so glaube ich, waren diese eineinhalb Jahre ein würdiges Ende.

Was würden Sie rückblickend anders machen?

Schwer zu sagen. Als Angehöriger versucht man ja alles Mögliche. Man will alles richtig machen.

Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass man sich ohne schlechtes Gewissen früh für eine auf Demenz spezialisierte Einrichtung entscheiden sollte.

Diese Institutionen gehen so fabelhaft mit den Betroffenen um. Ich denke, es gibt viele Angehörige, die zu lange alles selbst regeln wollen. Man geht dabei selbst zu Grunde.

Es wird oft von «Abschieben» geredet. Das gibt es sicher auch, aber das muss nicht sein. Man kann den regelmässigen Kontakt aufrecht halten. Das ist auch eine grosse Unterstützung für die Heime. Wir haben grosse Feste gefeiert im Heim meiner Mutter. Ich bin dort aufgetreten. Musik ist für diese Menschen wichtig. Sie sangen teils bei 50 Jahre alten Liedern mit.

Sie reden auch in der Öffentlichkeit über die Demenzerkrankung Ihrer Mutter. Was können Prominente zur Enttabuisierung des Themas beitragen?

Ich finde, wenn man in der Öffentlichkeit steht, ist man verpflichtet, auf gewisse Dinge aufmerksam zu machen.

Gerade wenn man eigene Erfahrungen gemacht hat, sollte man darüber reden, auch wenn sie sehr persönlich sind.

Beim vorliegenden Thema finde ich es wichtig, die alten Vorstellungen über Heime aus den Köpfen zu bringen. Die neuen, spezialisierten Einrichtungen haben nichts mehr damit zu tun.

Was tun Sie konkret?

Ich habe in letzter Zeit an vielen Podiumsdiskussionen teilgenommen. Sonst bin ich beruflich noch zu stark eingebunden, als dass ich mich daneben noch eingehend um dieses Thema kümmern könnte. Aber wenn ich angesprochen werde, bin ich immer bereit, meine Geschichte beizutragen.

Was wäre der wichtigste Rat, den Sie einem betroffenen Angehörigen mit auf den Weg geben würden?

Mein wichtigster Ratschlag: Die betroffene Person früher in eine geeignete Einrichtung geben. Solche Institutionen sind speziell darauf ausgerichtet.

Wenn man sieht, was die alles mit den Betroffenen machen, realisiert man, dass man das allein gar nie hingekriegt hätte. Oft merken auch die Betroffenen, dass ihnen zuvor die Gemeinschaft gefehlt hat, die sie dort nochmals erleben dürfen.

Glauben Sie, nach allem was Sie über die Krankheit erfahren haben, dass sie je heilbar sein wird?

Das ist die Frage. Ich hoffe natürlich, dass es irgendwann ein Mittel dagegen geben wird. Es gibt ja auch Menschen – wie zum Beispiel Gunter Sachs – die sich das Leben nehmen, weil sie merken, dass etwas nicht mehr stimmt.

Das ist beängstigend. Demenz ist zur Volkskrankheit geworden wie Krebs. Es kann jeden treffen. Ich denke, jeder würde sich ein Mittel dagegen wünschen.

Video: Patrick Lindner im Gespräch mit Dunja Hayali und Michael Schmieder (ZDF 2017)


Quelle Youtube/ZDF (ab ca. 30 Minuten)

 

Video: Medley zu Patrick Lindners neuem Album «Leb dein Leben» (2018) 


Quelle Youtube

 

erschienen: 29.03.2018

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