Aus der Sicht einer Betroffenen (Teil 3)

«Momol, es gaht ganz gäbig!»

Frau D. teilte das Schicksal vieler alter Menschen, die allein leben und entweder verwirrt oder schwach sind.
Frau D. teilte das Schicksal vieler alter Menschen, die allein leben und entweder verwirrt oder schwach sind. Bild Martin Mühlegg

Frau D. ist 85 und hat eine Demenz. Im Sommer sah es noch so aus, als ob sie bald in ein Heim umziehen müsste. Nun geht es ihr so gut wie seit zwei Jahren nicht mehr – und sie liest mit Freude ein Buch, das die grosse Liebesgeschichte ihres Lebens erzählt.

Von Martin Mühlegg

«Ich habe ja immer viel zu tun – schauen sie her!», sagt Frau D. und legt einen Stapel auf den Tisch. K-Tipp, Zürichsee Zeitung, weitere Zeitschriften – und zwei Bücher, die sie mit besonders grossem Interesse liest. Geschrieben hat sie ihre Nichte. Beim einem von den beiden Romanen hat sich die Autorin stark vom Leben ihrer Tante inspirieren lassen.

Sie zitiert sogar auf vielen Seiten die Briefe, die Frau D. mit ihrem vor zwölf Jahren verstorbenen Gatten – damals noch ihr Verlobter – wechselte. Wenige Male hatte sich das junge Liebespaar damals erst getroffen. Weil er immer wieder auf Geschäftsreisen war, lernten sie sich vor allem über diese Briefe kennen. 

Normalerweise bedeutet eine Demenzerkrankung ein sukzessiver und fünf bis zehn Jahre andauernder Verlust von Fähigkeiten. Zuerst gehen in der Regel das Ultrakurzzeit-, das Kurzzeitgedächtnis und die Orientierung verloren. Später vermindert sich die Fähigkeit zu sprechen und Informationen aufzunehmen. Es folgt der Verlust von körperlichen Fähigkeiten.

Der Weg zurück ins Leben

Frau D. ging in den letzten drei Monaten den umgekehrten Weg. In Teil 2 dieser Serie hatten wir in der über ihren schlechten Zustand berichtet. Frau D. hatte immer wieder Schwächeanfälle, atmete schwer und konnte nur noch wenige Meter ohne Hilfe gehen. Alleine war sie schon seit zwei Jahren nicht mehr aus dem Haus gegangen.

Sie konnte Diskussionen kaum mehr folgen und beschenkte ihre Enkel zum Geburtstag gleich dreimal. Während eines mehrtägigen Spitalaufenthaltes stellten die Ärzte eine Übermedikation fest.

Zusätzlich waren Stoffwechsel, Kreislauf und Hirnleistung beeinträchtigt, weil Frau D. nicht ausreichend trank und ass. Oft fanden die Mitarbeiter der Spitex, die sie morgens und abends unterstützen, die vom Mahlzeitendienst gebrachten Menüs unberührt. Frau D. teilte das Schicksal vieler alter Menschen, die alleine leben und entweder verwirrt oder schwach sind. Der Wasser- und Salzhaushalt kommt in Schieflage, die Versorgung mit Nährstoffen, Vitaminen und Mineralstoffen ist nicht mehr gewährleistet. Als Folge davon kann sich eine ganze Fülle von Krankheiten und Defiziten einstellen.

Nach dem Spitalaufenthalt sagte Frau D.s Sohn: «Ich weiss nicht, ob sie wieder zu Kräften kommt. Vielleicht hat sie jetzt einfach einen Gang hinuntergeschaltet.» Jetzt sitzt Frau D. strahlend am Tisch und isst. «Es ist wunderbar», sagt sie zwischen einem Stück Braten und einer Gabel Kartoffelstock. Ein ehrenamtlich arbeitender Mann vom Mahlzeitendienst der Ortsgemeinde brachte das Menü. Der Sohn, den Frau D. dem Mann als «mein Bruder» vorstellte, hat es aufgewärmt. «Sie macht Sachen, die sie zwei Jahre lang nicht mehr gemacht hat», sagt der Sohn.

«Neulich spazierte sie alleine zum Busskirch.» Frau D. tut so, als ob es nie anders gewesen wäre. «Natürlich, zum Busskirchli reicht es noch gut!» Nicht nur Lebensfreude und Unternehmungslust sind grösser geworden. Im Gespräch wirkt sie wacher und präziser als im Frühjahr.

Dass sie eine Demenz hat, macht sich vor allem am schlechten Ultrakurzeitgedächtnis bemerkbar. Manchmal sagt sie in zwei Minuten viermal den fast gleichen Satz.

Wenn man mit Frau D. über ihren Alltag redet, blickt sie immer wieder in ihre Agenda, die stets offen vor ihr auf dem Tisch liegt. Und wenn die Agenda ihr keine schlüssigen Erinnerungshilfen liefert, sucht sie den Blickkontakt zu ihrem Sohn. Oft bringt er ihr Gedächtnis mit einem Stichwort oder mit einer Bemerkung wieder in Schwung. Als sie von ihren Unternehmungen berichtet, streut er das Wort «Grünfels» ein. Jetzt erzählt Frau D. munter von ihren wöchentlich zwei Besuchen in der Villa beim Joner Bahnhof.

Ist das Heim der Arbeitgeber?

Aus ihren Berichten wird nicht klar, ob sie die Tagesstätte für Menschen mit Demenz als Arbeitgeber oder Betreuungsinstitution wahrnimmt. Sie erwähnt, dass es dort viel zu tun gebe in der Küche, dass man froh sei um ihre Hilfe. Auch als Gesellschafterin sei sie gefordert, weil es sich um eine richtige «Gemeinschaft» handle. Es gebe dort zwar Leute, die nur herumsitzen und nichts sagen, «aber von denen lassen wir uns nicht stören.»

Die Verbesserung von Frau D.s Zustand hat auch eine Schattenseite: Der 85-Jährigen sind ihre Defizite wieder bewusster geworden. Im Verlauf einer Demenz gibt es die «gnädige Schwelle», nach deren Übertreten die Betroffenen nicht mehr wahrnehmen, dass sie an einer unheilbaren Krankheit leiden. Frau D. hatte diese Schwelle anscheinend bereits überschritten – und kam im Sommer wieder «zurück». In der Folge war sie phasenweise traurig.

Ihren Kindern sagte sie, dass es zu Hause zu schwierig geworden sei, und dass sie nicht mehr lange in der Wohnung bleiben könne. Seit dem Besuch eines Heimes, das ihr und ihrer Tochter überhaupt nicht gefiel, ist das Thema wieder vom Tisch.

 

Wenn die Gegenwart wegen des angeschlagenen Ultrakurzeit- und Kurzzeitgedächtnisses entwischt, wird die Vergangenheit wichtiger. Auf das Stichwort «Restaurant» weiss Frau D. viel zu berichten. Ende der 1940er-Jahre arbeitete sie in einem weit herum bekannten Rapperswiler Restaurant. Der Chef und Inhaber des Hauses war eine schillernde Persönlichkeit. Frau D. berichtet, dass seine Frau, die ihm eher wie eine Mutter gewesen sei, den Laden so gut geführt habe, dass «es gelaufen sei wie verrückt.» Dann sei eine neue Serviertochter gekommen, die sich an den Mann herangemacht habe. Es habe ein grosses Durcheinander gegeben, sie (Frau D.) sei dann gegangen.

Eine Lovestory mit Happyend

Weit weg ist sie gegangen, nach Südamerika, wie der Roman mit den Briefen erzählt. Als Frau D.s Verlobter von seinem Arbeitgeber für mehrere Monate – es sollten sogar Jahre daraus werden – nach Argentinien geschickt wurde, verliess ihn die Geduld. «Die erste Begeisterung über die neue Welt hat sich gelegt. Das Leben wird zu einem eintönigen Dasein ohne Dich. Ich kann meine Gefühle nicht länger zurückhalten», schrieb er am 22. April 1951.

Die Antwort von Frau D.: «Dein Brief hat mich sehr gefreut, weil Du endlich mal gesagt hast, wie sehr Du Dich nach mir sehnst.» Ihre Biografie hat alle Zutaten einer Lovestory: starke Gefühle, Trennung, Dramatik – und ein Happyend. Frau D. erzählt vom Häuschen, das sie mit ihrem Geliebten in Argentinien bezog, vor der Heirat kurze Zeit nach der Ankunft: «Die wollten uns ein Hotelzimmer geben. Doch ich wollte zu den Leuten, wollte etwas zu tun haben.» Sehr liebe (einheimische) Nachbarn habe sie gehabt, und schon bald hätten in ihrem Gärtchen die ersten Blumen geblüht.

Vier Kinder gingen aus der Beziehung hervor. Sie sei stolz auf sie, sagt Frau D. und freut sich bereits auf den Besuch von morgen: Jener Sohn, der in der Ostschweiz eine Anwaltskanzlei führt, wird kommen. Doch mit der Nichte, die das Buch geschrieben hat, hat sie noch eine Rechnung offen. Die Briefe seien richtig zitiert, aber sonst habe sie alles durcheinandergebracht. «Die cheibe Täsche, die», sagt Frau D. und lacht.

erschienen: 17.05.2016

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