Aus der Sicht einer Betroffenen (Teil 1)

«Ich sehe es, kann es aber nicht sagen»

Viele Betroffene sind schlicht unterfordert, weil sie nicht mehr ernst genommen werden.
Viele Betroffene sind schlicht unterfordert, weil sie nicht mehr ernst genommen werden. Bild Uli Reinhardt

Frau D. ist 85 Jahre alt und hat eine Demenz. Angehörige, Spitex, Mahlzeitendienst und Bekannte umsorgen sie, damit sie weiterhin in ihrer Wohnung im Rapperswiler Südquartier leben kann.

Von Martin Mühlegg

Frau D. schlägt die erste Seite eines Fotoalbums auf. Sie tippt mit dem Zeigfinger auf einen Buben, der zwischen Erwachsenen steht. «Ha, der Hösi!», sagt sie und lacht. «Hier haben sie gewohnt, in diesem Haus im Thurgau.» Auch auf der nächsten Seite sind viele Menschen zu sehen. Sie pflanzen Stangenbohnen, reisen mit dem Schiff, schieben Kinderwägen oder posieren einfach so vor der Kamera.

Die quadratischen Abzüge in Schwarz-Weiss sind klein, die Köpfe der Menschen haben die Dimension eines Zündholzkopfes. Frau D. erkennt trotzdem fast alle – kann aber viele Namen nicht nennen. Manchmal legt sie ihre Hand auf den Mund, als ob ein Anstauen der gesprochen Worte die Gedanken forcieren könnte. Der Name der Klosterfrau, die in einer Mission in Asien arbeitete, will ihr nicht einfallen. «Ich sehe es, kann es aber nicht sagen. Es ist manchmal einfach weg. Es kommt dann wieder, wenn ich mich anstrenge.» 

Doch die Worte, die dann kommen, sind manchmal die falschen. Der Bub, den sie auf dem Foto erkennt haben will, ist nicht Hösi, ihr ältester Sohn. Es ist ihr vor zwölf Jahren verstorbener Ehemann. Menschen mit Demenz bringen nicht nur Namen durcheinander, sondern auch die Generationen. Manche halten ihre Kinder für Ehepartner – oder fragen immer wieder nach der längst verstorbenen Mutter, die gleich zu Besuch kommen sollte.

Frau D. ist 85, sie wirkt zufrieden und gesund. Wenn Besuch kommt, legt sie das Kreuzworträtsel zur Seite und sagt, sie werde später weitermachen. Zwei Worte in der Senkrechten hat sie bereits aufgeschrieben: «Ironie» als Synonym für «feinen Spott» und «Ei» als «Produkt einer Henne». «Sie bekommt immer wieder Komplimente, weil es ihr in diesem Alter noch so gut geht», sagt ihr 48-jähriger Sohn. Manchmal sei das problematisch.

«Meine Mutter hat eine Methode entwickelt, wie sie ihre Defizite verbergen kann. Manche Leute verstehen deshalb nicht, dass sie den Haushalt nicht mehr führen kann.»

der Sohn

Vor fünf Jahren vergass Frau D. ihr Bancomat-Passwort. «Das komme halt vor im Alter, dachten wir», sagt ihr Sohn. «Ich übernahm die Bankgeschäfte, hob jeweils ein paar hundert Franken ab und drückte sie ihr in die Hand.» Das Geld sei aber nach wenigen Tagen weg gewesen. Er vermute, dass sie es grosszügig verteilt habe. «Ihren Enkeln wollte sie bei jedem Besuch Geld geben. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sie ihnen kurz vorher etwas gegeben hatte. Also gab ich ihr nur noch kleinere Beträge und in kleinen Noten.»  

Vor etwas mehr als zwei Jahren zeigten sich neue Defizite. Frau D. hatte ihre gute Laune verloren, wirkte traurig und schwach. Die vier Kinder – vor allem der Sohn und die Schwiegertochter, die im gleichen Quartier wohnen, kümmerten sich nun intensiver um die alte Dame. Bald erkannten sie: Frau D. ass viel zu wenig. Sie war nicht mehr in der Lage, ihre Medikamente in den richtigen Dosen zu nehmen oder die Wäsche zu machen.

Ihre Trauer schien daher zu kommen, dass sie ihre Defizite wahrnahm. In der ersten Phase der Krankheit leiden Menschen mit Demenz oft an Depressionen – weil sie wissen, was auf sie zukommt. In späteren Phasen gehen diese Sorgen meist vergessen. Eine in Deutschland durchgeführte Studie ergab, dass demente Altersheimbewohner zufriedener sind als nicht demente.

Der Herd bleibt kalt

«In jener Zeit ging es auch mir nicht gut», sagt der Sohn. «Ich machte mir Vorwürfe, weil ich zu spät erkannt hatte, dass es meiner Mutter so schlecht ging.» Frau D.s Kinder sorgten nun dafür, dass der Kühlschrank gefüllt war und die Medikamente in speziell beschrifteten Behältern vorbereitet wurden. Doch dies genügte nicht.

Obwohl Frau D. beteuerte, sie koche regelmässig und gerne, wurde der Herd in der schönen Mietwohnung nicht mehr benutzt.

Ein Abklärung beim Hausarzt ergab, dass Frau D. an einer Demenz leidet. Der Sohn nahm Kontakt auf mit RaJoVita. In dieser Stiftung sind Altersheime, Alterswohnungen und Spitex Rapperswil-Jonas zusammengefasst. Nach einer Beratung wurden Massnahmen vereinbart: Ein täglicher Besuch der Spitex (mittlerweile sind es zwei) und jeweils mittags Essenslieferung durch den Mahlzeitendienst des Bürgerspitals Rapperswil. Frau D.s vier Kinder machten einen Plan, wer an welchen Tagen die Mutter besuchte und sie im Alltag unterstützte. 

Daneben gibt es immer wieder Kleinigkeiten zu regeln. Der Sohn zeigt Türöffner und Gegensprechanlage beim Wohnungseingang: Die unwichtigen Knöpfe hat er mit Abdeckband überklebt, damit seine Mutter den richtigen findet, wenn Besuch kommt. Von innen wird die Wohnung nun über einen Drehknauf verschlossen, damit sich Frau D. nicht mit steckendem Schlüssel einschliesst.

Wenn sie den roten Knopf drückt, den sie an einem Armband trägt, erreicht sie sechs Telefonnummern. Wer zuerst antwortet, kann mit ihr über Lautsprecher und Mikro, die im Wohnzimmer stehen, Kontakt aufnehmen.

Frau D. blättert weiter im Fotoalbum. Wieder sieht sie viele Köpfe und lacht – dann aber legt sie ihr Gesicht in die Hände und scheint angestrengt nachzudenken. Sie atmet schwer und zittert. «Mutter, geht es dir nicht gut?», fragt der Sohn, steht auf und legt seinen Arm auf ihre Schulter. Das Zittern lässt nach, die Hände gleiten vom Gesicht. «Ich weiss nicht, was los ist. Das hatte ich noch nie!», sagt sie. «Hast du gegessen?», fragt der Sohn. Frau D. sagt «ja», und der Sohn entdeckt in der Küche die ungeöffnete Verpackung, die der Mahlzeitendienst vor zwei Stunden gebracht hat. Er richtet das Riz Casimir auf einem Teller an und legt es in die Mikrowelle. (Fortsetzung folgt)

erschienen: 13.05.2016

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