Was es braucht

Beziehung ist alles

Oberstes Gebot ist es, den Menschen mit ­Demenz als Menschen wahrzunehmen und nicht als Träger einer Diagnose.
Oberstes Gebot ist es, den Menschen mit ­Demenz als Menschen wahrzunehmen und nicht als Träger einer Diagnose. Bild Véronique Hoegger

Was will und braucht ein Mensch mit Demenz? Gedanken zu Empathie und Beziehung, zu mutmassen und sich hineinversetzen.

Von Michael Schmieder

Was will ein Mensch mit Demenz? Was braucht er? Was ist für ihn wichtig, welche Werte sollen gelten, wie kann Beziehung gelingen und wie lässt sich eine Haltung darstellen? Es stellen sich immer die gleichen Fragen. Ist dies ein Zeichen dafür, dass wir immer noch am Anfang stehen und keine Entwicklung stattgefunden hat?

Ich sehe das nicht so. Die Antworten auf diese Fragen sind heute differenzierter, fundierter und kommen weniger aus dem Bauch heraus. Aber auch mit all dem, was wir heute annehmen, stellen sich die gleichen Fragen. Mit diesen Fragen befasst sich auch der neue «Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz».

Dieser sperrige Titel und der dem Titel zugrunde liegende Ansatz soll in Deutschland jetzt dafür sorgen, dass Menschen mit Demenz und ihre Bedürfnisse besser wahrgenommen werden. Das kompliziert geschriebene Werk erschliesst sich mir nicht.

Aber es gibt Gelegenheit, wieder darüber nachzudenken, worum es in unserer Arbeit geht, welches die Schwerpunkte sind und wer das alles leisten soll, welche Bedingungen förderlich und welche hinderlich sind. Was sind die Grundlagen des pflegerisch-betreuerischen Tuns? Wann kann eine Mitarbeiterin stolz auf ihre Arbeit sein? Welche Werte sollen gelten, welche nicht?

Das bedingungslose «Ja»

Oberstes Gebot ist es, den Menschen mit ­Demenz als Menschen wahrzunehmen und nicht als Träger einer Diagnose. Dieses innere und bedingungslose «Ja», dieses Annehmen des Menschen mit seinen momentanen Bedürfnissen, die bedingungslose Begegnung auf Augenhöhe: Das sind die Fähigkeiten, auf die Menschen angewiesen sind.

Selbstverständlich gibt es einen Unterschied in der Emotionalität zwischen Betreuung durch Angehörige und beruflich Pflegenden – einen Unterschied in der Qualität gibt es aber nicht. Beziehung ist ehrlich oder gar nicht. Da Menschen mit Demenz in ihren kognitiven Fähigkeiten meist stark eingeschränkt sind, greifen sie unbewusst vermehrt auf ihre emotionalen Fähigkeiten zurück.

Menschen mit Demenz fühlen besser, sie spüren besser.

Frau Minder war eine Bewohnerin der Sonnweid, es war Anfang der 1990er-Jahre. Ich sass mit dem Rücken zur Tür im Büro und durchlebte damals eine schwierige persönliche Situation. Frau Minder kam herein, legte mir von hinten die Hände auf die Schultern und sagte: «Es wird doch alles wieder gut

Dieses Verstehen mit dem Herzen, diese emotionale Kraft, das ist der innere Kern. Darum geht es, wenn wir Menschen begegnen. Die Besonderheit einer dementiellen Erkrankung ist diese Kraft, diese unbedingte Ehrlichkeit in der Beziehung. Letztlich dadurch bedingt, birgt dies oft ein grosses Konfliktpotenzial, wenn sich Menschen nicht verstehen.

Beziehungsgestaltung berücksichtigt dies: nichts fordern, da sein, miteinander aushalten.

Ein tiefes emotionales Verständnis hilft bei der Begleitung – in einer Situation, die für Menschen mit Demenz sehr schwierig ist. Der Mensch (mit Demenz) versteht sehr oft nicht, warum etwas für ihn schwierig ist, warum etwas traurig macht, weil die Gründe dafür weit im Verborgenen liegen und ihm selbst nicht zugänglich sind. Aber das jetzt vorherrschende Gefühl ist sichtbar, spürbar, greifbar.

Dieser Moment im Jetzt

Hier begleiten, sich selbst anbieten als Mit-Aushaltender, als Partner, als Vertrauter: Darin besteht die hohe Kunst der Betreuung. Das ist nur erfahrbar im direkten Kontakt mit den Menschen. Man kann von den Menschen an der Basis lernen. Das kann als Kriterium gelten, was gute Pflege und Betreuung bedeutet.

Mit dem Anderen in Beziehung zu sein, erscheint als Königsweg. Miteinander vorwärts ­gehen, nicht zuerst fragen, was war, sondern sich dem Jetzt widmen und dem, was sein wird auf diesem gemeinsamen Weg, der Sekunden, Stunden, Tage, Monate oder Jahre dauern kann.

In einer verständnisvollen Umgebung kann ein Mensch Teil der Gemeinschaft sein.
In einer verständnisvollen Umgebung kann ein Mensch Teil der Gemeinschaft sein. Bild Véronique Hoegger

Es zählt einzig dieser Moment im Jetzt und die Übereinkunft, dass wir gemeinsam gehen, ohne Wenn und Aber. Dann entsteht Vertrauen, in einer Umgebung, in der dieses «Ja» sicht- und spürbar gelebt wird. In solch einer Umgebung kann ein Mensch reifen, kann sich als Teil der Gemeinschaft fühlen, die ihm Sicherheit vermittelt für sein eigenes Dasein. Ob dieser Mensch an einer Demenz erkrankt ist, ob er zu Hause oder in einer Institution lebt, spielt keine Rolle.

Das Gefühl, abgelehnt zu sein, tut überall weh, ob mit oder ohne Demenz.

In einer Umgebung, die geprägt ist von Misstrauen, erscheint es schon fast vermessen, von solch einem Vertrauen zu reden und eine bedingungslose Begegnung einzufordern. Menschen mit Demenz können so als Gegenentwurf einer auf Misstrauen und Controllings aufgebauten Welt gelten.

Sie vertreten das ­Leben ohne Sicherheitsnetz, sie sind die Mutigen unter uns, sie, die sich dauernd darauf einstellen müssen, nicht zu wissen, was als Nächstes kommt. Dass dies irgendwann nicht mehr bewusst geschieht, spielt eine untergeordnete Rolle, bis dahin ist es ein oft sehr langer Weg.

Die andere Sicht auf die Welt

Dass unsere Wertegemeinschaft sich diesem Phänomen annähert, indem sie aufzeigt, wie wichtig diese andere Sicht auf die Welt für uns alle ist, scheint zwingend geboten. Die gelebte Bedingungslosigkeit in der Beziehung, dieses «ja, wir halten gemeinsam aus», dieses Nicht-verstehen-Können, dieses Nicht-Suchen nach Lösungen, dieses innere Präsentsein, das sind Werte, die Menschen mit Demenz in ihrer Situation unterstützen können.

Wenn man das verstanden hat, kann etwas entstehen, was die Welt draussen nicht mehr bieten kann. Dann erhält der Mensch mit Demenz einen Wert, der ihn als spezielles Mitglied unserer Gesellschaft auszeichnet. Das wäre dann wohl ein guter Anfang.

erschienen: 18.10.2019

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