Lebensfreude

Wünsche sind zum Erfüllen da

Heinz Eigenmann – einst ein leidenschaftlicher Motorradfahrer – fuhr im Seitenwagen auf die Schwägalp.
Heinz Eigenmann – einst ein leidenschaftlicher Motorradfahrer – fuhr im Seitenwagen auf die Schwägalp. Bild Geheime Wünsche

Alte Menschen tun sich manchmal schwer mit dem Äussern ihrer Wünsche. Ein Team um den Sozialarbeiter Bernhard Brack erfüllt nun die verborgenen Wünsche von Altersheimbewohnern in der Ostschweiz.

Von Martin Mühlegg

Wünsche sind ein wichtiger Antreiber. Sie definieren ein Ziel und geben uns die Kraft, die es braucht, um dieses Ziel zu erreichen. Wenn wir unsere Wünsche erfüllen können, erleben wir uns als wirksam, nützlich und glücklich.

Ludwig Wittgenstein beschrieb den Wunsch als Äusserung einer Unbefriedigung.

Was liegt also näher, als sich seiner Wünsche bewusst zu sein und diesen nachzugehen? Im «Ernst des Lebens» stehen diesem einfachen und einleuchtenden Prinzip oft Hemmungen, Angst oder gesellschaftliche Konventionen im Weg.

Schon in unserer Kindheit ist den meisten von uns vermittelt worden: Das Leben ist kein Wunschkonzert! Du wirst nicht alles kriegen, was du willst – also gewöhne dir das Wünschen ab! Manche Menschen tragen ihre verborgenen Wünsche bis ins hohe Alter in sich. Oft gibt es dann erst recht keine Erfüllung mehr, weil diese Menschen gebrechlich sind, keine Begleiter finden oder weil ihnen das Geld fehlt.

In der Ostschweiz sorgen nun Wunscherfüllerinnen und Wunscherfüller dafür, dass die Wünsche von alten Menschen erfüllt werden. «Geheime Wünsche» ist ein Projekt des katholischen Sozialdienst Zentrums in der Stadt St. Gallen.

24 Heime in den Kantonen St. Gallen und Appenzell und 70 grösstenteils ehrenamtliche Mitarbeitende gehören mittlerweile zum Netzwerk.

Rainer Haller – er zeigte seine Werke in einer Ausstellung – mit seinen beiden Wunscherfüllerinnen.
Rainer Haller – er zeigte seine Werke in einer Ausstellung – mit seinen beiden Wunscherfüllerinnen. Bild Geheime Wünsche

Die Website www.geheimewuensche.ch und eine Facebook-Seite berichten regelmässig über die Wunscherfüllungen. So konnte zum Beispiel der gehbehinderte Hans Hüppi die Blumeninsel Mainau besuchen.

Urs Leutenegger konnte im Hafenrestaurant von Rorschach einen Saibling an Thymianschaum essen.

Die auf einem Bauernhof aufgewachsene Eva Forster unternahm einen Ausflug in den Walter-Zoo. Heinz Eigenmann fuhr als Passagier in einem Seitenwagen-Motorrad auf die Schwägalp. Rainer Haller konnte seine Gemälde in einer öffentlichen Ausstellung zeigen.

Bernhard Brack ist Leiter Sozialdienste der Katholischen Kirche im Lebensraum St. Gallen. Er hat das Projekt «Geheime Wünsche» initiiert. alzheimer.ch sprach mit ihm über jugendliche Träume und das Erkennen von Wünschen.

alzheimer.ch: Wie bis du ein Wunscherfüller geworden?

Bernhard Brack: Als Jugendlicher hatte ich einen Traum. Es gibt Denkmäler von berühmten Menschen, es gibt Bibliotheken und Museen, wo man die Werke von Schriftstellern und Künstlern bestaunen kann. Mein Traum war es, dass jeder Mensch einen Platz hat in der Unsterblichkeit.

Mir ist klargeworden, dass in Wünschen eine grosse Kraft liegt. So bin ich auf die Idee gekommen, Wünsche von alten Menschen zu erfüllen.

Wenn man Wünsche erfüllen will, braucht man Ressourcen, ein Netzwerk und Geld. Gab es eine Initialzündung?

Wir haben ganz klein angefangen. Meine Tochter hat die Wunscherfüllung eines krebskranken Jungen miterlebt. Sie erzählte beim Abendessen davon und fragte mich, wie es denn den alten Menschen gehe, die in Alters- und Pflegeheimen leben.

Sie fragte, ob diese Menschen auch Wünsche haben. Also haben wir zuerst einmal drei Wünsche von alten Menschen erfüllt. Dann kam die St. Galler Kantonalbank. Sie fand unsere Idee gut und unterstützte sie. Erst da fingen wir an, grösser zu denken.

Wie viele Wünsche hast du mittlerweile erfüllt?

Wir haben bisher 70 Wünsche erfüllt. Ich bin mittlerweile im zweiten Glied und bringe unsere Wunscherfüllerinnen und Wunscherfüller mit Heimen und alten Menschen zusammen.

Gab es besonders berührende Wunscherfüllungen?

Eine Frau hatte ihren Sohn verloren. Der Sohn liebte die Berge und wünschte, dass seine Asche über die Berge verstreut wurde. Der Tod des Sohnes hat die Frau über viele Jahre hinweg beschäftigt.

Sie äusserte den Wunsch, die Berge zu überfliegen, auf denen die Asche ihres Sohnes verstreut worden war. Wir organisierten einen Flug, dies half ihr beim Verarbeiten des Verlustes.

Der Wunscherfüller Bernhard Brack.
Der Wunscherfüller Bernhard Brack. Bild Geheime Wünsche

Menschen mit Demenz können sich oft nicht mehr verbal ausdrücken. Wie findest du ihre Wünsche heraus?

Das ist eine Aufgabe, die Kreativität erfordert. Der Wunscherfüller wird ja oft nicht wiedererkannt, wenn er das zweite oder dritte Mal kommt.

Es bedingt die Zusammenarbeit mit den Pflegenden, die zum Beispiel eine Liste von Wünschen führen, die der Betroffene geäussert hat – bis man auf einen Wunsch stösst, bei dem man merkt: Er zündet im Gesicht und in den Augen.

Dann entscheidet man sich und geht diesen Weg weiter bis zur Erfüllung des Wunsches. Eine Pflegerin beobachtete zum Beispiel, wie eine alte Frau manchmal bis in die Nacht hinein Fussball schaute.

Was habt ihr mit dieser Frau unternommen?

Eine Wunscherfüllerin begleitete sie nach St. Gallen ins Stadion. Die Wucht dieses Erlebnisses war enorm: Das grosse Stadion, die vielen Menschen, die Emotionen – es hat sie tief beeindruckt. Sie hat wochenlang davon gezehrt.

Hast du einen Wunsch, den du im Alter erfüllt haben möchtest?

Ich bin ein grosser Fussball-Fan. Ich möchte einmal bei einem wichtigen Spiel in der Pausenkabine dabei sein.

erschienen: 25.11.2018

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