Kunsttherapie

Die lindernde Wirkung des Malens

Schöpferisch zu sein fördert Glücksgefühle, öffnet Türen und ermöglicht Begegnungen – auch bei Menschen mit Demenz. Eine lindernde Wirkung entfaltet es aber nur, wenn der Rahmen und die Begleitung stimmen.

Von Martin Mühlegg

Musik und Klänge, Farben und Formen, Poesie und Sprache, Tanz und Bewegung, Performance und Gestaltung sind starke Ausdrucksmittel, die uns unmittelbar erreichen. Sie sorgen für Sternstunden in unserem Leben und machen intensive menschliche Begegnungen möglich. Dies gilt auch für Menschen mit Demenz. Doch die Art der Angebote soll abgestimmt sein auf die Erkrankung und die damit verbundenen kognitiven Einschränkungen. Weiter gilt es, die Charaktere, Wesen und Vorlieben der Betroffenen zur berücksichtigen.

Für Renate Sulser, die seit 19 Jahren das Ausdrucksmalen der Sonnweid entwickelt hat und betreut, geht es zuerst einmal darum, einen geschützten Rahmen zu schaffen: «Menschen mit Demenz brauchen Sicherheit. Wir unterstützen dies mit einer persönlichen Begrüssung, mit dem Servieren von Getränken und Qigong-Ritualen, die wir im Kreis praktizieren.» Nach dieser Einstimmung falle es ihnen leichter, sich auf das Malen einzulassen.

«Was ich hier mache, hat viel mit Validation und Wahrnehmung zu tun.»

Renate Sulser

Eine lindernde Wirkung entfaltet das sinnes- und körperorientierte Ausdrucksmalen alleine schon wegen dieser Einstimmung, dem geschütztem Rahmen und dem Gefühl von Gemeinsamkeit. Das Malen selbst gestaltet sich sehr individuell. Manche Bewohner brauchen mehr Begleitung und Unterstützung als andere. Renate Sulser begegnet diesen unterschiedlichen Bedürfnissen mit Aufmerksamkeit und Sensibilität: «Was ich hier mache, hat viel mit Validation und Wahrnehmung zu tun.»

Zitat: «Eine Frau malt den Bauernhof, auf dem sie aufgewachsen ist. Sie dreht sich zu mir um und sagt: ‹Es fehlt ...›. Ich frage: ‹Wo?›. Diese Frage macht eine Tür auf. Wenn ich sie fragen würde, was fehle oder warum etwas fehle, würde ich das Gegenteil bewirken. Sie zeigt auf die Stelle, wo ein Dach sein müsste. Ich frage: ‹Was für ein Dach ist es?› ‹ Eines mit Ziegeln.› ‹Ich habe ein Siena-Rot, in dieser Farbe werden Ziegel gebrannt.› Ich bringe ihr die Farbe, und sage: ‹Hier ist die Ziegelfarbe.› Auf diese Weise halte ich ihren Faden und erinnere sie ans Dach.» 

Ohne Begleitung würden Menschen mit Demenz diesen Faden immer wieder verlieren. Sie würden ihre Werkplätze verlassen und nicht mehr wissen, weshalb sie in diesem Raum sind. Manche würden mit trockenen Pinseln malen oder den Bezug zum Geschehen verlieren. Wie bei Gesunden, die über keine künstlerische und gestalterische Erfahrung verfügen, muss oft auch die Hürde des «Nicht-Könnens» überwunden werden. Dies gelingt jedoch nicht immer. «Kürzlich sagte mir eine Bewohnerin, die zum ersten Mal zu mir gekommen war, sie sei nicht vorbereitet», sagt Renate Sulser. «Sie bat darum, gehen zu dürfen, und ich erfüllte ihr diesen Wunsch.»

«Ein Mann, der früher als Gestalter gearbeitet hat, malt einen Baumstamm und ein paar Äste. Dann schimpft er: ‹Blöder Pinsel! Borsten!› Ich gebe ihm einen feinen Marderhaarpinsel. Das bringt ihn weg vom Gedanken, dass er nicht mehr so wie früher malen kann. Er malt weitere Äste. Dann hört er wieder auf und sagt: ‹Hier ist noch etwas.› Er zeigt auf ein Astloch, und ich frage: ‹Was ist mit diesem Astloch?› Er sagt: ‹Dort brütet eine. Aber ich kann es nicht.› Ich frage: ‹Ist es wichtig?› Er bejaht, und ich sage: ‹Dann sollte es wohl gemalt werden.› Jetzt übernehme ich die Führung und bleibe bei ihm, gebe ihm die gewählten Farben, so dass er den Vogel malen kann.» 

Die beiden beschriebenen Bewohner hatten eine Demenz im mittleren Stadium und waren noch in der Lage, sich verbal auszudrücken. Anders verläuft die Begleitung bei Menschen mit schwerer Demenz. Bei ihnen verändert sich auch die Bildsprache: Sie malen in der Regel nicht mehr figurativ, sondern drücken sich in archetypischen Formen wie Kreisen, Spiralen, Tupfen etc. aus. Die meisten von ihnen haben die «gnädige Schwelle» überschritten: Sie sind sich ihrer Defizite weniger bewusst und wissen nicht mehr, wie sie früher gemalt haben.

«Die Bilder entstehen in kostbaren Momenten, die es zu bewahren gilt. Sie sind wie intime Tagebücher.»

Renate Sulser

Hier geht es mehr um Begegnungen, das Teilen von Gefühlen und das Bereitstellen der Malutensilien. Einen geschützten Rahmen bietet Renate Sulser den Bewohnern auch, wenn sie nach einer Stunde das Atelier verlassen haben. Aus Persönlichkeitsschutz zeigt sie die entstandenen Bilder zwar interessierten Angehörigen, aber nicht der Öffentlichkeit. «Die Bilder entstehen in kostbaren Momenten, die es zu bewahren gilt. Sie sind wie intime Tagebücher.» Eine Ausnahme macht die Maltherapeutin und Künstlerin mit zwei Werkserien, die seit März 2016 auf der Website www.ungekuenstelt.ch zu sehen sind. 

 

 

Renate Sulser vermittelt ihr Wissen in den Kursen von Sonnweid der Campus und in ihrem Buch  «Ausdrucksmalen für Menschen mit Demenz» (2010, Verlag Hans Huber).   

erschienen: 12.04.2016

Kommentare