KIDZELN

Wenn Opa in Hausschuhen spazieren geht...

Begegnungen der Generationen ergeben sich immer weniger im familiären Umfeld.
Begegnungen der Generationen ergeben sich immer weniger im familiären Umfeld. Bild Michael Hagedorn

Die Verantwortung für frühkindliche Bildung und Betreuung ist heute weniger in der Familie und mehr bei den Pädagog:innen in Kitas und Kindergärten. Dank der KIDZELN-Ausbildung können diese Pädagog:innen Kinder besser für das Thema Demenz sensibilisieren.


Von Nadja Sattmann, Kardinal König Haus Wien

Kindheit findet heute nicht mehr vorwiegend im Kinderzimmer, in der Küche oder auf der Wiese vor dem Haus statt, sondern überwiegend in institutionellen Einrichtungen. Während vor 20 Jahren mehrheitlich der Familienverband (Mütter und Grossmütter) für die Betreuung von Kindern aufkam, liegt die Verantwortung für frühkindliche Bildung und Betreuung den Zahlen zufolge heute also vermehrt bei bezahlten Professionellen: den Elementarpädagog:innen.

Diese Tendenz zur Institutionalisierung der Kindheit führt dazu, dass die ausserfamiliäre Betreuung eine neue Dimension einnimmt. So wird die Mehrheit aller Kinder in naher Zukunft vier bis fünf Jahre in einer (vorschulischen) Kindertageseinrichtung verbringen, wodurch eine Veränderung der Rahmenbedingungen des Aufwachsens von Kindern einhergeht. Als institutioneller Kindheitsraum stellt der Kindergarten einen Lebens- und Erfahrungsraum dar, an dem kulturelle Praktiken erprobt werden und soziales Lernen geschieht.

Vermittlung von sozialen Fähigkeiten im Kindergarten

Begegnungen zwischen Generationen ergeben sich also nicht mehr so häufig als Teil des kindlichen Alltags durch das familiäre Umfeld. Der Kindergarten ist der Ort, an dem kulturelle und soziale Fähigkeiten vermittelt werden. Deshalb ist es naheliegend, dort intergenerative Projekte zu initiieren – und damit Begegnungen zwischen Kindern und etwa Menschen mit Demenz zu ermöglichen.

Wir wissen, dass die Zahl der Menschen mit Demenz als Folge der demografischen Entwicklung kontinuierlich ansteigt. Immer mehr von uns sind im direkten Umfeld als An- oder Zugehörige betroffen. Eine empathische Haltung gegenüber Menschen mit Demenz zu entwickeln ist die Voraussetzung für ihre gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion.

Gerade Kinder werden aber oft ausgeschlossen – man will ihnen den Kontakt mit sehr alten, eingeschränkten Menschen nicht «zumuten». Mit diesen Gedanken im Hinterkopf habe ich mich dafür eingesetzt, die Fortbildung «KIDZELN: Kindern Demenz erklären» in unserem Wiener Bildungszentrum erstmals in Österreich anzubieten und auch gleich selbst teilzunehmen.


So helfen Erwachsene den Kindern beim Umgang mit Menschen mit Demenz

  • Kinder in das Thema Demenz einbeziehen: Kinder finden sich mit Veränderungen viel besser zurecht, wenn sie adäquat unterstützt und informiert werden.
  • Kinderbücher zum Thema gemeinsam lesen: Nimmt Angst und dient als Gesprächsanregung  (zB „Der Fuchs, der den Verstand verlor“)
  • Kontakt bewahren: Grosseltern sind meist wichtige Bezugspersonen. Ein eingeschränkter Kontakt zu ihnen bedeutet für Kinder einen grossen Verlust.
  • Ehrliche Antworten geben: Antworten Sie auf Fragen des Kindes zwar kindgerecht, aber nicht beschönigend. Die meisten Demenzerkrankungen sind nicht heilbar. Seien Sie ehrlich zu Ihrem Kind, das bewahrt sie vor Enttäuschungen.
  • Neue Perspektive einnehmen: Menschen mit Demenz sind zwar vergesslich und kognitiv eingeschränkt, bleiben aber im Herzen die Menschen, die sie immer waren.
  • Achten Sie auf eine wertfreie Kommunikation (Vorbildfunktion): Ihr Kind wird schnell merken, wie ein guter Umgang mit demenzbetroffenen Grosseltern gelingt. Mit Ihrem Vorbild fällt es leichter (zB keine korrigierende sondern annehmende Kommunikation).

Ausgangspunkt für die Entwicklung eines eigenen Ausbildungskonzepts war für Andrea Brinker und Sonja Steinbock die Beobachtung gelungener und nachhaltig prägender Begegnungen zwischen Menschen mit Demenz und Kindern. Um solche Begegnungen nicht dem Zufall zu überlassen, brauche es Institutionen, die Hand in Hand arbeiten. Und es brauche ein Konzept, mit dem die Akteur:innen die ihnen anvertrauten Personengruppen (Kinder und Menschen mit Demenz im Pflegeheim) vorbereiten und einen sicheren Rahmen schaffen können.

Zehn Spielmodule

KIDZELN ist für die Anwendung in Gruppen und bei Treffen gedacht, in denen Kinder zwischen 3 und 6 Jahren zusammenkommen, und richtet in den 10 Spielmodulen den Blick auf einen respektvollen Umgang im Allgemeinen und mit Menschen mit Demenz im Speziellen. Die Ausbildung richtet sich an Pädagog:innen, Pflegende, Betreuende und interessierte Angehörige. So ist die Vernetzung von Professionellen beider Seiten ins Kursdesign integriert.

Die Schulungsreihe begleitet Teilnehmende dabei, ein individuelles Begegnungsprojekt zu entwerfen und umzusetzen. Im Zuge der viertägigen Ausbildung (32 UE) wird Basiswissen zum Thema Demenz vermittelt. Der Austausch zwischen den Berufsgruppen (Pädagog:innen und Pflegepersonen) wird initiiert und eine Sammlung praxisnaher Methoden (Lieder, Geschichten, Bildmaterial) für geplante Begegnungen in die Hand gegeben.

Einige Praxisideen werden in der Kursgruppe ausprobiert. So wird eine vielfach vergrösserte Nervenzelle aus Stoff und Filz durch den Stuhlkreis gereicht, zusammen mit der Anregung, Kindern daran den Aufbau des Gehirns und seine Funktionen zu erklären. Wir Kursteilnehmer:innen nehmen die Zelle neugierig in die Hände, «begreifen» und untersuchen sie eingehend.

Singen, trommeln und schmökern

Wir pusten gemeinsam Seifenblasen im Seminarraum umher und stellen uns vor, dass sich Gedanken bei einer Person mit Demenz wie Seifenblasen verhalten. Wir erfinden spontan «schnelle Geschichten» und erfahren dabei selbst, wie sich Vergessen anfühlt, wir nehmen ein Lavendel-Rosmarin Handbad, bei dem wir sich unsere Hände unaufgeregt berühren, wir singen und trommeln lautstark und schmökern begeistert in Kinderbüchern zu den Themen Vergessen und Altwerden.

Impression aus dem KIDZELN-Kurs.
Impression aus dem KIDZELN-Kurs. Bild Nadja Sattmann

Wir werfen uns ein Wollknäuel so lange zu, bis sich ein richtiges Netz gespannt hat, um die Informationsweitergabe im Gehirn zu verbildlichen. Fazit: Das ist Lernen mit Begeisterung und am eigenen Leib, sehr eindrücklich! 


Tipps für Kinder

  • Macht Dinge gemeinsam, die euch allen Freude bereiten
  • Wenn die andere Person deinen Namen nicht weiss, sag ihn ihr. Wenn sie wichtige Dinge vergisst, kannst du zeigen, wo sie sind.
  • Wenn du oft das Gleiche gefragt wirst, bleib freundlich und liebevoll
  • Achte auf Gefühle. Ist die Person traurig, versuche sie zu trösten
  • Manchmal braucht man auch eine Pause. Das heisst nicht, dass man sich weniger mag.

Mit den Erfahrungen aus dem Kurs und vielen neuen Erkenntnissen im Gepäck können wir später Kleingruppen (zirka 8 Kinder) auf bevorstehende Begegnungen mit Menschen mit Demenz, sei es in einer Einrichtung oder im privaten Umfeld, vorbereiten.

Was nehmen wir mit? Mein Eindruck ist, dass die Multiplikatorenausbildung nicht so sehr konkrete Rezepte und fertig konstruierte Ablaufpläne für die Kooperation mit einer anderen Einrichtung bietet. Sie stärkt aber eine offene, ressourcenorientierte Haltung und die Motivation, das scheinbar so schwere Thema mit Kindern anzugehen.

→ Hier geht's zur Website «Alzheimer & You» der Deutschen Alzheimer Gesellschaft

→ Auf der Website demenzfreundlich.at gibt's wertvolle Informationen für Eltern und Kinder

Durch den Austausch und die gemeinsame Beschäftigung mit den verschiedenen Aspekten des Phänomens «Demenz» entwickelt mit der Zeit jede Teilnehmerin für sich eine Vorstellung davon, wie sich ein Begegnungsprojekt im eigenen Tätigkeitsfeld umsetzen lassen könnte. Sie erkennt, welche Hindernisse überwunden werden müssen und wo Chancen und Lernfelder stecken könnten.

Wir lernen, den Fokus nicht auf die Erkrankung und die Probleme zu richten, sondern auf die Menschen und das gemeinsame Erleben. So kann es gelingen, dass Kinder durch Begegnungen mit demenzbetroffenen Menschen Erfahrungen machen, die sie stärken und ermutigen und letztlich dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft zu einer Gesellschaft für alle heranwächst und nicht (kognitiv) schwächere Personen ausgrenzt.

Mit positiven Begegnungen im Herzen sind unsere Kinder dann in der Lage, offen auf alte Menschen zuzugehen und dem Vergessen ihrer Grosseltern oder anderer Angehörigen gelassen, mit Humor und ohne Angst gegenüberzutreten, ganz nach dem Motto:

«Wenn Opa in Hausschuhen zum Bus spaziert, dann marschier ich in Gummistiefeln bei Sonnenschein Schritt für Schritt an seiner Seite mit.»

erschienen: 08.11.2021