Pandemie und Psyche

«Die Menschen haben Angst und kommen in die Magie»

Für den einen ist das Corona-Virus sehr gefährlich, für den anderen löst es nur eine harmlose Grippe aus.
Für den einen ist das Corona-Virus sehr gefährlich, für den anderen löst es nur eine harmlose Grippe aus. Bild Shutterstock

Die Pandemie stellt unsere Gesellschaft und viele Beziehungen auf die Probe. alzheimer.ch sprach mit dem Schriftsteller und Psychoanalytiker Jürg Acklin über Ängste, Verschwörungen und Gräben.

Von Martin Mühlegg

alzheimer.ch: Wie haben Sie die letzten 18 Monate erlebt, beziehungsweise überstanden?

Jürg Acklin: Ich hatte keine Probleme. Ich las noch mehr als vorher – auf der Terrasse meines Hauses, was ich auch sonst mache. Aber am Anfang war ich verunsichert. Von dem Moment an, als meine Frau und ich uns impfen lassen konnten, trat eine grosse Beruhigung ein.

Wie hielten Sie sich sonst noch bei Laune?

Ich habe einen sehr lebendigen 17-jährigen Sohn, wir hatten viele Diskussionen. Meiner 2-jährigen Enkelin las ich über FaceTime Geschichten vor. Es war wunderbar, dass ich mit ihr auf diese Weise in Kontakt bleiben konnte. Ich traf auch Freunde – auf Distanz auf meiner Terrasse.

Welche Bücher haben Sie gelesen?

Ich bin fast süchtig geworden nach den Maigret-Romanen von Georges Simenon. Ich las auch den Philosophen Michel de Montaigne – seine unglaublich modernen Essays, in denen er die wesentlichen Fragen zeitlos und ohne Ideologie beantwortete.

Ich fand es sehr schön, immer wieder etwas aus meiner Bibliothek zu holen, die Musse zu haben, in aller Ruhe zu schauen. Und mich zu fragen: Sagt es mir noch etwas? Die Pandemie wirft uns zurück auf das Existenzielle, die Attitüde geht zurück.

Ich liess den ganzen Bildungsdünkel hinter mir.

Sie sagten, dass Sie die Berührungen nicht so sehr vermissten, weil Sie die Nähe zu anderen Menschen auch ohne sie spüren würden...

Meine Tochter sagte: «Du umarmst mich auch sonst nicht so wahnsinnig». Bei mir ist der emotionale Austausch auch durch die Maske möglich. Ich hatte mit meinem einjährigen Enkel sehr emotionale Kontakte über die Augen. Ich war erstaunt, was möglich ist.

Der Psychoanalytiker, Schriftsteller und Sozialwissenschaftler Jürg Acklin (76) lebt in Küsnacht und arbeitet in Zürich. In seinem Roman «Der Vater» (1998) trägt der Sohn seinen Vater auf dem Rücken auf einen Hügel. Im Kopf des Sohnes spult sich ein Film ab, der ihn zurückbringt in die Kindheit.

Gaben Sie während des Lockdowns Telefonberatungen?

Ja, weil ich die Praxis schliessen musste. Ich konnte sie dann wieder öffnen, das war wichtig in dieser Zeit. Ich wollte den Menschen wieder gegenüber sitzen. Auch sonst sprach ich mit vielen Leuten.

Wo drückte der Schuh?

In meiner eigenen Praxis war ich sehr überrascht, wie gut und gelassen es die Menschen meisterten. Sie setzten sich vernünftig damit auseinander und konnten über ihre Ängste reden, ohne dass die Angst überhand bekommen hätte.

Jürg Acklin.
Jürg Acklin. Bild pd

Sie sind ein resilienter Mensch und haben das Grundvertrauen. Viele Menschen haben das nur in beschränkter Form oder gar nicht. Wie kann man Resilienz und Vertrauen aufbauen?

Ich hatte Menschen in langjährigen Therapien, die es sich im geduldigen Dialog erarbeiten konnten. Dabei sind Sie sind mit sich selber in ein anderes Zwiegespräch gekommen. Sie kamen am Schluss zu einer versöhnlichen Erinnerungsgeschichte, und das gab ihnen einen besseren Boden. Sie konnten die Schmerzen nicht einfach wegblasen, sondern setzten sich mit ihnen auseinander und ordneten sie neu.

Stabilität, Sicherheit und Planbarkeit gingen verloren. Viele Menschen litten oder leiden noch heute unter emotionalen Verstimmungen. Was macht diese Pandemie mit uns?

Man konnte lesen, dass mehr Menschen mit Depressionen zu kämpfen hatten. Aber man darf nicht vergessen: Das ist die Rezeption der Medien. Sie sollen auf der einen Seite informieren, auf der anderen Seite brauchen sie Klicks.

Den Klick bekommen sie eher, wenn sie schreiben, es gehe den Leuten nicht gut. Das hat sich verselbstständigt. Auch mich haben die schlechten Nachrichten verunsichert. Wir haben viele Möglichkeiten, damit fertig zu werden. Wir können archaische Abwehrmechanismen hervorholen wie zum Beispiel magisches Denken.

Dieses Denken führt zu Gräben. Sie gehen quer durch die Gesellschaft, auch durch Freundschaften und Familien. Es geht um Verschwörungen, Verharmlosung und Impfskepsis. Was ist passiert?

Das ist eigenartig. Wenn wir nach Amerika schauen, haben wir den Eindruck, wir fallen zurück in die Zeit vor der Aufklärung. Man löste sich damals von selbstgewählter Unmündigkeit und Verschwörungstheorien. Ich biete das Gespräch immer an und bin offen. Aber wenn es völlig irrational wird, schalte ich um auf den inneren Therapeuten.

Ich bin erstaunt, mit welcher Sturheit die Menschen solche Theorien vertreten.

Diese Leute haben irrsinnige Ängste, sie können keinen vernünftigen Umgang damit finden und kommen in die Magie. Sie suchen sich einen Gegner und beruhigen sich damit: Wenn Bill Gates nicht da wäre, dann gäbe es keine Pandemie. Es ist eine unsinnige Art, die Angst zu reduzieren. Es ist, wie wenn man den Kopf in den Sand steckt und denkt, es passiere dann nichts mehr.

Sie sagten in einem anderen Zusammenhang: «Wir ertragen unsere eigene Widersprüchlichkeit nicht mehr.» Auch in der Pandemie zeigt sich, dass Menschen widersprüchliche Wesen sind.

Ich sehe mich selber als sehr widersprüchliches Wesen. Ich finde es nicht toll, eine Maske tragen zu müssen. Gleichzeitig sagt die Vernunft: Es ist nötig! Man muss sich seiner eigenen Widersprüchlichkeit bewusst sein. Wenn ich Auto fahre, regen mich die Velofahrer auf. Wenn ich Velo fahre, regen mich die Autofahrer auf. Ich muss das Bewusstsein für beide haben. So kann man mit sich und anders denkenden Menschen ins Gespräch kommen.

Also geht es um Empathie und Austausch.

Ja, es geht darum, mit den anderen ins Gespräch zu kommen. Auch beim Rassismus habe ich diese Erfahrung gemacht. Vieles davon ist Kraftmeierei und dummes Geschwätz. Wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt und ihnen sagt, wie es für die anderen ist, dann haben viele Verständnis.

Es gibt aber die Hartgesottenen, die ideologisch völlig verhärtet sind. Die haben etwas Böses und Zerstörerisches, es ist schwierig bis unmöglich, mit ihnen in den Dialog zu kommen. Dort müsste man die Abspaltung auflösen, und das wäre dann eine therapeutische Aufgabe.

Wir können ja diese verhärteten Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugnern nicht in die Psychotherapie schicken. Wie können wir uns mit ihnen versöhnen? Dies fragen sich viele Angehörige und Freunde solcher Menschen.

Mit der Vernunft allein kommt man nicht weit, weil diese Menschen massive Ängste haben. Deshalb muss man sich überlegen, wo man selber irrationale Angst hat. Ich habe Angst vor dem Fliegen. Das ist völlig irrational: Wenn ich mit dem Auto zum Flughafen fahre, ist die Gefahr viel grösser als im Flugzeug.

Wenn mir das einer sagt, nützt es mir nicht viel. Wenn mir aber einer signalisiert, dass er meine Angst versteht, hat er eine Chance, mir zu begegnen. Man hat dann noch immer sehr verschiedene Ansichten, ist aber nicht mehr verfeindet.

Vor meiner Haustür in der Altstadt von Rapperswil gab es eine grosse Demonstration der Corona-Verharmloser. Ich denke, dass ich mit einigen dieser Demonstranten gute Gespräche führen könnte. Aber im Angesicht dieser Masse mit ihren dummen Parolen empfand ich Abscheu. Der Schriftsteller Arno Schmidt schrieb einmal: «Zehn Deutsche sind dümmer als fünf.»

Auch zehn Schweizer sind dümmer als fünf. Mein Vater hat mich gelehrt: «Wenn mehr als drei zusammenstehen, riecht es nach Schweiss.» Vielleicht bin ich auch deshalb nie an eine Demo gegangen, obwohl ich ziemlich links stand.

Ich empfand eine Masse immer sehr negativ, wenn sie skandierte – egal ob sie links oder rechts war. In der Masse kann das Unbewusste heraufkommen, und zur Gewalt ist es nicht mehr weit. Elias Canetti und Sigmund Freud haben sich interessante Gedanken darüber gemacht. Es werden die Ich-Funktionen und die Empathie ausgeschaltet, und ohne dass man es will, folgt man einem Führer.

Die Masse braucht einen Führer, und der macht Druck, indem er den Leuten Angst macht.  

Es gibt Altersheime, also Hochrisikobereiche, in denen sich nur ein Bruchteil des Personals hat impfen lassen – obwohl die Mitarbeitenden viele Menschen haben leiden und sterben sehen. Warum ist das so?

Freud sagte: «Der Mensch ist nicht Herr in seinem eigenen Haus.» Wir werden immer wieder überrannt von unseren Ängsten, von unseren Wünschen, von archaischen Gefühlen. Auf der rationalen Ebene erscheint es unsinnig, sich nicht impfen zu lassen. Aber sie können mit ihren magischen Geschichten wohl besser leben als mit der Gewissheit, dass sie von einem gefährlichen Virus bedroht werden.

Sollte man den Impfgegnern nicht etwas mehr Verständnis entgegenbringen? Vor einem guten Jahr veröffentlichten wir einen Artikel, in dem verschiedene anerkannte Wissenschaftler davor warnten, innert Monaten einen Impfstoff auf den Markt zu bringen. Sie sagten, alles unter vier Jahren Entwicklungs- und Testdauer sei unseriös.

Es ist legitim, das zu diskutieren, aber irgendwann muss man eine menschliche Kosten-Nutzen-Abwägung machen. Ich bin zwar kein Naturwissenschaftler, aber ich sehe die gewaltigen Fortschritte. Wenn man zum Beispiel anschaut, was beim Krebs passiert ist: Viele Formen waren vor ein paar Jahren noch absolut tödlich, und heute gibt es wirksame Therapien. Wenn Leute missionarisch auf den Fortschritt losgehen, setzt sich nicht die Vernunft, sondern der Wahn durch.

Wenn sich der Wahn durchsetzt, ist es nicht mehr lustig.

Was wird passieren, wenn die Pandemie und die Einschränkungen noch lange bleiben?

Ich bin kein Prophet. Aber man kann Hochrechnungen machen. Auf der einen Seite werden wir uns über die Einschränkungen aufregen, auf der anderen Seite fangen wir an, uns daran zu gewöhnen.

Kleinkindern wird vermittelt, auf Abstand zu gehen und den Mitmenschen als Ansteckungsgefahr wahrzunehmen. Jugendliche und junge Erwachsene müssen die beste Zeit ihres Lebens in den eigenen vier Wänden verbringen. Hinterlässt das bleibende Schäden?

Das glaube ich nicht. Meine Enkelin fand es lustig, wenn der Grossvater eine Maske anziehen musste. Mein 17-jähriger Sohn fand es gar nicht gut, dass er gewissen Sachen nicht mehr machen durfte – aber er entwickelte eine hohe Solidarität.

Wenn wir als Erwachsene die Einschränkungen nicht problematisieren, wird es den Kindern nicht schaden.

Aus den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs weiss man: Wenn die Eltern nicht austickten, wurden die Kinder nicht geschädigt – auch wenn es ganz schlimm war. Der Einfluss von uns Eltern ist sehr wichtig, wir dürfen die jungen Menschen nicht in eine Hysterie führen.

Auch während der Pest kursierten Verschwörungstheorien und bröckelte die Solidarität. Danach brauchte die Gesellschaft Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, um die Sozialstandards wieder auf das Niveau von vorher zu bringen. Drohen uns grössere gesellschaftliche Verwerfungen?

Die Pest war vor der Aufklärung, und es sind damals viel mehr Menschen gestorben. Deshalb sollte man das nicht zu sehr vergleichen. Mein Optimismus gehört zu meiner inneren Ausstattung, auch im Interesse meiner Kinder und Enkel. Am Anfang der Corona-Pandemie hiess es: «Für die Wirtschaft wird es grauenhaft.»

Dies stimmt, abgesehen von wenigen Branchen, nicht. Es hiess: «Es wird schlimme Depressionen gehen.» Dies traf auch nicht zu. Der Mensch ist ein Wesen, das sich unglaublich anpassen kann. Das ist einerseits etwas Gutes, weil es hilft, schwierige Zeiten zu überstehen. Andererseits erschwert es uns, wirklich etwas dazuzulernen.

erschienen: 10.09.2021