Heime in der Pandemie

Weniger einnehmen und mehr ausgeben

Traurige und «eingesperrte» Bewohnerin: Bilder wie dieses haben dem Image der Heime geschadet – obwohl sie nicht wirklich der Realität entsprechen.
Traurige und «eingesperrte» Bewohnerin: Bilder wie dieses haben dem Image der Heime geschadet – obwohl sie nicht wirklich der Realität entsprechen. Bild Adobe Stock

Hohes Ansteckungsrisiko, starke Besuchseinschränkungen und viele Todesfälle schaden dem Geschäftsgang und Image der Altersheime. Vor allem in Deutschland sind viele Pflegebetten leer, ohne Rettungschirm hätten etliche Heime schliessen müssen.

Von Martin Mühlegg

Die Pandemie traf alte und gebrechliche Menschen am härtesten. Allein in Deutschland starben 77'308 Menschen, die über 70 Jahre alt sind, an den Folgen von Covid-19. Fast die Hälfte aller knapp 90'000 Toten verstarb im Umfeld von Altersheimen – darunter waren auch Pflegende und Betreuende.

In der Schweiz waren etwas mehr als die Hälfte der 10'861 Todesopfer Bewohner von Altersheimen. In Österreich waren es laut einer Mitteilung des Gesundheitsministeriums 43 Prozent von insgesamt 10'662 Opfern.

Insgesamt sind in den Altersheimen der drei Länder wegen Todesfällen durch Covid-19 55'000 Betten frei geworden.

Gemessen am Gesamtbestand von knapp einer Million Betten ergäbe dies einen Leerbestand von 5,5 Prozent. Eine Umfrage von alzheimer.ch unter den Branchenverbänden Deutschlands, Österreichs und der Schweiz ergibt jedoch ein anderes Bild: Vor allem in Deutschland gibt es viel mehr freie Heimbetten.

«Unseres Wissens erreicht aktuell kein Heim eine Auslastung von 95 Prozent», sagt Thomas Barz vom Branchenverband bad e. V. «Eher liegen die Zahlen bei 75 bis 80 Prozent.» Leicht besser sieht es in Österreich aus. Markus Mattersberger, Präsident des Branchenverbandes Lebenswelt Heim: «Es ist sehr unterschiedlich – vereinzelt gibt es Leerbestände von bis zu 20 Prozent, andere haben keine Leerstände.»

Der ORF berichtete, in den Heimen der Steiermark seien zwischen November 2020 und März 2021 zehn Prozent weniger Betten besetzt gewesen als im Vorjahr. In der Schweiz gibt es keine genaue Zahlen. Die im letzten Winter vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Auftrag gegebene INFRAS-Studie ergab: In 60 Prozent der Alters- und Pflegeheime haben Neueintritte und Bettenbelegung abgenommen. Das Ausmass dieser Abnahme ist nicht bekannt.

Der Branchenverband Curaviva will mit einer Umfrage, die demnächst veröffentlicht wird, Klarheit schaffen.

Was den Geschäftsgang viel negativer beeinflusst als die Todesfälle: Das Image der Altersheime hat gelitten. Dazu beigetragen haben das hohe Ansteckungsrisiko und die Besuchs- und Ausgangsbeschränkungen. Viele Pflegebedürftige und Angehörige suchten und suchen nun noch intensiver nach Alternativen wie Spitex, private Pflegende und Pflege durch Familienmitglieder. 

Alte und traurige Menschen, eingesperrt im Einzelzimmer, und draussen verzweifelte Angehörige: Dieses Bild vermittelten die Medien während der ersten und zweiten Welle der Pandemie. Auch auf den Social Media-Kanälen von alzheimer.ch wurde es mitunter emotional: Verallgemeinernd wurden die Heime als Gefängnisse bezeichnet, verantwortliche Mitarbeitende und Politiker wurden verunglimpft.

Dieses Bild entspricht nicht der Realität. «Die überwiegende Mehrheit der Angehörigen von Bewohnenden gibt an, Verständnis für die Massnahmen zu haben», sagt Markus Leser vom Schweizer Branchenverband Curaviva. «Gemäss der INFRAS-Studie sind 85 Prozent der Angehörigen eher oder sehr zufrieden, wie die Institution mit der Pandemie umgegangen ist.»

Curaviva Schweiz setze in seiner Öffentlichkeitsarbeit den Schwerpunkt auf Sensibilisierung, sagt Leser. «Wir wollen der Bevölkerung einen differenzierten Einblick gewährleisten in die Situation der Alters- und Pflegeinstitutionen.» Dazu brauche es eine proaktive Medienarbeit und aktuell eine Kampagne. «Da sich der Entscheid für einen Heimeintritt regional abspielt, ist es wichtig, dass die Institutionen vertrauensbildende Massnahmen mit regionalem Blickpunkt umsetzen.»

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Oliver Gahl vom deutschen Branchenverband bad e. V. sagt, dass die Medienberichterstattung mit Begriffen wie «eingesperrt» sei wenig hilfreich gewesen fürs Image: «Alles steht und fällt mit der Kommunikation mit den Bewohnern und ihren Angehörigen. Es gibt auch von ausgesprochen positiven Erlebnissen zu berichten: Kinder buken Kekse, Musikbands spielten kostenlos, Masken wurden kostenlos zur Verfügung gestellt. Solche Dinge beruhen auf einer über viele Jahre gewachsenen Solidarität vor Ort.»

Laut Mattersberger hat die Covid-19-Krise in Österreich Systemschwächen offensichtlich gemacht: «Es war von Anfang an klar, dass die Bewohnerinnen und Bewohner der Pflegeeinrichtungen ganz besonders zu schützen sind. Diese Aufgabe für das gesamte Gesundheits- und Sozialsystem ist nur bedingt geglückt, weil Pflegeeinrichtungen vielfach sich selbst überlassen waren. Viele Imageprobleme resultierten aus einer mangelnden Rechtssicherheit. Diese Dinge müssen thematisiert und für künftige Herausforderungen besser geregelt werden.»

In manchen Heimen gibt es Leerbestände von 25 Prozent.
In manchen Heimen gibt es Leerbestände von 25 Prozent. Bild Adobe Stock

Die Experten sind sich einig, dass die durch die Pandemie verursachten Leerbestände temporär sind und sich kurz- bis mittelfristig stark vermindern werden. «Die Corona-Pandemie hat die Alterspyramide nicht ausser Kraft gesetzt», sagt Gahl. «Der Anteil alter Menschen steigt weiterhin und damit auch die Pflegebedürftigkeit. Und der Anteil der Demenzkranken nimmt ebenfalls zu, was auch an einem immer höheren Altersschnitt liegt.»

Aktuell verursacht ein leeres Bett in Deutschland und Österreich monatliche Mindereinnahmen von rund 3000 Euro. In der Schweiz sind es rund 8500 Franken. Bei hohem Pflegegrad steigen diese Zahlen. Wenn ein Heim mit 100 Bewohnern einen Leerbestand von 20 Prozent hat, verliert es monatlich 60'000 Euro, in der Schweiz sind es 170'000 Franken.

Zu allem Übel hat die Pandemie die Kosten erhöht.

Durch Sicherheitsmassnahmen sind Betreuung, Pflege und Administration aufwendiger geworden. Hinzu kommt das zusätzlich benötigte Schutzmaterial, dessen Preise in der Pandemie gestiegen sind.

Laut dem bad-Bundesvorsitzenden Andreas Kern sind diese Preise geradezu explodiert: «Die Paketpreise für Schutzhandschuhe wurden verzehnfacht. Aktuell gibt es eine Tendenz zu leicht sinkenden Preisen, aber wir sind hier weit entfernt von den Vor-Corona-Zeiten. Es sieht so aus: Die Pflege wird durch Corona teurer und teurer

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Bleibt die Frage: Wer soll das bezahlen? In Deutschland gibt es den Corona-Rettungsschirm des Bundes und der Pflegekassen. Die Heime können zusätzliche Aufwendungen und Mindereinnahmen, die ihnen durch die Pandemie entstehen, noch bis mindestens Ende September von den Pflegekassen einfordern. Thomas Barz von bad e.V. dazu: «Der hilft enorm, ohne dieses Instrument müssten wohl viele Heime schliessen.»

In der Schweiz lässt die staatliche Unterstützung von Altersheimen noch auf sich warten: Der Nationalrat hat einer entsprechenden Motion Mitte Juni zugestimmt, die Abstimmung im Ständerat steht noch aus.

In Österreich unterstützen einzelne Bundesländer wie zum Beispiel Wien und Niederösterreich die Heime auf Basis von Auslastungszahlen und Personalkosten. Die Landesverbände der Altenpflege von anderen Bundesländern fordern nun ähnliche Modelle. 

Derzeit ist es schwierig, Prognosen abzugeben. Die Fallzahlen sinken zwar, aber neue Mutationen haben verschiedene Länder Europas zum Wiedereinführen von Restriktionen bewogen. «Ob der Prozess der Teuerung nach einem noch nicht absehbaren Ende der Pandemie gestoppt werden kann, steht in den Sternen», sagt Andreas Kern.

erschienen: 01.07.2021