Gerald Hüther im Interview

Selbstheilung aktivieren!

Weg von der Reparaturmedizin – Neurobiologe Gerald Hüther fordert einen Paradigmenwechsel.
Weg von der Reparaturmedizin – Neurobiologe Gerald Hüther fordert einen Paradigmenwechsel. Bild www.gerald-huether.de

Die Pille gegen Demenz wird es so schnell nicht geben. Viel sinnvoller ist gemäss dem Neurobiologen ein Leben nach den salutogenetischen Prinzipien.

Von Viktoria Hug

Sein Buch widerspricht gängigen Erklärungsmodellen zur Entstehung von Alzheimer-Demenz. In «Raus aus der Demenz-Falle!» plädiert der Neurobiologe Prof. Gerald Hüther für einen Perspektivwechsel. Denn nicht Plaque-Ablagerungen sind das Problem, sondern eine Welt, die krank macht. Die gute Nachricht: Es gibt Wege aus der Falle.


Alzheimer.ch: Herr Prof. Hüther, Sie sind Initiator der Akademie für Potentialentfaltung. Welche Philosophie liegt dieser Akademie zugrunde?

Prof. Gerald Hüther: In meiner Forschertätigkeit sind mir zwei Dinge klar geworden. Erstens: Ich kann das Gehirn nicht isoliert vom restlichen Körper betrachten. Zweitens: Ich kann es nicht vom Beziehungsgefüge des Menschen trennen. Denn erst über Erfahrungen im Austausch mit anderen entwickelt es sich.

Demzufolge bin ich kein Hirnforscher, sondern ein Hirn-Körper-Gesellschaftsforscher. Weil es dazu an den Universitäten kein Fachgebiet gibt, habe ich die Akademie für Potentialentfaltung gegründet. Man muss sich die Lebenswelt der Menschen anschauen.

Was passiert in Schulen, der Arbeitswelt, in Altersheimen? Wie beeinflusst unser Umgang miteinander, wie wir leben?

Die Angst, in die wir uns ständig versetzen – Hilft das einem Menschen, seine Talente zu entfalten? Oder führt das eher dazu, dass er eine Kümmerversion dessen bleibt, was er hätte werden können?

Sie kritisieren, dass die aktuelle Wissenschaft grössere Zusammenhänge ausser Acht lässt.

Die akademische Wissenschaft zerlegt das Lebendige in immer kleinere Teile, um es zu untersuchen. Für mich aber beginnt Wissenschaft dort, wo man das Zerlegte wieder zusammenfügt. Natürlich ist klar, warum zerlegt wird: Damit wir Lebendiges wie Maschinen handhaben können.

Der alte Blick auf den Körper als Maschine.

Wenn man ihn in Teile zerlegt, kann man diese Teile ersetzen. Daraus ist die Reparaturmedizin entstanden und mit ihr ein Machbarkeitswahn. Der bringt Firmen, die Ersatzteile und Medikamente herstellen, gutes Geld ein. Doch nun haben wir eine andere Zeit.

In der Biologie lernen wir viel über sich selbstorganisierende Prozesse. Ein Körper ist keine Maschine. Er ist plastisch und reagiert auf die Bedingungen ringsum. Das ist beim Gehirn genauso.

Was bedeutet das für unser Verständnis von Alzheimer-Demenz?

Unser Verständnis beruht auf dem Reparatur- und Defizitdenken des letzten Jahrhunderts: Das Gehirn nutzt sich ab, weil Ablagerungen entstehen, und das führt zum Absterben von Nervenzellen.

Dieser Ansatz lässt nur eine Lösung zu: Wir müssen die Abbauprozesse stoppen. Das haben Forschende fünfzig Jahre lang zusammen mit der Pharma-Industrie versucht. Bislang wurde keine Pille entwickelt.

Sie bezweifeln, dass Alzheimer-Demenz primär auf Ablagerungen zurückzuführen ist.

Seit 1986 läuft die Nonnenstudie. Eine Langzeitstudie mit 678 Ordensschwestern im Alter zwischen 75 und 106 Jahren. Die Untersuchung der Gehirne der verstorbenen Nonnen zeigte, dass sie ebenso viele Ablagerungen hatten wie die Normalbevölkerung. Und trotzdem waren diese Nonnen bis an ihr Lebensende geistig fit!

Quelle Youtube

Woran liegt das?

Nicht die Abbauprozesse sind das Problem bei Demenz, sondern ein mangelnder Wiederaufbau von Nervenzellen.

Das Gehirn verfügt über Selbstheilungskräfte. Durch die Neuroplastizität kann Verlorenes an anderer Stelle wiederaufgebaut werden.

Dass das bis ins Alter möglich ist, wissen wir aus Schlaganfall-Patienten. Unter den richtigen Bedingungen werden in intakten Hirnarealen Nervenzellstrukturen gebildet, die die Aufgaben der kaputten Areale kompensieren.

Diese Menschen können wieder gehen, radfahren und sogar sprechen. Daher vermute ich, dass die Nonnen unter Bedingungen leben, in denen sich das regenerative Potenzial des Gehirns optimal entfalten kann.

Welche Bedingungen sind das?

Die Reparaturmedizin konzentriert sich in Forschung und Therapie auf die Pathogenese. Dort wird untersucht, wie man krank wird. Es gibt nun glücklicherweise eine neue Tendenz: Die Salutogenese untersucht, was uns gesund hält.

Damit wir gesund sind, muss es uns gut gehen. Dieser Zustand, in dem alles passt, wird Kohärenz genannt. Aaron Antonovsky, Begründer der Salutogenese, definierte drei Grundprinzipien für die Entwicklung eines Kohärenzgefühls:

  1. Verstehbarkeit: Ich verstehe die Welt, die mich umgibt.
  2. Gestaltbarkeit: Ich kann sie gestalten.
  3. Sinnhaftigkeit: Ich erlebe mein Tun und Sein als sinnvoll.

Dabei geht es immer um das subjektive Empfinden. Die in der Studie untersuchten Nonnen leben nach diesen Grundprinzipien. Sie verstehen ihre Welt, können sie beeinflussen und sehen einen Sinn darin.

Wie steht es um die Voraussetzungen für ein Kohärenzgefühl ausserhalb des Klosters?

Schwierig. Wenn ich die Nachrichten sehe, verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich habe auch keinen Einfluss auf Hunger in Afrika.

Unsere Gesellschaft lebt angst- und leistungsgetrieben, was die Selbstheilungskräfte hemmt.

Wir sind als Gesellschaft auf einen Irrweg geraten. Vieles wird nur unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet. Auch das Älterwerden. In der ökonomischen Logik ist der alte Mensch nur noch ein Kostenfaktor. Das ist eine Katastrophe.

Was müsste sich ändern?

Es muss ein Umdenken stattfinden. Das beginnt beim Einzelnen. Es ist bequemer zu sagen: «Mein Hirn schrumpelt, weil es alt ist» anstatt sich zu fragen: «Was mache ich denn, damit es mir gut geht? Damit meine Beziehungen nährend sind und mich meine Aufgaben erfüllen?».

Unser Ziel sollte sein, sich bis ins hohe Alter Neuem auszusetzen und zu entdecken. Das aktiviert Neuroplastizität.

Sehen Sie Hoffnung für ein Umdenken?

Man sieht schon jetzt, dass sich etwas getan hat. Bisher ist man davon ausgegangen, dass die Häufigkeit von Demenz zunimmt, je mehr ältere Menschen es gibt.

Doch in Studien in den USA und Grossbritannien wurde nun festgestellt, dass die Inzidenz von demenziellen Erkrankungen in Menschen zwischen 60 bis 70 Jahren abgenommen hat – im Vergleich zur Situation vor zwanzig Jahren.

So geht glücklich Altern in Japan:

Japan

Auf den Spuren der Hundertjährigen

Was hat sich verändert?

Zum einen sind die heutigen 60- bis 70-Jährigen nicht mehr die kriegstraumatisierte Generation, die funktionieren musste. Zum anderen sind sie aktiv und gesellig. Sie gehen gemeinsam in Parks, in die Natur, fahren Rad.

Sie freuen sich, dass das Arbeitsleben zu Ende geht und sie etwas anderes machen können. Die Mehrzahl der Ehrenamtlichen besteht aus älteren Menschen. Das Gehirn kann zur Ruhe kommen und sich so organisieren, wie es möchte, und nicht, wie es durch äusseren Druck gezwungen wurde.

Was kann denn jemand tun, bei dem eine Demenz festgestellt wurde?

Man sollte früh versuchen, nach den salutogenetischen Prinzipien zu leben. Dazu gehört auch die Kunst, die Nachrichten abzuschalten. Beschäftigen Sie sich mit dem, was Sie beeinflussen können.

Gestalten Sie, leben Sie sinnerfüllt.

Zum Beispiel, indem Sie etwas mit den Kindern oder Enkelkindern unternehmen. Das geht auch noch, wenn die Demenz fortgeschritten ist.

Ausserdem sollten wir aufhören, Betroffenen Angst vor der Demenz zu machen. Wenn es heisst: «Das ist ein progressiver Prozess, da geht nichts mehr» – dann wird auch nichts gehen. Oft ist es ja das Umfeld, das ein Problem mit der Erkrankung hat.

Sie haben das Umdenken angesprochen. Was bedeutet das gesellschaftlich?

Wir müssen das Reparatur- und Effizienzdenken überwinden. Am Beispiel Seniorenheim wird deutlich, dass eine einseitige ökonomische Betrachtung nicht zum Ziel führt: Früher wurden grosse Heime gebaut, um alte Menschen kosteneffizient zu versorgen.

Die Rechnung – je grösser, desto billiger – ging aber nicht auf. Denn je weniger diese Menschen tun durften, desto pflegebedürftiger wurden sie. Ökonomischer und gesünder sind Wohnkonzepte, in denen alte Menschen Teil einer Gemeinschaft sind und Aufgaben übernehmen.

Buntes Leben unter einem Dach:

Generationen

Gemeinsam statt einsam

Senioren-WGs zum Beispiel. Die Menschen werden nicht abgesondert, sondern haben ihre Wohnung mitten im Leben. Sie haben Kontakt zu Schülern, die vorbeikommen und die Zeitung vorlesen. Die Kinder lernen lesen und die Senioren wissen, was in der Stadt los ist. Beide Seiten erfahren Sinn und Wertschätzung. So müsste Betreuung in Zukunft aussehen.

Wie gelingt ein Umdenken – generell?

Über die Zuschreibung von Bedeutsamkeit. Wer Karriere machen oder Geld verdienen will, erklärt das für bedeutsam. Das ist eine subjektive Zuschreibung. Weshalb es nichts bringt, von aussen etwas zu fordern.

Um sich zu verändern, müssen Menschen die Chance bekommen, etwas anderes als bedeutsam zu begreifen. Etwas, das sie bisher ausgeblendet haben. Zum Beispiel liebevoll zu sich selbst zu sein.

Was ist für Sie bedeutsam?

Im Moment ist eine verwirrte Spezies dabei, das mir Liebste zu zerstören: die Vielfalt des Lebendigen. Wenn eine Landwirtschaft nur noch Monokulturen anbaut, ist das eine tote Welt.

Deshalb schreibe ich Bücher oder führe Gespräche. Um Menschen zu zeigen, dass es mehr gibt, das bedeutsam sein könnte. Sobald ein Mensch anfängt, etwas anderes wichtig zu finden, ändert sich die Bewertung und das Leben. Das sind die Sternstunden, die manche erleben und andere leider nicht.

Ich hoffe für die Spezies, dass es immer mehr Menschen geben wird, die sich inspirieren lassen. Danke für das Gespräch, Herr Hüther.

Quelle Youtube

erschienen: 15.09.2020

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