Lockdown

Schutz mit Nebenwirkungen

Mit dem Schutz kam auch die Isolation: Die über 65-Jährigen waren vom Lockdown stark betroffen.
Mit dem Schutz kam auch die Isolation: Die über 65-Jährigen waren vom Lockdown stark betroffen. Bild Adobe Stock

Die Covid-19-Krise hat das paradoxe Verhältnis der Gesellschaft zu älteren Menschen aufgezeigt. Gleichzeitig erhielten die mit älteren Menschen verbundenen Stereotypen eine noch nie dagewesene Sichtbarkeit.

Delphine Roulet Schwab

Ältere Menschen leisten einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft: Sie betreuen Enkelkinder, unterstützen Angehörige oder arbeiten ehrenamtlich. Dieser Beitrag bleibt oft unsichtbar und wird wenig publik gemacht, obwohl er sich auf den Gegenwert von mehreren Milliarden Franken pro Jahr beläuft.

Menschen über 65 sind zudem wichtige Konsumentinnen und Konsumenten von Freizeitangeboten und Dienstleistungen, mit einer zum Teil erheblichen Kaufkraft. In der kollektiven Vorstellung werden ältere Menschen jedoch generell als schwach, abhängig, inaktiv, veränderungsresistent und teuer wahrgenommen.

Diese Stereotypen sind tief verwurzelt. Sie führen zu Diskriminierungen, insbesondere in den Bereichen Gesundheit (zum Beispiel, indem bestimmte Behandlungen ab einem bestimmten Alter nicht rückerstattet werden) und auf dem Arbeitsmarkt (zum Beispiel, indem eine Person, die kurz vor dem Pensionsalter ist, trotz gleicher Qualifikation nicht angestellt wird).

Diskriminierung aufgrund des Alters (oder Ageismus) ist in der Bundesverfassung verboten (Art. 8.2.), aber sie ist gesellschaftlich akzeptiert und kommt häufiger vor als Rassismus oder Sexismus, wie das Eurobarometer zur Diskriminierung zeigt.

Eine Analyse von Medienartikeln und Beiträgen in sozialen Netzwerken zwischen Anfang März und Ende Mai 2020 in der Westschweiz verdeutlicht einerseits die Stereotypen, unter denen ältere Menschen gelitten haben. Sie zeigt aber auch die Vielfalt ihrer Reaktionen und Erfahrungen. Diese Analyse wurde durch Interviews mit Senioren ergänzt.

Anfang bis Mitte März 2020: Menschen 65+ als Risikogruppe

Seit Beginn der Pandemie wurde aufgrund von Beobachtungen in China und später in Italien festgestellt, dass ältere Menschen ein höheres Risiko haben, sich mit Covid-19 zu infizieren, Komplikationen zu entwickeln oder daran zu sterben.

In den Präventionskampagnen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) wurden neben Menschen mit chronischen Krankheiten rasch auch Menschen ab 65 Jahren als Risikogruppe identifiziert.

Es wurde ihnen geraten, überfüllte Orte und öffentliche Verkehrsmittel zu meiden, während dem Rest der Bevölkerung empfohlen wurde, Abstand zu ihnen einzuhalten.

Viele ältere Menschen entschieden sich, die Empfehlungen umzusetzen und ihre Wohnung so selten wie möglich zu verlassen. Bei der Allgemeinbevölkerung konnte man vor allem in den sozialen Medien Erleichterung darüber feststellen, dass das Virus «nur» ältere Menschen befällt und tötet.

Mitte März bis Mitte April 2020: Aufruf zur Selbstisolation

Der Lockdown war begleitet von einer klaren Aufforderung an ältere Menschen, sich strikt einzuschränken und den Kontakt zwischen den Generationen zu vermeiden.

Sie wurden gebeten, ihre Kinder und Enkelkinder nicht mehr zu sehen und ihre Einkäufe von Personen erledigen zu lassen, die ihnen nahe stehen.

Besuche in Pflegeheimen und bei hospitalisierten Patientinnen und Patienten wurden verboten, was viele Fragen aufwarf, insbesondere bei Menschen am Lebensende. Ziel dieser Entscheidungen, die auf dem damaligen Wissensstand über Covid-19 basierten, war es, Todesfälle von über 65-Jährigen zu verhindern, aber auch eine Überlastung der Spitäler zu vermeiden.

Es kam zu vielen Solidaritätsbezeugungen von Nachbarn, Angehörigen und jungen Leuten. Kinderzeichnungen wurden an Pflegeheimbewohnende und isolierte ältere Menschen geschickt. Die Solidarität wurde von der Presse weithin gefeiert und über soziale Netzwerke verbreitet.

Von alten Menschen wurde erwartet, ihre Einkäufe von anderen erledigen zu lassen.
Von alten Menschen wurde erwartet, ihre Einkäufe von anderen erledigen zu lassen. Bild Shutterstock

Gleichzeitig wurden ältere Menschen, die sich weigerten, sich völlig abzuschotten und «Widerstand» leisteten, kritisiert. Personen über 65 wurden auf der Strasse oder in Geschäften beleidigt. Menschen weigerten sich, sie zu begrüssen oder mit ihnen in Kontakt zu treten, aus Angst vor einer Infektion.

Erwachsene Kinder verboten ihren älteren Eltern, ihre Häuser zu verlassen.

Die Senioren schienen egoistisch, unsensibel gegenüber dem Gemeinwohl und sogar gefährlich zu sein. Äusserungen von älteren Menschen, die sagten, dass das Virus ihnen keine Angst machte, dass sie andere Schwierigkeiten überstanden hatten und dass «sie an etwas sterben müssen», wurden als Nichtanerkennung, ja sogar als Sabotage der Bemühungen der übrigen Bevölkerung empfunden.

Diese Zeit erlebten Menschen über 65 Jahren sehr unterschiedlich. Während einige über die getroffenen Massnahmen erleichtert waren und das Gefühl hatten, dass die Gesellschaft sich um ihre Sicherheit sorgt, erlebten andere die Isolation und die erzwungene Abhängigkeit von Aussenstehenden als eine Form der Infantilisierung und eine Verletzung ihrer Rechte.

Manche Senioren waren besorgt, dass das «Eingesperrtsein» sie daran hindern würde, ihre letzten gesunden Monate und den Kontakt mit ihren Lieben zu geniessen.

Das Social Distancing und Schutzmassnahmen, wie etwa das Tragen von Masken, beeinträchtigte bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen oft die Orientierungsmöglichkeiten, was teilweise zu einer Verschlechterung ihrer Symptome führte.

Für andere war der Lockdown eine Gelegenheit, Neues zu lernen, die Beziehung zu Familie und Freunden zu stärken (per Telefon oder durch Videoanrufe) und dank dem Internet neue kulturelle Aktivitäten zu entdecken. Wie bei der übrigen Bevölkerung haben die sozialen Ungleichheiten die Erfahrung der Krise stark beeinflusst.

Neben dem Gefühl von Einsamkeit, fehlendem Körperkontakt mit Familie und Freunden und mangelnder körperlicher Aktivität sahen sich viele ältere Menschen mit praktischen Problemen konfrontiert. Das betraf vor allem jene, die das Internet nicht oder nicht ausreichend beherrschen: Wie kann man Zahlungen machen, ohne das Haus zu verlassen?

Wie kann man Bargeld abheben, um die Person zu bezahlen, die den Einkauf gemacht hat?

Wie informiert man sich über Lieferdienste in der Nachbarschaft? Es gab auch Berichte über Betrügereien mit älteren Menschen, bei denen die für den Einkauf verantwortliche Person das Geld nahm und dann verschwand.

Für die Bewohnenden von Pflegeheimen und ihre Angehörigen war es aufgrund von Unsicherheit, Isolation, eingeschränkten Freiheiten und Einsamkeit oft eine schwierige Zeit. Viele befürchteten, dass sie in ihren Zimmern isoliert werden, ohne Kontakt zu anderen.

Die fehlenden Besuche oder die Unmöglichkeit, Angehörige zu treffen, wurde von Menschen mit kognitiven Einschränkungen nicht immer verstanden oder wurde als Verlassenwerden erlebt.

Trotz der Krisensituation und des Mangels an Schutzausrüstung und Personal waren viele Mitarbeitende von Heimen kreativ, um individuelle und kollektive Bedürfnisse in Einklang zu bringen, indem sie die Verbindung mit den Angehörigen aufrechterhielten und interne Aktivitäten anboten.

Mitte April bis Ende April 2020: der Seniorenaufstand

In den Medien wurden Stimmen laut, die die Isolation älterer Menschen, die Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität, die Verschlechterung ihres Images in der Bevölkerung und die Tatsache anprangerten, dass sie ihres freien Willens beraubt werden.

In Zeitungen erschienen Leserbriefe, in denen ältere Menschen ihren beengten Alltag schilderten, aber auch Unmut äusserten, weil sie von der Gesellschaft ausgeschlossen und gegen ihren Willen «unter eine Glocke gestellt» wurden.

Gleichzeitig brachten mehrere Seniorenverbände ihr Unverständnis gegenüber bestimmten Richtlinien zum Ausdruck, insbesondere bezüglich der Triage von Patienten (u. a. auf der Grundlage des chronologischen Alters, nicht der Prognose). Sie prangerten auch die Tatsache an, dass ältere Menschen allein aufgrund ihres Alters anders behandelt werden als die übrige Bevölkerung.

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Die in Frankreich und auf Ebene des Europäischen Parlaments formulierte Absicht, die Ausgangsbeschränkungen für Senioren bis Ende 2020 zu verlängern, löste in der Westschweiz eine neue Welle der Entrüstung aus.

Viele Senioren erklärten, sie hätten «die Nase voll davon, von der Gesellschaft geächtet» und beschuldigt zu werden, die Ursache für die wirtschaftliche Rezession und den Verlust von Arbeitsplätzen zu sein.

Ende April bis Ende Mai: allmähliche Rückkehr zur Normalität

Ab Ende April erhielten Grosseltern vom BAG die Erlaubnis, dass sie ihre Enkelkinder wieder umarmen können, sie aber nicht hüten und weiterhin den Kontakt mit den Eltern vermeiden sollen. Einige Pflegeheime begannen mit der Umsetzung von Schutzkonzepten, um eine teilweise Besuchserlaubnis zu bekommen.

Ende Mai kündigte der Bundesrat schliesslich an, dass über 65-Jährige wieder am gesellschaftliche Leben teilnehmen und sich wieder um ihre Enkelkinder kümmern dürfen.

Er würdigte die älteren Menschen, die «sehr diszipliniert» sehr lange zu Hause geblieben sind. Die Ankündigung der Lockerungsmassnahmen war für die allgemeine Bevölkerung, aber auch für die älteren Menschen eine echte Erleichterung.

Ein Fazit

Ohne ein Urteil über Entscheidungen zu fällen, die schnell getroffen werden mussten, oft auf der Grundlage von wenig verfügbarem Wissen, und nach Abwägung verschiedenster Interessen ist es wichtig, sich zu fragen, welche Lehren aus dieser Krise gezogen werden können:

  • Wenn wir die älteren Menschen zu sehr beschützen wollen, besteht die grosse Gefahr, dass sie bevormundet und ihr freier Wille und ihre Lebensqualität untergraben werden.
  • Altern und Gesundheit sind biologische Prozesse, aber nicht nur das. Sie haben auch psychologische und soziale Dimensionen, die sich auf den allgemeinen Gesundheitszustand und die Lebensqualität älterer Menschen auswirken.
  • Nicht alle Menschen über 65 haben den gleichen Gesundheitszustand, sie verfügen nicht über die gleichen Ressourcen, haben nicht die gleichen Bedürfnisse und Erwartungen. Alle Menschen im Rentenalter gleich zu behandeln, kommt einer Leugnung der Heterogenität des Alterns gleich und kann unwissentlich zu einer Verstärkung von Stereotypen und zu Altersdiskriminierung führen.
  • Public-Health-Ansätze, aber auch Statistiken, unterscheiden oft nicht zwischen älteren Menschen anhand von Unterkategorien. Diese Entscheidung, die damals wohl aus demografischen Gründen getroffen wurde (es gab zu wenige Menschen über 65 Jahren, um zu differenzieren), sollte heute angesichts der Alterung der Bevölkerung und der steigenden Lebenserwartung in Frage gestellt werden. Eine Differenzierung zwischen den 65- bis 79-Jährigen und den über 80-Jährigen könnte sinnvoll sein.
  • Ältere Menschen haben die gleichen Rechte, Pflichten und Verantwortlichkeiten wie jüngere Erwachsene. Menschen über 65 sind nicht weniger in der Lage, Interessen gegeneinander abzuwägen und Verantwortung zu übernehmen.
  • Älteren Menschen eine Stimme zu geben – in den Medien, aber auch im Alltag – trägt dazu bei, Stereotypen und Infantilisierung zu bekämpfen, indem die Vielfalt der älteren Menschen gezeigt und so vermieden wird, dass sie alle «in den gleichen Topf» geworfen werden. 
     

Referenzen

Schweizerisches Kompetenzzentrum für Menschenrechte (2017). Gleiche Rechte im Alter – Ein Grundrechtskatalog für ältere Menschen in der Schweiz.

Europäische Kommission (2015). Special Eurobarometer 437: Discrimination in the EU in 2015

Dieser Beitrag erschien in der Zeitschrift «Krankenpflege» des SBK (Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner), Nr.3/2020. Herzlichen Dank an die Redaktion für die Gelegenheit zur Zweitverwertung.

erschienen: 22.09.2020

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