Investment

Satte Renditen mit der Pflege

Die europäischen Pflegekonzerne gelten derzeit als erstklassige Kapitalanlage und ziehen Investoren aus der ganzen Welt an.
Die europäischen Pflegekonzerne gelten derzeit als erstklassige Kapitalanlage und ziehen Investoren aus der ganzen Welt an. Bild PD

Immer mehr Pflegeheime werden von ausländischen Finanzinvestoren gekauft, deren Ziel maximaler Profit ist. Was macht eine Branche so attraktiv, in der es seit Jahren an Geld und Personal mangelt?

Von Cornelia Stolze

Wer alt ist und nicht mehr zuhause zurechtkommt, wünscht sich vor allem eines: ein Heim, in dem er liebevoll und fachkundig von vertrauten Menschen versorgt wird. Die Realität sieht häufig anders aus. Immer wieder berichten Medien über verheerende Zustände in Senioreneinrichtungen, die durch Pflegende oder Angehörige ans Licht kommen.

Manche Bewohner lägen morgens eingenässt oder mit Kot beschmiert im Bett. Weil die Nachtwache keine Zeit hatte, sie aufs WC zu begleiten. Schon Praktikantinnen müssten allein Spätschicht machen, denn es gebe zu wenig Personal.

Und um den Zeitdruck zu lindern, würden Kranke oft mit Medikamenten sediert. In der aktuellen Corona-Krise erhalten Angehörige Besuchsverbot, um die Senioren zu schützen. Unterdessen verfügt das Personal an vielen Orten weder über Schutzkleidung noch Mundschutz – und kann das Virus so von einem Bewohner zum anderen tragen. 

Doch während in vielen Heimen Mangel regiert, werden mit Heimen seit Jahren satte Gewinne kassiert.

Korian, Europas führender Altenheimbetreiber, erwirtschaftete 2018 einen Gewinn von 477 Millionen Euro. Das entsprach einer Umsatzrendite (EBITDA) von 14,3 Prozent. Ein Wert, der deutlich über der Marge vieler Industriekonzerne liegt – und von dem die Autoindustrie nur träumen kann. Hinter Korian stehen die französische Bank Credit Agricole und eine kanadischer Pensionsfonds.

Die Realität hinter der schönen Kulisse


Quelle Youtube
 

Tatsächlich steht Korian für ein Phänomen, das die Altenpflege zunehmend dominiert: Seit einigen Jahren kaufen internationale Finanzinvestoren und Konzerne weitgehend geräuschlos bedeutende Bereiche der Altenpflege auf – verstärkt in den letzten drei bis vier Jahren mit einem vorläufigen Höhepunkt 2019. Sie alle haben den boomenden Markt als lukratives Anlagefeld für sich entdeckt.

Das hat einen einfachen Grund, sagt der Experte Christoph Lixenfeld. «Die Investoren haben gemerkt, dass sich mit Pflegeheimen nahezu ohne Risiko sehr viel Geld verdienen lässt.» Der Wirtschaftsjournalist befasst sich seit mehr als 15 Jahren mit dem Thema.

In seinem kürzlich erschienenen Buch kommt er zu dem Schluss, dass es in der Pflege ein hochproblematisches Anreizsystem mit verheerenden Folgen gibt: «Die Branche verdient umso besser, je schlechter es den Bewohnern geht.»

Ähnlich sehen es auch Gewerkschaftsvertreter wie der Altenpflegeexperte Matthias Gruss von der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. «Bei den Finanzinvestoren steht Profit im Vordergrund, nicht qualitativ hochwertige Versorgung», stellt er fest.

Die Finanzinvestoren seien jedoch nicht die Ursache, sondern nur ein Symptom. Das Kernproblem sei, dass sich der Staat zurückgezogen und die Altenpflege dem Markt preisgegeben hat. «Das war eine ganz bewusste politische Entscheidung. Und es war klar, dass man in dem Moment, wo man die Pflege kommerzialisiert, die Büchse der Pandora öffnet».

Rendite mit Staatsgarantie: Die Plattform Investido schreckt nicht davor zurück, mit der zynischen Realität auf Kundenfang zu gehen.
Rendite mit Staatsgarantie: Die Plattform Investido schreckt nicht davor zurück, mit der zynischen Realität auf Kundenfang zu gehen. Bild Screenshot www.investido.de

Natürlich bedeute die Tatsache, dass ein Heim von einem privaten Träger betrieben werde, nicht automatisch, dass es schlecht geführt wird, betont Lixenfeld. «Ich weiß, dass viele Pflegeheime – vor allem ihre Mitarbeiter – hervorragende Arbeit leisten.»

Fest steht allerdings, dass es immer weniger individuell geführte Pflegeheime gibt. Denn in den vergangenen Jahren hat sich im Pflegemarkt mit sogenannten Private Equity-Gesellschaften ein neuer Investoren-Typ etabliert.

Private Equity-Gesellschaften sind Kapitalsammelstellen, die einzelne Töpfe (Fonds) einrichten, in die das Geld unterschiedlicher Anleger mit großem Vermögen fließt. Die Palette reicht von Versicherungsgesellschaften und privaten Pensionsfonds bis hin zu wohlhabenden Einzelpersonen oder Familien.

Weder diesen Anlegern noch den Fonds-Managern geht es um langfristiges unternehmerisches Engagement.

Einziges Ziel ist es, in kurzer Zeit aus viel Geld noch viel mehr Geld zu machen. Dafür halten Private Equity-Gesellschaften Ausschau nach vielversprechenden Branchen, kaufen dort gezielt mehrere Unternehmen auf, verschmelzen sie zu einer neuen größeren Einheit und trimmen sie auf Rendite, um sie dann meist nach wenigen Jahren gewinnbringend weiterzuverkaufen. In welchem Wirtschaftszweig sie das tun, hängt von der Konjunktur und der jeweiligen Marktsituation ab.
 
Private Equity steht dabei für «privates Eigenkapital». Privat ist in diesem Zusammenhang als Gegenteil von öffentlich zu verstehen, im Sinne von «nicht öffentlich an einer Börse handelbar». Das führt dazu, dass die eigentlichen Besitzer von Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen und die verschachtelten Konzernstrukturen zum großen Teil unbekannt sind.
 
Die erste Private Equity-Übernahme in der deutschen Gesundheitsbranche fand 1998, wenige Jahre nach Einführung der Pflegeversicherung, bei der Pflegeheim-Kette Casa Reha statt.

Doch erst nach der weltweiten Finanzkrise 2008 ging es für die Beteiligungsbranche steil nach oben.

Das Handelsblatt schrieb am 17. April 2019: «Befeuert von der Niedrigzinspolitik der Notenbanken, wuchsen ihre Fonds in neue Dimensionen. Bereitwillig steckten Pensionskassen, Versorgungswerke und Versicherungen immer größere Summen in die außerbörslichen Geldtöpfe.»
 
Allein zwischen 2013 und 2018 gab es in Deutschland nach Angaben des Instituts für Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen etwa 130 Übernahmen. Die größten davon betrafen Pflegeunternehmen. Hinter den meisten Transaktionen steckten Investoren aus den USA und Großbritannien, wie Carlyle und Quadriga, die über Fonds mit mehr als eine Milliarde Euro Kapital verfügen.

Zu den Platzhirschen in Deutschland zählen zudem Finanzinvestoren aus Schweden wie Nordic Capital und EQT. Zwei Drittel der an den Übernahmen von Pflegeheimen in Deutschland beteiligten Fonds haben ihren rechtlichen Sitz in einem Offshore-Finanzzentrum wie Jersey, Guernsey und Luxemburg, wobei die meisten Fonds auf den Cayman-Inseln angesiedelt waren.

Und das Tempo nahm stetig zu. Waren es 2013 noch 27 Käufe, so lag die Zahl der Transaktionen 2019 bereits bei 123. Beachtet werden muss dabei, dass die Zahl der betroffenen Einrichtungen deutlich höher liegt. Die Übernahme von Alloheim durch den schwedischen Finanzinvestor Nordic Capital im Jahr 2017 beispielsweise zählt nur als 1 Kauf, obwohl zu der Altenheimkette inzwischen 160 Heime gehören.

Die WDR-Sendung «Rönnes kämpft» über Renditen in der Pflege


Quelle Youtube


Die Geschichte von Alloheim zeige eindrucksvoll, «wie viel Geld im Geschäft mit den Alten steckt», so Lixenfeld. 2008 übernahm mit Star Capital Partners erstmals ein Finanzinvestor die Alloheim GmbH mit damals 13 Heimen.

2013 reichte Star Capital das Unternehmen mit dann 49 Einrichtungen an die Carlyle Group weiter – zum Preis von 180 Millionen Euro. In den Folgejahren wuchs Alloheim überwiegend durch Zukäufe auf mehr als 160 Pflegeheime an. «Für dieses Paket bezahlte Nordic Capital 1,1 Milliarden Euro – also sechsmal so viel wie die Carlyle Group noch 2013».

Warum gerade diese Investments so problematisch sind? «Mehr Rendite im Heim führt fast zwangsläufig zu weniger Pflege», sagt der Buchautor Christoph Lixenfeld. Denn eines stehe fest: «Am meisten sparen lässt sich am Personal.»

Natürlich ließen sich auch mit effizienterer Verwaltung, besserem Einkauf oder ähnlichen Optimierungen ein paar Euros herauspressen. «Aber mindestens 70 Prozent der Betriebskosten eines Heims sind Personalkosten. Wer also wirklich sparen will, tut dies mit hoher Wahrscheinlichkeit an dieser Stelle».

Eine Möglichkeit sei, bei gleichem Gehalt das Arbeitspensum zu erhöhen, eine andere, weniger Fachkräfte und mehr billigere Hilfskräfte zu beschäftigen. Oft werden beide Varianten parallel praktiziert. 

Auch «Kontraste» im ARD hat über die Missstände im System berichtet


Quelle: Youtube

erschienen: 04.05.2020

Kommentare