Kommentar

«Also eilte ich zu den Eiern»

Die Nische beim Eierregal gewährt Schutz vor Ansteckung.
Die Nische beim Eierregal gewährt Schutz vor Ansteckung. Bild Shutterstock

Der Kanton St. Gallen macht punkto Corona ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Deshalb gehört er nun zur Weltspitze. Hier erzählt ein Eingeborener, wie der Alltag in einem Corona-Hotspot funktioniert.

Von Martin Mühlegg

Welche Kiwis soll ich kaufen? Die gelben oder die grünen? Wo kommen sie her? Ich war versunken in solchen Gedanken, da ergoss sich plötzlich ein gut hundertköpfiges Rudel von jungen Männern in den Supermarkt.

Einige von ihnen trugen die Maske nasenfrei, kaum einer hielt sich an die Abstandsregeln. Sie wirkten so ausgelassen wie Kälber, die zum ersten Mal auf die Weide dürfen. 

Die Auslage mit den Kiwis liegt am Eingang des Supermarktes. Weil ich nicht krank werden und meine 86-jährige Mutter weiterhin unterstützen will, versteckte ich mich hinter Pfannkuchen und Linzertorten. 

Das war ein Fehler, denn der Testosterontsunami hatte es auf die Süssgebäcke abgesehen. Also eilte ich zu den Eiern, wo es eine schützende Nische gibt.

Einige Minuten verharrte ich dort. Die wilden Kälber zogen an mir vorbei zu den Kassen.

Warum sagt diesen jungen Männern niemand, wie man sich zu verhalten hat? Warum schickt die nebenan liegende Gewerbeschule alle Schüler gleichzeitig in die 20-minütige Morgenpause?

Warum fahren hier täglich hunderte von eigentlich onlineunterrichtfähigen Jugendlichen in prallvollen ÖVs zum mehr oder weniger schutzkonzeptlosen Unterricht? Warum denkt niemand daran, dass diese pubertierenden Virenschleudern andere anstecken?

Mein Wohnkanton St. Gallen gehört mit knapp 500 Neuansteckungen pro Woche und 100'000 Einwohnern zur Weltspitze. Wenn wir so weitermachen, werden wir die wenigen sächsischen und bayrischen Landkreise vor uns auch noch überholen.

Die Voraussetzungen hierfür sind sehr gut, denn unser Regierungspräsident und Gesundheitsminister Bruno Damann tut – nichts. Punkto Corona hat er sich längst den Titel «Bratwurst-Trump» verdient. Maskenpflicht in öffentlichen Gebäuden und Läden? Gab es bei uns erst ab Spätherbst, auf Anordnung des Bundes.

Auch jetzt verkündet der Gesundheitsminister regelmässig, es brauche keine zusätzlichen Massnahmen.

Erst wenn der Bundesrat den vor sich hin wurstelnden Kanton St. Gallen in die Pflicht nimmt, tut sich etwas. Das ist erstaunlich, weil Damann bis vor vier Jahren als Arzt praktiziert hat.

Täglich höre ich selbst in unserem Kleinstädtchen die Sirenen der Ambulanzen – und denke: Damanns überarbeitete Ex-Kollegen sind wohl nicht so gut auf ihn zu sprechen. Naja, man kann es nicht allen recht machen.

Ärzte und Pflegende haben noch keine Wahl entschieden.

Letzte Woche traf ich einen alten Bekannten. Unangemeldet stand Hsiang-Fa vor meiner Tür. Er hatte 15 Jahre in unserem Städtchen gelebt, wurde mein Freund und kehrte vor sechs Jahren in seine Heimat Taiwan zurück.

Er reiste trotz Corona um die halbe Erde, weil sein Sohn hier heiratete. Hsiang-Fa wunderte sich sehr. «Ihr seid so gut ausgebildet und habt so viel Geld», sagte er. «Aber ihr macht alles falsch.» 

In Taiwan gibt es keinen Lockdown, der Wirtschaft und Kultur lahmlegt.

Es gibt nur einzelne Tote zu beklagen, kaum schwer Erkrankte – obwohl Taiwan sehr nahe an China liegt. Dort haben sie eben schnell reagiert. Als Ende des letzten Jahres die ersten Meldungen über Covid-19 um die Welt gingen, setzten die Taiwanesen die richtigen Hebel in Bewegung:

  • Risikogruppen werden definiert, lokalisiert und geschützt
  • Symptome wie Fieber werden vielerorts kontrolliert – zum Beispiel vor dem Betreten eines Bahnhofs oder öffentlichen Gebäudes. Betroffene werden in Quarantäne geschickt und bleiben dort, bis ein negativer Test vorliegt. Die Testresultate liegen in Taiwan innert weniger Stunden vor. Zum Vergleich: Eine Bekannte wartete hier vier Tage lang auf das Resultat.
  • Einreisende aus Risikoländern werden noch im Flugzeug oder im Schiff abgesondert und in Quarantäne begleitet
  • Wer in Quarantäne ist, wird von Mitarbeitenden des Gesundheitsministeriums täglich mehrmals nach seinem Zustand befragt
  • Wer gegen die Quarantäne-Vorschriften verstösst, wird mit hohen Bussen bestraft
  • Elektronische Mittel werden effizienter und straffer genutzt als bei uns

Diese Effizienz bedingt einen sehr gut funktionierenden öffentlichen Apparat. Die Erfahrungen der letzten Monate haben gezeigt: Die Länder Europas sind sehr weit davon entfernt.

Die Schweizer Coronapolitik ist geprägt von Pannen und Uneinigkeit.

Die Beamten und ihr behäbiges System sind überfordert. Ich finde das beschämend. Beschämend finde ich auch, dass die Länder des Westens den erfolgreichen asiatischen Weg ignorieren und sich offenbar zu schön sind, bei ihren Kollegen im fernen Osten nachzufragen, wie Pandemie geht.

Ach ja: Viele Europäer lehnen den asiatischen Weg ab, weil er verbunden ist mit straffer Datenerhebung und Nachverfolgung über GPS. Besonders in der Schweiz sind wir eben für die Freiheit und den Datenschutz.

Diese Argumente sind absurd. Einerseits sind wir seit Ausbruch der Pandemie so unfrei, wie wir es noch nie waren. Andererseits übermitteln wir unsere Daten seit Jahren freiwillig an Facebook, Google, WhatsApp und Co.

Wenn Sie mich fragen: Viel lieber als denen stelle ich meine Daten dem Gesundheitsminister Alain Berset und seinen Mitarbeitern zur Verfügung. Ich würde Sie auch seinem deutschen Kollegen Jens Spahn geben, wenn es hilfreich ist.

Ich sehne mich nach einer Zeit, in der ich wieder sorgenfrei durch den Alltag gehen kann. Wenn unsere Politik so weiterwurstelt, werde ich die Eiernische im Supermarkt noch lange als Deckung nutzen müssen.

erschienen: 13.12.2020