Wahlen und Manifest

«Wir haben die Kandidierenden sensibilisiert»

Am 20. Oktober wählt die Schweiz ihr nationales Parlament.
Am 20. Oktober wählt die Schweiz ihr nationales Parlament. Bild PD

Werden sich die Kandidierenden der nationalen Wahlen vom 20. Oktober für Menschen mit Demenz engagieren? Alzheimer Schweiz wollte es wissen und bekam knapp 300 Antworten. Wir sprachen mit der Geschäftsleiterin Stefanie Becker.

Von Martin Mühlegg

alzheimer.ch: Rund 5000 Menschen bewerben sich um die Sitze in National- und Ständerat. Wie sind Sie bei der Umfrage vorgegangen?

Stefanie Becker: Wir haben die Anfragen über die zentralen Parteisekretariate eingegeben. Von dort aus wurden sie verteilt. Wir haben angefragt, ob und in welcher Form Demenz in ihrem zukünftigen Programm eine Rolle spielt. Dabei waren nicht nur Fragen zum Ankreuzen vorgegeben, sondern die Kandidierenden konnten auch freie Texte als Antwort dazu schreiben.

Wie viele Kandidierende haben bisher reagiert?

Es haben knapp 300 Personen teilgenommen.

Stefanie Becker.
Stefanie Becker. Bild PD

Das sind nicht einmal zehn Prozent. Sind Sie enttäuscht?

Nein. Wir haben die Kandidierenden breit sensibilisiert für das Thema – auch wenn sie nicht teilgenommen oder der Publikation ihrer Aussagen nicht zugestimmt haben.

Was machen Sie mit den eingegangen Informationen?

Wir werden die Zitate im O-Ton mit Angabe von Namen und Partei ab heute auf unserer Website zugänglich machen. Darüber hinaus ermöglicht uns diese Umfrage, jene Politikerinnen und Politiker zu identifizieren, die sich für unsere Arbeit interessieren – selbst wenn sie nicht in den National- oder Ständerat gewählt werden sollten. Die meisten von ihnen sind auch kommunal oder kantonal engagiert, sodass eine Kontaktaufnahme in jedem Fall sinnvoll ist.


→ Hier gehts zu den Aussagen der Kandidierenden


Gemäss Umfragen machen sich sehr viele Menschen Sorgen um Alter, Pflege und Demenz. Warum kommen diese Themen kaum vor in diesem Wahlkampf?

Alter ist zurzeit nicht «sexy» für viele unsere Politikerinnen und Politiker, weil sie sich damit weniger profilieren können.

Das Alter sorgt bestenfalls im Rahmen der AHV-Reform und Fragen zur Erhöhung des Pensionsalters für Diskussionen. Andere Themen wie das Rahmenabkommen mit der EU oder das Klima laufen diesen eher unpopulären Themen den Rang ab.

Sie wollen diesem offensichtlich vorhandenen Desinteresse der Politik auch mit dem Demenzmanifest der Betroffenen entgegentreten...

Wir haben wahrgenommen, dass die Nationale Demenzstrategie zwar seit fünf Jahren besteht und bei den Betroffenen – den Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen – eigentlich noch nichts angekommen ist. Die Nationale Demenstrategie hat immerhin viele interessante und durchaus lesenswerte Berichte. Im Alltag ist aber davon nichts zu spüren. Daraus ist dann diese Aktion gemeinsam mit Daniel Wagner und Michael Schmieder entstanden.


→ Hier gehts zum Beitrag über das Demenzmanifest


Wie sind Sie vorgegangen?

Es sollte darum gehen, den direkt Betroffenen eine Plattform zu bieten, um ihren Stimmen Gehör zu verschaffen und ihre Anliegen ganz konkret bei der Politik einbringen zu können. Damit ist ganz klar eine Forderung verbunden: Nationale Demenzstrategie – das kann es ja wohl nicht gewesen sein! Die Weiterarbeit an bisher Erarbeitetem ist zentral, damit wirklich im Alltag spürbare Verbesserungen für die Betroffenen eintreten. 

Die Webseite wurde von Daniel Wagner realisiert. Michael Schmieder und ich als Vertreterin von Alzheimer Schweiz haben mit entsprechenden Videobotschaften die Aufrufe zur Mitarbeit unterstützt. Wir haben diese Aktion zusätzlich in den Sozialen Medien und auf unserer Website beworben.

Auf der Website demenzstrategie.ch sind sehr viele Forderungen eingegangen. Wie haben Sie die sortiert?

Alzheimer Schweiz – im Wesentlichen meine Kollegin Maya Ackermann – führte die Sortierung in zwei Schritten durch. Zuerst haben wir alle Aussagen nach Herkunft – also Demenzerkrankte, Angehörige oder Fachpersonen – und nach Häufigkeit der Zustimmung in einer grossen Tabelle sortiert. Inhaltlich haben wir die Aussagen noch bezüglich der darin angesprochenen Themen genauer analysiert und inhaltliche Überkategorien gebildet. 

Diese sind am Demenz Meet in Zürich den Teilnehmenden zur weiteren Konkretisierung vorgestellt worden. Nach ihren Rückmeldungen haben wir sie zusammengefasst und auf den Punkt gebracht. An der Stelle möchte ich auch ein grosses Dankeschön an alle richen, die sich beteiligt, mitdiskutiert und engagiert haben! Ohne euch gäbe es dieses Manifest der Betroffenen nicht!

Stefanie Becker, Michael Schmieder und Daniel Wagner am Zürcher Demenz Meet.
Stefanie Becker, Michael Schmieder und Daniel Wagner am Zürcher Demenz Meet. Bild Stephanie Sonderegger.

Inwiefern unterscheidet sich das Manifest der Betroffenen von der Nationalen Demenzstrategie

Hauptunterscheidungsmerkmal ist, dass die Forderungen tatsächlich von Betroffenen formuliert sind – also aus der Sicht von denjenigen, die täglich mit Demenz in der einen oder anderen Form konfrontiert sind. Entsprechend fordern sie um einiges konkreter das, was wirklich einen Beitrag für die Verbesserung der Lebenssituation und des Alltags eines Lebens mit Demenz leisten kann.

Um das Thema Demenz stärker in die politische Debatte einzubringen, muss man auch erst einmal zuerst konkret wissen, was es überhaupt heisst, eine betroffene Person zu sein. Nur dann versteht man auch, was es braucht, damit wirklich Verbesserungen möglich sind. Die Nationale Demenstrategie hat das übergeordnete Ziel «Verbesserung der Lebensqualität» ebenfalls formuliert.

Die bisherigen Ergebnisse der Demenzstrategie sind noch weit weg vom Alltag mit Demenz.

Wie geht es weiter? 

Mit der Publikation des Manifests der Betroffenen ist auch eine Unterschriftenaktion verbunden, mit der wir noch weiter mobilisieren und das Thema in der Community aktiv auch in unserer politischen Arbeit halten wollen.

Wie wollen Sie dem Manifest der Betroffenen politisches Gewicht verschaffen?

Dies ist bereits im Rahmen einer Anhörung in der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Ständerates erfolgt und wird auch an der Nationalen Fachtagung des Bundesamtes für Gesundheitswesen (BAG) zum Abschluss der Nationalen Demenzstrategie stattfinden. Das Bewusstsein der Bevölkerung für die Probleme und Lösungsmöglichkeiten können durch die Erarbeitung von Studien, aber auch durch Kommunikations- und Sensibilisierungsarbeit wie mit diesem Manifest der Betroffenen gestärkt werden. Dadurch resultiert auch ein öffentlicher und politischer Druck.

Das Sammeln von Unterschriften ist mit dem Manifest verbunden.
Das Sammeln von Unterschriften ist mit dem Manifest verbunden. Bild PD

Wie gross sind die Chancen, dass innert nützlicher Frist etwas passiert? 

Ich habe das Gefühl, dass nicht nur mit dem Manifest der Betroffenen eine Bewegung entstanden ist, sondern auch unsere Interventionen auf Bundesebene dazu beigetragen haben, die Überzeugung bei Behörden und Politik zu fördern. Es wächst die Erkenntnis, dass es mit den bisherigen Ergebnissen der Nationalen Demenstrategie nicht getan ist und es noch weitere Unterstützung von nationaler Seite benötigt.

Daher halte ich es durchaus für machbar, dass in den nächsten Jahren hier effektiv etwas entstehen wird, dass wirklich und konkret Verbesserungen im Alltag der Betroffenen bringt. Das Manifest der Betroffenen leistet dazu sicherlich einen wichtigen Beitrag und ich hoffe, es werden weiterhin viele mit ihrer Unterschrift unterstützen!

erschienen: 20.09.2019

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