Biografiearbeit

Vom Aktivdienst in die Hochkonjunktur

Biografie und Lebensweise dieser an Demenz erkrankten Frau sind stark von den Nachkriegsjahren geprägt.
Biografie und Lebensweise dieser an Demenz erkrankten Frau sind stark von den Nachkriegsjahren geprägt. Bild Uli Reinhardt

Obwohl die Schweiz nicht in den Zweiten Weltkrieg involviert war, prägte dieser eine ganze Generation. Es folgten die kleinbürgerlichen und patriarchischen Nachkriegsjahre, bevor die Werte in den Siebzigerjahren neu definiert wurden.

Von Heidi Witzig

Biografiearbeit

Was Menschen mit Demenz vor ihrer Erkrankung erlebt haben, muss bei der täglichen Pflege nicht immer von Belang sein – vor allem, wenn die Erlebnisse aus zweiter oder dritter Hand geschildert wurden. Dennoch ist es von Vorteil, wenn wir wissen, was die uns anvertrauten Menschen geprägt hat und in welchem Umfeld sie früher gelebt haben. Historiker aus der Schweiz, Österreich und Deutschland zeigen in ihren Texten auf, wie es sich in diesen Ländern zwischen 1940 und 1975 gelebt hat, was die Menschen beschäftigte und welche gesellschaftlichen Regeln und Werte sie geprägt haben. Über die Bedeutung der Biografie in der täglichen Betreuung von Menschen mit Demenz gibt es unterschiedliche Ansichten. Während die einen Fachleute die Vergangenheit stark in den Alltag einfliessen lassen, lehnen dies andere Fachleute ab und sagen, das Hier und Jetzt sei entscheidend.

1. Arbeitsprägung im Zweiten Weltkrieg 

Generell: Diese Jahre sind tief ins Gedächtnis eingebrannt. Die hier geschilderten Prägungen gelten ausschliesslich für die Schweiz. Wer den Krieg in einem kriegführenden Land erlebt hat, ist grundsätzlich anders geprägt worden. Männer und Frauen arbeiten getrennt, in zwei verschiedenen Welten, und machen sehr verschiedene Arbeitserfahrungen. Wichtige, emotional beladene Begriffe waren: Generalmobilmachung, Réduit, Gotthard, General Guisan.

Die jungen Männer sind praktisch alle im Aktivdienst. Ihre «Arbeit» besteht in der Schweiz darin, die Grenzen zu bewachen, jederzeit bereit zu sein zur Verteidigung – aber sie kommen nie zum Kriegseinsatz. Dies wird häufig sehr ambivalent erlebt. Je nach Kriegslage können sie manchmal auch einige Zeit in den Beruf zurück, aber das Militär hat Priorität. Berufliche Weiterbildungen usw. sind nicht möglich. Einige nehmen die Chance wahr, im Militär eine Karriere einzuschlagen und werden Offiziere. Die Führungsmaximen KKK (Kommandieren, Kontrollieren, Korrigieren) sind weit verbreitet.

Die jungen Frauen haben, je nach dem, welcher Gesellschaftsschichtv sie entstammen, verschiedene Arbeitsprägungen. Frauen in Arbeitsgemeinschaften erleben häufig Drei- und Vierfachbelastungen. Junge Frauen aus dem Mittelstand haben Chancen, als «Lückenspringerinnen» die Männer zu ersetzen und gute Stellen auszufüllen, zum Beispiel als Lehrerinnen, in der Buchhaltung usw., auch der Einsatz im Zivilschutz wird häufig positiv erlebt.

Junge Frauen, die nicht unbedingt verdienen müssen, gehen oft in den Militärischen Frauenhilfsdienst (FHD). Im Lauf des Krieges arbeiten sie nicht nur im Büro und als Hilfen für die Männer, sondern dürfen (als Höhepunkt) Auto und Lastwagen fahren lernen, oder sogar Autos reparieren. Viele dieser Frauen haben sehr positive Erinnerungen an die Kriegszeit.

Prägung durch das Zusammenleben

Generell: Junge Männer und Frauen leben getrennt. Die ältere Generation erinnert sich noch an die gleichen Umstände während des Ersten Weltkriegs, für die Jungen ist dies neu und einmalig. Neue Erlebniswelten wirken häufig positiv, doch herrschen auch Angst, Sorge und Heimweh bei Frauen wie bei Männern, und darüber hinaus eine existenzielle Unsicherheit, ob man sich überhaupt wiedersehe, wie der Krieg wohl ausgehen werde, usw. Prägende Begriffe: Plan Wahlen, Anbauschlacht, Rationierung, Notvorräte.

Die jungen Männer leben dicht an dicht mit ihresgleichen. Viele vergessen das Erlebnis der Kameradschaft ihr Leben lang nicht mehr: Junge Männer aus allen Schichten und Landesgegenden, die sich sonst nie kennengelernt hätten, sind in einer unfreiwilligen Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweisst.

Die Serviertochter als Gemeinschaftserlebnis: Fantasien zum Thema Frauen, Freizeit, Erotik oder Sexualität konzentrieren sich auf diese Frauen. Der äusserst populäre Film von Franz Schnyder «Gilberte de Courgenay» nimmt dies auf. Die Serviertochter Gilberte im jurassischen Dörfchen Courgenay steht ein für die geistige und militärische Landesverteidigung; sie stellt während des Krieges eine wichtige Identifikationsfigur dar.

Eine wichtige Frauenfigur ist auch die Soldatenmutter. Das sind (häufig auch ledige) Frauen, die im Auftrag von Frauenvereinen alkoholfreie Baracken führen, wo die Soldaten ohne Konsumationszwang ihre Freizeit verbringen können. Die Soldatenmutter kümmert sich um die jungen Männer, näht Knöpfe an, hört Sorgen und Kümmernisse ab.

Die jungen Frauen erleben ihren Beziehungsalltag zumeist im gewohnten familiären Rahmen. Es gibt traditionelle Zusammenschlüsse zwischen Verwandten – zum Beispiel kommt die Mutter zur Tochter und führt ihr den Haushalt, damit diese einem Gelderwerb nachgehen kann, oder die verwandten Frauen führen zusammen den Bauernhof.

Junge Verheiratete werden während der Kriegszeit schwanger, weil die Soldaten auf Urlaub dürfen; das sind die sogenannten «Urlauberli».

Die Begegnung mit dem Fremden: Internierte Soldaten, hauptsächlich Polen, werden zu Arbeitseinsätzen in Bauern- und Gewerbebetriebe geschickt. Diese jungen fremden Männer sind ähnliche Fantasieträger wie die Serviertöchter für die Soldaten. Es gibt in einzelnen Fällen auch Liebesbeziehungen («Polenkinder») und nach dem Krieg auch Ehen zwischen Schweizerinnen und Polen.

Prägungen durch nationale Ideologien

Generell: Die Armee gilt als Garantin der Neutralität und der Freiheit der Schweiz mit General Guisan als Identifikationsfigur. Schon während der 30er-Jahre intensiviert der Bundesrat die sogenannte «geistige Landesverteidigung» als Verankerung der Abwehr von Nazi-Ideologien und Nazideutschland. Man darf nicht vergessen, dass bis 1941 eine Eroberung der Schweiz durch Nazideutschland wahrscheinlich erschien. Erst ab 1942 zeichnete sich ab (Russlandfeldzug, Eintritt der USA in den Krieg), dass die Alliierten gewinnen würden.

Zentrales Ereignis mit ungeheurer Ausstrahlungskraft ist die Landesausstellung 1939 in Zürich, die Landi. Mittelpunkt sind der «Weg der Schweiz», ein Fahnenwald mit Flaggen sämtlicher Schweizer Gemeinden und der Armeepavillon, wo neben modernen Waffen die Skulptur «Der Schweizer Soldat» steht. All diese Bilder und auch die Musik des «Landi-Liedes» binden heute noch grosse Energien.

Symbolische Aktionen wie der Rütli-Rapport (General Guisan befiehlt am 25. Juli 1940, nach dem Fall Frankreichs und nach Anpassungstendenzen im gehobenen Bürgertum, das gesamte Armee-Kader aufs Rütli) oder auch schockierende Aktionen wie die Erschiessung von Landesverrätern, sollen angesichts der existenziellen Bedrohungen Einigkeit herstellen und bekräftigen.

2. Nachkriegszeit und beginnende Hochkonjunktur 

Generell: Die Nachkriegszeit in der Schweiz ist im europäischen Vergleich geprägt vom raschen Einsetzen der wirtschaftlichen Konjunktur. Kein Wiederaufbau zerstörter Infrastruktur ist nötig, und alle Männer kommen aus dem Aktivdienst wieder zurück. Die jungen Frauen, die als «Lückenfüllerinnen» Chancen gehabt hatten, verlieren ihre Jobs. Es ist das «Goldene Zeitalter» der traditionellen Ehen.

Arbeitsprägung

In den 1950er-Jahren setzt der Boom ein. Man spricht von den «silver fifties» und den «golden sixties». Industrie und besonders Dienstleistungsbetriebe wachsen stark an, die Landwirtschaft verliert an Bedeutung.

Die Reallöhne verdoppeln sich zwischen 1945 und 1975. Das Erdöl setzt sich gegen die traditionellen Energieträger Kohle und Holz durch, es ist der Beginn des Plastikzeitalters.

Die steigende Nachfrage nach Arbeitskräften hat für die Männer verschiedene Konsequenzen: Junge Männer, die als Offiziere Karriere gemacht hatten, machen ohne weitere berufliche Ausbildung Karriere bei Banken, Versicherungen und in den oberen Kadern der Industriebetriebe. Die beschriebenen Führungsmaximen der Armee KKK sind nun die Führungsmaximen der wirtschaftlichen Eliten dieser Generation. 

Andererseits erfolgt schon in den Fünfzigerjahren eine sogenannte Unterschichtung: Die ersten Einwanderungswellen von italienischen Arbeitern (die sogenannten «Saisonniers»), die hauptsächlich im Baugewerbe gefragt sind, bekommen als Chefs Schweizer Arbeiter, die ihrerseits beruflich wenig ausgebildet sind und gut verdienen.

Seit den Fünfzigerjahren wird in breiten Kreisen der Schweiz der Berufstätige als Alleinernährer der Familie Realität.

Davon ausgenommen sind – bis heute – Familienbetriebe in Bauern-, Gewerbe- und Handwerksbetrieben sowie Angehörige unterer Arbeiterschichten.

Scharf wie nie zuvor in der Geschichte werden die Frauen nach dem Zivilstand unterschieden: Ehefrauen sollen als Hausfrauen und Mütter zu Hause arbeiten, ledige Frauen in sogenannten «Fräuleinberufen». Erwerbstätige Mütter werden negativ bewertet («Rabenmütter» oder bemitleidet: «Mütterarbeit» als soziale Not).

Iris von Roten löst 1958 mit ihrem Buch «Frauen im Laufgitter – Offene Worte zur Stellung der Frau» einen mittleren Skandal aus. Sie setzt sich vehement für die Erwerbstätigkeit aller Erwachsenen ein. Unter anderem unterscheidet sie die Frauenarbeit der Ehefrauen als diejenige einer «Bienenkönigin», der ledigen Frauen als diejenige von «Arbeitsbienen».

Die Frauenerwerbstätigkeit steigt entgegen dem europäischen Trend kaum an: 1939 33,7 Prozent, 1960 35 Prozent – wobei man allerdings berücksichtigen muss, dass nur volle Erwerbstätigkeit gezählt wird (auch im übrigen Europa), die Teilzeitarbeit also nicht, ebenso wenig die Zusammenarbeit in einem Familienbetrieb oder Heimarbeit. Die Lohndifferenz zu vergleichbaren Männertätigkeiten beträgt rund 30 Prozent.

Die Arbeit als Hausfrau und Mutter gilt als Ideal, als Norm, die unter dem Schlagwort «Schweizer Hausfrau» stark propagiert wird. Unter anderen auch von den Frauenzeitschriften, die einen rasanten Aufschwung erleben, allen voran die einflussreiche «Annabelle».

Die konkreten Arbeiten der Hausfrauen sind bis in die Fünfzigerjahre hinein körperlich streng: Gestiegene Hygienevorstellungen fordern saubere Wäsche, aber Waschmaschinen sind erst im folgenden Jahrzehnt häufiger verbreitet. Putzen ist ebenfalls noch anstrengend, alles geschieht von Hand, inklusive Teppichklopfen. Einmachen, selber stricken, selber nähen usw. gehört zu den Pflichten.

Die körperlich strenge Arbeit verschwindet in den Sechzigerjahren aus dem Bewusstsein, sie wird zwar immer noch geleistet, aber nicht mehr hoch gewertet. Sie wird verdrängt zugunsten der «eigentlichen» Leistung der Hausfrau: Repräsentation des gehobenen Lebensstils durch gepflegtes Aussehen, stilsicher eingerichtete Wohnung, frohe und gehorsame Kinder, harmonisches Familienleben. Kennzeichnend für diese Entwicklung wird die sogenannte «Halbschürze»: sie zeigt an, dass die Frau zwar arbeitet, aber in erster Linie versuchte, «adrett» – ein wichtiger Begriff in diesem Jahrzehnt – auszusehen und eine harmonische Atmosphäre zu kreieren.

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Ledige Frauen gelten zunehmend als «Fräuleins», die keine Chance auf eine Ehe erhalten haben und sich deshalb im Erwerbsleben «mütterlich» oder «weiblich» betätigen und verwirklichen sollen – zu Frauenlöhnen natürlich. Traditionelle Tätigkeiten wie Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen, Krankenschwestern usw. haben einiges Prestige. Auch Schneiderin gilt als Beruf, den man nach der Heirat gut brauchen könne.

Neuer Traumberuf ist die Sekretärin, die mit Schreibmaschine und Stenoblock ihren Chef entlastet, oder die als «Tochter der Lüfte» romantisierte Stewardess. In Büroberufen machen zirka ein Drittel der Frauen eine Lehre. Der Kaufmännische Verein KV ist in den 1920er Jahren vom Bundesgericht gezwungen worden, auch Frauen auszubilden.

Prägungen durch das Zusammenleben

Die Lebenserwartung steigt zwischen 1941 und 1950 auf 64,1 (Männer) bzw. 68,3 (Frauen) Jahre, die ältere Generation bezieht seit 1947 eine AHV. Das Zusammenwohnen von drei Generationen ist immer noch verbreitet, doch zunehmend versuchen die Generationen separat zu wohnen. Der Boom der Altersheimbauten erfolgt ab den Sechzigerjahren.

Ledige Frauen haben erstmals in breiteren Kreisen die Möglichkeit, von ihrem Lohn selbständig zu leben. Doch für sie erreichbar ist im besten Fall die Einzimmerwohnung. Die Zweigenerationenfamilie wird mobil: Man zügelt der Arbeit des Vaters nach. Moderner Wohnkomfort ist am ehesten erreichbar in modernen Blocksiedlungen. Dort werden geheizte Zimmer, fliessend kaltes und warmes Wasser, Gas- oder Elektroherd, eventuell sogar eine Waschmaschine im Keller zum Standard.

Die Ernährung bleibt traditionell in der Unterscheidung von Werktags- und Sonntagsessen. Ungemein prägend ist das Angebot der Migros: die ersten Ananas oder Fruchtsalate, Schoggicremes, Ravioli usw. – alles aus der Dose. Nach den Entbehrungen der Kriegszeit ernähren sich die Schweizer kalorienreich mit viel Mayonnaise (Russischer Salat), süssen Gebäcken und Kuchen.

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Sonntags- und Werktagskleider werden unterschieden. Viele Kinderkleider schneidert die Mutter noch selbst, eventuell auch Kleidungsstücke für sich. Die Ehefrau wird verantwortlich für die angemessene Kleidung des Ehemannes auch am Werktag. Männer in gehobenen Positionen haben als Erste eine gediegene Werktagskleidung. Hosen für Frauen sind verpönt, Eheringe für Frauen obligatorisch.

Der gemeinsame Freizeitkonsum liegt im Aufgabenbereich der Ehefrau. Er soll jederzeit den materiellen Status der Familie dokumentieren – also den Erfolg oder auch die Erfolglosigkeit des Alleinernährers. Wichtig sind Ferien (wohin, wie lange, mit oder ohne Auto?), Abendeinladungen zum Betrachten der Ferienfoto-Alben oder zum gemeinsamen Anhören von Schallplatten. Ab den späten Sechzigerjahren haben die ersten Familien einen Fernseher, zu den Sendungen sind auch Nachbarn und Verwandte eingeladen.

Es starten die ersten Samstagabend-Programme im Fernsehen als «Strassenfeger», wobei sich viele Personen um einen Fernseher scharen.

Männerrolle – Frauenrolle: Frauen sind bis 1971 vom Stimm- und Wahlrecht ausgeschlossen, also auch von jeder politischen Betätigung. In einzelnen Städten und hauptsächlich im Welschland dürfen sie sich in Schul- und kirchlichen Angelegenheiten engagieren – und natürlich in der gemeinnützigen Arbeit der Frauenvereine.

Männer haben ausser- und innerhalb der Familie eine extrem starke Position: Das Eherecht (1912) bestimmt den Mann als Haupt der Familie, der auch über Erwerbstätigkeit, Bankkonto usw. der Frau entscheidet (bis 1989). Das 1947 etablierte Sozialversicherungssystem der AHV definiert die Ehefrau bezüglich Rente als Anhängsel ihres Mannes, sie kann keine eigenständige Rente begründen. So ist es für Ehemänner nicht sehr schwer, sich zu Hause als «Pascha» zu etablieren.

Frauen werden auch gesellschaftlich auf die dienende Rolle verwiesen. Diese Generation ist stark geprägt durch die Haltung, ausserhalb der Familie seien die Männer zuständig, das gehe einen nichts an. Viele dieser «braven Schweizer Hausfrauen» sind gegen das Frauenstimmrecht, weil sie nichts von Politik verstünden («Fragen Sie meinen Mann»). Frauenrechtlerinnen gelten als unweiblich.

Prägungen durch politische Ideologien

Generell: Die Schweiz ist vom Krieg verschont geblieben. Die vorherrschende Meinung ist, dies sei der Armee zu verdanken, die Neutralität und Freiheit verteidigt habe. Das Bild vom Igel, der seine Stacheln stellt und sich erfolgreich wehrt, hat sich offensichtlich bewahrheitet.

In der Nachkriegszeit verstärkt sich die Igel-Mentalität zur Propaganda, die Schweiz sei ein Vorbild für die ganze Welt bezüglich Armee, Demokratie und Neutralität. Der «Sonderfall Schweiz» gilt als perfekte Institution, unveränderbar und letztlich auch nicht kritisierbar. Kritiker – beispielsweise die jungen Literaten um Max Frisch oder Max Imbodens «Helvetisches Malaise» – gelten als Nestbeschmutzer.

Zu den perfekten Institutionen gehört auch das fehlende Frauenstimmrecht. Weit verbreitet ist die Mentalität, eine rechte Frau brauche das nicht, sie kenne ihren Platz und bestimme dort schon genug.

Auch die Einrichtung von Sozialversicherungssystemen geschieht langsam: Nach der AHV 1947 dauert es bis in die Sechzigerjahre zur Etablierung der Invalidenversicherung IV.

Der «Sonderfall Schweiz» schliesst sich weder der UNO noch der entstehenden Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) an. Einigendes Band zwischen den westeuropäischen Staaten und den USA ist der Antikommunismus. Auch innerhalb der Schweiz gelten Kommunisten als unschweizerisch (Slogan: «Verreis doch, Moskau einfach!»). Besonders nach dem Ungarn-Aufstand 1956 werden sie massiv angegriffen. Die Solidarität mit den Ungarnflüchtlingen ist riesig. Sie werden in Analogie zur Schweiz während des Krieges gesehen: Ein kleines Volk, das umzingelt ist von einem mächtigen Feind und sich mit allen Kräften wehrt.

Einigend ist auch der ungebrochene Fortschrittsglaube: Der Wohlstand dank Technik und Wissenschaft wird sich immer weiter verbreiten. Die Planung des Autobahnnetzes – eines der dichtesten ganz Europas – und von Atomkraftwerken (1969 erstes AKW Beznau) werden euphorisch an die Hand genommen. Die natürlichen Ressourcen Wasser, Luft und Landschaft scheinen unerschöpflich, Umweltschutz ist weder Thema noch Begriff.

3. Die Siebzigerjahre

Generell: Das rasante Bevölkerungswachstum (1956 bis 1960: 5,2 Millionen; 1966 bis 1970: 6,13 Millionen) stoppt nach der Krise Mitte der Siebzigerjahre (1976 bis 1980: 6,32 Millionen). Der Energiekonsum steigt, es entwickeln sich Agglomerationen und urbane Räume. Die Menschen werden mobiler, es entstehen Autobahnen und Einkaufszentren, die nur mit Autos erreichbar sind. Nach 1968 erscheint der erste Alarmruf des Club Rome über die «Grenzen des Wachstums». Die verschiedenen Protestbewegungen ab 1968 geben dem Unbehagen gegenüber der Fixierung auf Konsum und Leistung Ausdruck.

Arbeitsprägungen

Die Generation der um 1950 Geborenen ist – anders als die Elterngeneration – nicht durch Kriegs- und Krisenerfahrungen geprägt, sondern durch eine jahrzehntelange Phase der Hochkonjunktur und durch ein massiv ausgeweitetes Bildungsangebot, das auch jungen Frauen offen steht. Dank dem Wirtschaftswachstum steigt der Wohlstand auf bisher unbekannte Weise für breiteste
Kreise der Bevölkerung. 

Die Masseneinwanderung von sogenannten Fremdarbeitern nimmt zu, nach der Schwarzenbach-Initiative von 1970 folgen weitere Überfremdungsinitiativen, die alle verworfen werden. 

In der akuten Krise 1973/74 gehen 300 000 Arbeitsplätze verloren, worauf zirka 200 000 Fremdarbeiter als sogenannte Konjunkturpuffer entlassen werden. Als «Erdölkrise» oder «Erdölschock» macht sie erstmals die Abhängigkeit der ganzen Gesellschaft vom Erdöl des Südens bewusst. 1973 gilt für drei Sonntage ein Autofahrverbot. Die Atomenergie wird forciert: 1979 Eröffnung des vierten AKWs in Gösgen. Die verlorenen Arbeitsplätze werden in den Achtzigerjahren in den aufstrebenden Branchen Banken und Grossindustrie wieder geschaffen.

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Das Sozialversicherungssystem wird über die AHV hinaus weiter ausgebaut: 1972 wird das Drei--Säulen-System beschlossen, die obligatorische Krankenversicherung muss noch bis 1994 warten, die Unfallversicherung bis 1981.

Frauen arbeiten weiterhin grossmehrheitlich in den modernen Dienstleistungsbetrieben wie Banken und Versicherungen und den traditionellen KMU (kleinen und mittleren Unternehmen). Die Teilzeitarbeit für Mütter wird stark propagiert.

Arbeiten und Geldverdienen ist für diese Generation nicht mehr Schicksal. Es gibt Rebellion gegen den Leistungszwang der Elterngeneration. Möglichkeiten für Teilzeitarbeit und Jobbing werden gesucht.

Prägungen durch das Zusammenleben

Das Zusammenleben ohne Trauschein wird gesellschaftlich akzeptiert. Die Familien werden kleiner, die Ehen unsicherer: Geburtenrückgang zwischen 1964 und 1978 um 60 Prozent, die Scheidungsrate verdoppelt sich von 1965 bis 1985. Die Familie wird immer stärker zur Konsumgemeinschaft. Lebensmittelangebot in Wegwerfpackungen (PVC), Siegeszug der Selbstbedienungsläden. Beginn des Massentourismus. 

Individualisierung des gemeinsamen Familienalltags: Schnellimbiss statt Familientisch, Etablierung von «Familienkonferenzen», wo gemeinsam Beschlüsse gefasst werden sollen («antiautoritäre Familien»). Kinder und Jugendliche werden durch die Werbung explizit als Konsumenten angesprochen. Es gibt Freizeitprogramme für Jugendliche, Rucksacktourismus nach Übersee usw.

Die Neue Frauenbewegung propagiert neue Leitbilder zur Beziehung zwischen den Geschlechtern: Kampf gegen patriarchale Strukturen, Gleichberechtigung in der Partnerschaft, selbstbestimmte Sexualität inklusive selbstbestimmter Schwangerschaft (Pille), Neuverteilung der Familien- und Erwerbsarbeit, Propagierung von Lebensformen ausserhalb der Kleinfamilie (Konkubinat, Wohngemeinschaften).

Ideologische Prägungen

Generell: Die Spannungen zwischen dem ungebrochenen wirtschaftlichen Optimismus und dem gesellschaftlichen und politischen Konservatismus brechen auf. Ein Teil der jungen Generation protestiert gegen die Leistungs- und Konsumfixierung. Sie fordert Freiräume, provoziert mit Kleidung, Frisuren und neuem Beziehungsverhalten.

Protestbewegungen in der Schweiz: Neue Frauenbewegung, Studentenbewegung und revolutionäre Linke, Solidaritätsbewegungen mit der Dritten Welt. Alle diese Bewegungen sind spektakulär und frech im Auftreten, provozieren durch Kleidung und Frisuren, suchen die Konfrontation und sind überzeugt von ihrer Mission. Sie schockieren die Elterngeneration zutiefst.

  • Frauenbewegung: 1971 Einführung des Frauenstimmrechts auch in der Schweiz (1990 wird Appenzell Innerrhoden durch das Bundesgericht gezwungen, das kantonale Frauenstimmrecht einzuführen). 1975 Nationaler Frauenkongress und Gegenkongress, welcher nicht nur die Pille und eigenbestimmte Sexualität einfordert, sondern auch die legale Abtreibung verlangt (Fristenlösungsinitiative 1977 verworfen, 2002 angenommen). 1981 Annahme der Gleichstellungs-Initiative dank der Mehrheit der befürwortenden Frauen (die Männer stimmen mehrheitlich dagegen). Neues Kindsrecht 1978, neues Eherecht 1988, neues Sexualstrafrecht 1992, neues Scheidungsrecht 2000. Die Frauenbefreiungsbewegung FBB errichtet Frauenzentren als Treffpunkte von Frauen für Frauen, Frauenhäuser für geschlagene Frauen (Thematisierung der bisher tabuisierten häuslichen Gewalt), Informationsstellen für Frauen zu den Themen Scheidung und Abtreibungsmöglichkeiten. 1997 löst sich die FBB als Bewegung auf.
  • Studentenbewegung und revolutionäre Linke: Weltweiter Kampf gegen Kapitalismus und die Ausbeutung (Ho Chi Min, Che Guevara). Viele dieser engagierten Männer landen nach einem «Marsch durch die Institutionen» in den Neunzigerjahren in hohen Stellungen in Politik und Medien.
  • Solidaritätsbewegungen mit der Dritten Welt: Sie beginnen in den 1970er Jahren mit Aktionen mehrheitlich von Frauengruppen: «Jute statt Plastick», Kaffeeverkauf, Bananenverkauf ohne Ausbeutung (Bananenfrauen). Daraus entstehen die Dritt-Welt-Läden. Die Aktion «Nestlé tötet
    Babies» zwingt nach einem aufsehenerregenden Prozess und einem jahrelangen europäischen und amerikanischen Boykott den Multi zum Verzicht auf den Verkauf von Muttermilch-Ersatz in den Ländern des Südens.
  • Weitere Aufbruchsbewegungen: Umweltschutz (Umweltverschmutzung), Grenzen des Wachstums, Anti-AKW-Bewegungen (1975 Besetzung des Geländes von Kaiseraugst, 1979 Ablehnung der Atomschutzinitiative).

Öffnung der Kirchen: Vatikanisches Konzil 1962–65, Bewegungen des Aggiornamento und der Ökumene bringen ab 1972 mit der «Synode 72» einen Aufschwung in die katholische Kirche. Die reformierte Kirche beginnt erst 1983 mit dem Aufbruch der Evangelischen Synoden.

In der Politik wird das Tabu des «Sonderfalls Schweiz» langsam aufgebrochen: Diskussionen um den Beitritt zur UNO und zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (heute EU) beginnen von neuem. 

erschienen: 11.05.2016

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