Ökonomie

«Das Hauptziel der Konzerne sind möglichst hohe Gewinne»

In der Pflege treffen Grosskonzerne auf eine garantierte Nachfrage und Bezahlung – zur Freude der Aktionäre.
In der Pflege treffen Grosskonzerne auf eine garantierte Nachfrage und Bezahlung – zur Freude der Aktionäre. Bild PD

Die Betreuung und Pflege von Menschen mit Demenz verursacht hohe Kosten für die Allgemeinheit. Gleichzeitig erzielen Konzerne damit grosse Gewinne und Renditen. Der Ökonom Mathias Binswanger fordert mehr Transparenz und staatliche Eingriffe.

Von Martin Mühlegg

alzheimer.ch: Pflegekonzerne wie Orpea-Senevita oder Tertianum betreiben immer mehr Heime. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Mathias Binswanger: Diese Entwicklung ist mit Gefahren verbunden. In Wirklichkeit setzt sich damit nicht ein effizienter Markt gegenüber einem ineffizienten Staat durch, sondern es gibt ein paar Grosskonzerne, die nachher Marktmacht besitzen und den Markt dominieren.

Gleichzeitig treffen sie auf eine garantierte Nachfrage, da die Bewohner und Patienten in bestimmten Situationen ein Heim brauchen, und die Bezahlung letztlich durch den Staat garantiert ist. Deshalb muss man genau überlegen, mit welchen Folgen eine solche Entwicklung verbunden ist, und ob diese auch gewünscht ist.

Mathias Binswanger.
Mathias Binswanger. Bild PD

Wer grösser ist, kann Synergien nutzen und Kosten senken – zum Beispiel mit günstigerem Einkauf, zentraler Administration und so weiter. Können Bewohner und ihre Angehörigen davon profitieren?

Ja, teilweise profitieren sie dort, wo der Markt tatsächlich spielt. Aber das Hauptziel der Konzerne besteht darin, möglichst hohe Gewinne zu erzielen, da sie von den Investoren danach bewertet werden.

Einige dieser Pflegekonzerne erzielen grosse Gewinne und Renditen. Wie ist das möglich?

Das hängt einerseits mit der Marktmacht aufgrund der Oligopolstellung dieser Konzerne zusammen und liegt andererseits an der garantierten Nachfrage.

Offenbar erzielen sie auch grosse Gewinne, weil sie Leistungen abbauen – dies hört
man von Mitarbeitenden und Angehörigen. Haben solche Heime langfristig eine Zukunft?

In all diesen Institutionen versucht man Economies of Scale (Anmerkung der Redaktion: Skaleneffekt) auszunutzen und Heime tendenziell wie eine Fabrik zu managen.

Man standardisiert die Pflege und macht sie so leichter organisierbar und planbar.

Darunter leiden aber häufig die Bewohner, für welche das Personal dann keine Zeit mehr hat – weil man zu optimieren versucht, indem man teure und arbeitsintensive Leistungen abbaut.

Eine Qualitäts- und Leistungskontrolle gibt es in dem System nicht. Es wird nur kontrolliert, ob die Dokumentation richtig geführt wird. Braucht es hier bessere Kontrollen und relevantere Kriterien?

Mehr Kontrolle ist heute die Standardlösung in allen Bereichen, aber nicht wirklich hilfreich. Es werden irgendwelche Kennzahlen oder Indikatoren erhoben, die angeblich die «Qualität» erfassen.

Die Institutionen beginnen dann, sich an diesen Zahlen auszurichten, was häufig nicht zu einer tatsächlichen Verbesserung, sondern zu Fehlanreizen und Bürokratie führt. Stattdessen muss man verhindern, dass überhaupt undurchschaubare Privatanbieter den Markt beherrschen.

Man muss die Unternehmen dazu auffordern, dass sie transparenter werden.

Es ist paradox: Viele alte Menschen können sich den Aufenthalt im Heim nicht mit eigenen Mitteln leisten. In einem System, das hohe Kosten für die Allgemeinheit verursacht (über Krankenkassenprämien und staatliche Mitfinanzierung von Heimaufenthalten), erzielen Private grosse Gewinne. Was halten Sie davon?

Die Gewinne werden genau aus diesem Grund erzielt. Weil die Bezüger einer Leistung oft nicht selbst dafür bezahlen, lässt sich die Nachfrage viel leichter steigern, als wenn jeder selbst für eine Leistung bezahlt und sich überlegen kann, ob er diese wirklich braucht oder nicht. Zusammen mit der vorhin erwähnten Marktmacht schafft dies ideale Bedingungen, um hohe Gewinne zu erzielen. 

Ist dies ethisch vertretbar?

Ethik ist ein dehnbarer Begriff. Die Frage ist eher, ob es eine für die Betroffenen optimale Lösung ergibt, und das ist kaum der Fall. 

Braucht es staatliche Eingriffe und neue Gesetze?

Die Unternehmen dieser Märkte geniessen das Privileg, auf einem Markt agieren zu dürfen, in dem die Nachfrage garantiert ist. Aus diesem Grund ist es auch berechtigt, den Konzernen Auflagen zu machen.

Welche?

Auflagen in Bezug auf Transparenz und Arbeitsverträge. Löhne des Kaders dürfen keine gewinnabhängigen Komponenten enthalten. Auch muss der Staat das Recht haben, bei Problemen einzugreifen.

Es gibt in der Schweiz rund 60 Krankenkassen. Sie alle müssen werben, verwalten – und teilweise hohe Löhne an ihre Manager bezahlen. Was halten Sie von einer staatlichen Einheitskasse, was wären deren Vor- und Nachteile? 

Eine Einheitskasse hat den Vorteil, dass der unsinnige Werbeaufwand reduziert wird, den die Versicherungen betreiben, um sich gegenseitig Kunden abzujagen für ein standardisiertes Produkt (obligatorischer Bereich).

Häufig versuchen die Versicherungen noch die guten Risiken zu bekommen – also junge Patienten, die nicht krank werden. Dies muss dann über einen komplizierten Risikoausgleich wieder kompensiert werden.

Alle diese Punkte sprechen für eine Einheitskasse. Dagegen spricht, dass hier eine Grossorganisation entsteht, in der die Gefahr von Bürokratie und Ineffizienz besteht.

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordostschweiz und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Er ist Autor zahlreicher Bücher und gehört zu den einflussreichsten Ökonomen der Schweiz.

 

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erschienen: 24.04.2019

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